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Steve Wozniak: Apples guter Kern

Alle Welt schaut auf Steve Jobs, doch was macht eigentlich der andere Apple-Gründer, Steve Wozniak? stern.de hat exklusiv mit ihm gesprochen.

Von Karsten Lemm

Als Steve Jobs vor einigen Monaten im Krankenhaus lag und sich von einer Krebsoperation erholte, schickte Steve Wozniak seinem alten Freund eine E-Mail, in der stand: Gute Besserung - und übrigens... Pizza essen ist gut gegen Krebs! Das hatte er in einem Artikel gelesen, den er Jobs gleich mitschickte. "So bin ich halt", sagt Wozniak. "Ich versuche immer, dem Leben eine heitere Seite abzugewinnen."

Wozniak ist der Apple-Gründer, den außerhalb der Fangemeinde kaum jemand kennt: ein bescheidener, gutmütiger Brummbär von 54 Jahren, das rundliche Gesicht von einem grauen Vollbart eingerahmt. Seit seinem Ausstieg bei Apple 1982 hielt er sich stets im Hintergrund. Jobs trifft er selten, außer bei Veranstaltungen wie der Macworld-Messe im Januar in San Francisco. Da haben die beiden kurz "Hallo!" gesagt, "wie geht's?", und das war's auch schon. "Steve ist ein berühmter Mann, ich mag ihm nicht die Zeit stehlen", sagt Wozniak, bevor er etwas wehmütig nachschiebt: "Wir sind keine engen Freunde. Ich wünschte, wir wären es."

Zwei Steves, ein Gedanke

Früher war das auch mal so: Anfang der 70er Jahre, als sich das Obstanbaugebiet südlich von San Francisco ins Silicon Valley verwandelt, treffen sich zwei Jugendliche, die beide Steve heißen, und entdecken ihre gemeinsame Liebe zur Elektronik. Der eine ist schlank, gewitzt, charismatisch - ein perfekter Verkäufer, wie sich bald zeigen wird. Der andere - stämmig, sanftmütig, ein bisschen naiv vielleicht - liebt Scherze jeder Art und besitzt ein außergewöhnliches Talent für alles, was mit Technik zu tun hat. Beide Steves begeistern sich für Heimcomputer - eine neue Sorte von Rechengeräten, die Bastler im Silicon Valley zusammenlöten und dann bei Treffen des "Homebrew Computer Club" stolz ihren Kumpeln vorführen.

Wozniak, damals Ingenieur bei Hewlett-Packard, entwickelt einen Heimcomputer, der eleganter konstruiert ist, mit weniger Bauteilen auskommt und mehr leistet als alle anderen Geräte der "Homebrew"-Bastler: "Apple I" nennen Wozniak und Jobs ihre Maschine, und sie wird ein Hit, auch wenn die Firma, die die beiden Freunde im April 1976 gründen, erst mit dem Nachfolge-Rechner, dem "Apple II", groß und berühmt wird. Bis IBM 1981 den PC auf den Markt bringt, kann kein Konkurrent Apple das Wasser reichen. Dann beginnt der Aufstieg von Windows und parallel dazu der lange Abstieg von Apple in die Nische: Heute tragen nicht mal mehr zwei von einhundert PCs, die weltweit verkauft werden, das berühmte Logo mit dem angeknabberten Apfel.

Optimistisch in der Nische

Steve Wozniak ist dennoch optimistisch: "Ich glaube, Apple hat eine große Zukunft vor sich", sagt er. "Die Firma wird wieder gewaltig wachsen." Der Ipod, der sich schon über 10 Millionen Mal verkauft hat, bringe viele Windows-Nutzer auf den Geschmack, sich auch Apples Macintosh-Rechner näher anzusehen: "Viele Leute entdecken jetzt, was ihnen die ganze Zeit entgangen ist", sagt Wozniak. Nicht, dass er mit Apple-Computern rundum glücklich wäre; alles, was er heute kaufen kann, findet Wozniak viel zu kompliziert. "Es kommt mir vor, als wären wir Sklaven der Technik statt ihre Herren", klagt er. "Aber Apple schafft es von allen Firmen noch am besten, den Menschen zu berücksichtigen."

"Jeder ist willkommen"

Lange Zeit zeigten Macintosh-Rechner beim Starten ein freundlich lächelndes Computergesicht. Es war ein kleines Zeichen dieser Menschlichkeit, die Wozniak meint und die viele mit ihm in Verbindung bringen: In der Apple-Gemeinde ist Wozniak, den alle nur "Woz" nennen, bekannt für seine Großzügigkeit, sein weiches Herz, seine offene Art. "Jeder ist willkommen" lautet das Motto des dreifachen Familienvaters auf seiner privaten Website, jede E-Mail beantwortet der Apple-Gründer persönlich, und per "Wozcam", einer Internet-Kamera, lässt er sich im Büro jederzeit über die Schulter schauen.

