Scheibes Kolumne Wlan auf Wangerooge


stern.de-Mitarbeiter Scheibe macht Urlaub, um sich ein wenig um die Familie zu kümmern. Aber eins ist natürlich klar: Der Notebook muss mit. Denn so ein Kolumnist, der hat ja nie wirklich frei. Der Kampf mit der Internet-Verbindung beginnt...

Wangerooge. Mit dem Inselflugzeug geht es von Harlesiel auf die Nordsee-Insel rüber. Einmal abheben, mit den Flügeln wackeln und schon wieder runter. In dem engen Flugzeug sitzen meine Frau, meine beiden Kinder, unser neuer Familienhund Becky und ich. Wichtiger fast noch: Meine Tasche mit dem Notebook, dem Arbeitsmaterial und mit einer Auftragsliste, die hier in den Kurzferien abzuarbeiten ist.

Keine Unfallgefahr

Die Insel ist autofrei, so dass man mitten auf dem roten Kopfsteinpflaster der Straßen laufen kann, ohne überfahren zu werden. Eine kalte Salzbriese vom Meer, jede Menge Urlauber vom Festland, Dutzende Kinder, viele Hunde: Hier ist ordentlich etwas los. Auf dem Weg zu unserer Wohnung dann der erste Blick auf die hohen Dünen, die mit langem Dünengras bewachsen sind. Herrlich. Nordsee ist schon cool, auch um diese Jahreszeit. Wir laufen am breiten Strand entlang und sehen Spaziergänger in dicken Jacken und mit Mützen auf dem Kopf. Dazwischen Wahnsinnige, die in Badehose ins eisige Meer springen. Brrr...

Die Wohnung ist ein Traum, zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit Küche, Ausgang direkt in den Garten - perfekt, um den Hund mal schnell nach draußen zu lassen. Der ist erst elf Wochen alt und muss nachts noch mal vor die Tür. Während die Kinder streiten, wer wo schläft und meine Frau den Fernseher inspiziert, um auch ja "Popstars" gucken zu können, nehme ich mir sofort das Telefon vor. Zum Arbeiten brauche ich Internet-Anschluss, da geht gar nix.

Die alles entscheidende Frage

Ob das Telefon mit so einem kleinen viereckigen Stecker in der Wand steckt? Oder wohl noch mit einem der langen Uraltstecker? Egal, ich habe für beide Varianten ein Kabel in der Tasche. Dumm ist nur, dass das Telefon im Flur steht. Da kann ich nicht arbeiten, da werde ich immer nur kurz ins Internet können. Auf dem Tisch im Flur stehen das Telefon und ein zweites Gerät, bei dem es sich um einen Gebührenzähler handelt. Egal, ich werde beides ausstöpseln. Entweder gehe ich mit meinem AOL-Urlaubs-Account online, der gar keine Gebühren verursacht, oder ich nutze SenseConnect, um mir den preiswertesten Internet-by-Call-Provider nennen zu lassen. Die paar Euro drücke ich dem Vermieter dann so in die Hand.

Das Entsetzen flammt auf, als ich in die Hocke gehe. Das ganze Wandpanel, in das die Kabel vom Telefon münden, ist faustdick mit einer grünen Art Knete verschlossen, die so hart ist wie Zahnbelag auf einem ungeputzten Backenzahn. Ich knibbele und knubbele, während mir langsam der kalte Angstschweiß den Rücken runterläuft. Eine Woche ohne Internet? Da kann ich gleich den nächsten Flieger nach Hause nehmen! Aber egal, wie sehr ich mit den Fingernägeln an dem Gummi frickele - da passiert rein gar nix.

Meine Idee

Vielleicht kann ich das Signal ja durchschleifen? Ich drehe das Telefon um, um hier nach einer weiteren Möglichkeit zum Anschluss zu suchen. Ein zweiter Aufschrei: Auch hier sind alle Kabel mit Superklebeknete fest mit dem Gerät verschweißt. Au Backe, hier wird das nix mit dem Internet. Die Familie ist enttäuscht. Sie dachte, ich kann hier abends und nachts arbeiten, um tagsüber überall mit dabei zu sein.

Doch Rettung naht. Ein Restaurant im Ort bietet einen eigenen WLAN-Hotspot an. Ich beschließe, ab sofort täglich mein Büro in der "Kneipe" aufzumachen. Direkt vor dem Gang zum Klo ist ein Einzeltisch zu finden, der direkt an der Wand steht. In der Wand eine Steckdose. Das ist ab sofort für eine Woche mein Stammplatz zwischen 10 und 14 Uhr. Ich baue mein Notebook auf, stöpsele meine Maus ein und packe Kopfhörer in das Gerät. So werden die anderen Gäste nicht von den Soundsignalen des Rechners abgelenkt und ich kann Musik hören. Barclay James Harvest, Bryan Ferry, Dido, De-Phazz - was aus den letzten Urlauben noch so auf der Festplatte herumliegt.

Was ist nötig?

Um ins Internet durchzustarten, brauche ich eine Hotspot-Card. Die kostet 3 Euro und erlaubt es mir, eine Stunde lang mit Highspeed zu surfen. Gut, dass mein Notebook mit Intel Centrino Mobile Technology ausgestattet ist, da brauche ich keine Kabelverbindung, um surfen zu können. Der Kellner fummelt in seinem riesigen Portemonnaie und überreicht mir stolz - eine einzelne Karte. Ich fordere stattdessen zehn und entlocke ihm so ein schockiertes Grunzen. Ich glaube, er realisiert gerade, dass ich ab sofort Stammgast bei ihm werde - für viele, viele Stunden. Er verschwindet und sammelt alle Karten der Kollegen ein. Fünf kriege ich erst einmal, weitere werden mir für den kommenden Tag in Aussicht gestellt.

Ich bin drin!

Automatisch wird eine Startseite im Web-Browser geladen, ich gebe eine Nutzerkennung und eine PIN-Nummer ein und schon bin ich im Web. 500 Mails sind im Nu empfangen, ich kann arbeiten und meine Texte schreiben - auch diesen hier. Schnell haben die Kinder raus: Nach dem Frühstück geht Papa erst einmal in die Kneipe.

Hier starte ich mit einer Cola, bestelle dann einen Latte Macchiato und nach 12 Uhr gönne ich mir ein Jever. Die Umgebung inspiriert halt. Dabei trinke ich doch sonst höchstens mal ein Bier im Monat. Zum Glück ist heute der letzte Tag. Noch einmal meine stern.de-Texte abgeben, die letzten E-Mails abrufen und ein wenig surfen - dann geht's wieder ab nach Hause. Da kann ich dann arbeiten, ohne in die Kneipe gehen zu müssen. Ich möchte aber nicht wissen, was die Kinder so erzählen, wenn sie wieder in der Schule sind.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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