Neue Macintosh-Rechner aber lächeln nicht mehr, wenn man den Einschaltknopf drückt; sie starten mit der kühlen, metallischen Eleganz, die einem Asketen wie Steve Jobs gefällt. Menschlich und freundlich verhält sich auch die Firma Apple nicht unbedingt, wenn sie Fans verklagt, die im Internet Geheimes über neue Produkte ausplaudern - Leute wie den 19-jährigen Betreiber von Thinksecret zum Beispiel, einen Harvard-Studenten, der sich nun vor Gericht gegen die Anwälte einer 8-Milliarden-Dollar-Firma verteidigen soll. "Das ist nicht großherzig, das ist knallharte Geschäftstaktik", kritisiert Andy Hertzfeld, einer der Entwickler des Original-Macintosh. Hertzfeld vermisst den Geist von Steve Wozniak in der Firma, die der andere Steve inzwischen allein leitet: "Ein Grund dafür, dass Leute Apple so sehr lieben, ist dieser Großmut, der immer Teil des Erbguts der Firma war", erklärt der 51-Jährige. "Und Großmut ist etwas, das Woz auszeichnet, Steve Jobs dagegen nicht."

"Steve ist immer gut zu mir"

Wozniak selber hat dagegen für seinen ehemaligen Partner nur lobende Worte übrig: "Steve ist immer sehr gut zu mir", sagt er. Gerade erst habe er einen Ipod Shuffle geschenkt bekommen, und außerdem werde er zu jeder Apple-Veranstaltung eingeladen. Natürlich könnte er in der ersten Reihe sitzen, wie es sich für einen Prominenten gehört, aber lieber sucht Wozniak sich einen Gangplatz in der dritten Reihe, so wie neulich, als Jobs in San Jose den U2-Ipod enthüllte. Anschließend war er einer der Ersten, die sich den schwarzroten Taschenspieler kauften. "Das ist mein absoluter Lieblings-Ipod!", schwärmt Wozniak. "Wenn ich ins Restaurant gehe, lege ich ihn immer auf den Tisch, um zu sehen, ob Leute, die Geschmack haben, mich darauf ansprechen."

Er sitzt in seinem Büro im Silicon Valley, als er das sagt, und erzählt begeistert von dem Dutzend anderer Ipods, die er schon gekauft hat, von seiner CD-Sammlung, die mehrere Festplatten füllt, und von seinen zwei Autos vor der Tür, die er beide liebt, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten: einerseits der Toyota Prius, ein benzinsparender Kleinwagen mit Elektro-Hilfsmotor, andererseits der Hummer, ein Monstertruck von zwei Tonnen Leergewicht, der über 30 Liter Benzin auf 100 Kilometer verschlingt. Beide sind, auf ihre Art, Meisterwerke der Ingenieurskunst, und das ist für Wozniak das Entscheidende.

High Tech für Normalsterbliche

Äußerlichkeiten zählen für den passionierten Bastler wenig, Cleverness dagegen sehr - man sieht das auch an seinem schlichten, schmucklosen Büro und am unauffälligen Firmenschild draußen an der Tür, das nur dem Eingeweihten offenbart, wer hier arbeitet: "Wheels of Zeus" <www.woz.com> steht da - ein Insider-Gag für jene, die in dem Namen die Abkürzung "Woz" entdecken. Die Firma soll Produkte mit Satelliten-Ortung für den Alltag entwickeln, etwa für Eltern, die sich sorgen, wo ihre Kinder stecken. Es geht um High Tech für Normalsterbliche, genau wie damals beim ersten Apple-Rechner - nur dass Wozniak diesmal ohne seinen visionären Partner Jobs auskommen muss.

"Steve hat diese Vorstellungen davon, wie Dinge sein sollten", sagt Wozniak bewundernd. "Und auch wenn niemand immerzu zu hundert Prozent Recht haben kann, liegt er doch öfter richtig als irgendein anderer, den ich kenne." Dass Jobs, überzeugt von der Genialität seiner eigenen Ideen, früher gern Mitarbeiter herunterputzte, bis denen die Tränen kamen - Wozniak kennt diese Geschichten, "aber ich habe das nie selbst erlebt, und mit mir hat er sich kein einziges Mal so angelegt. Wir hatten Meinungsverschiedenheiten, aber niemals Streit."

Sogar Verrat verziehen

Wozniak hat Jobs sogar den größten Verrat verziehen: Als die beiden einmal vor ihrer Apple-Zeit den Auftrag bekamen, für den legendären Videospiele-Hersteller Atari das Spiel "Breakout" zu entwickeln, erzählte Jobs seinem Freund, der Lohn sei 700 Dollar. In Wahrheit zahlte Atari 7000. Jobs kassierte den Rest, und Wozniak erfuhr davon erst Jahre später. "Da habe ich geweint", sagt er. "Die Tatsache, dass Steve so etwas einem Freund antun konnte, das hat weh getan." Aber es ändere nichts daran, dass das Atari-Projekt zu den schönsten Erinnerungen seines Lebens zähle: "Ich durfte ein Atari-Spiel programmieren", schwärmt Wozniak, "das ist mir viel wichtiger als das Geld. Und wir haben's zusammen getan. Einer von uns allein hätte das nie schaffen können - genau wie bei Apple."