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Techniktrends 2011: Rechner flach, Bilder tief, Brillen out

Was bringt dasTechnikjahr 2011? Konkurrenz für das iPad, 3D ohne Brille sowie das Web im TV. Und auf dem Land wird mobil schneller gesurft als in der Stadt per Kabel. Zehn High-Tech-Trends.

Von Ralf Sander

Neues Jahr, neues Spiel? Das Motto gilt doch in der High-Tech-Branche, die schneller Produkte zu entwickeln scheint, als wir sie kaufen können. Oder? Nicht unbedingt. 2011 macht nicht wirklich alles neu. Statt Revolutionen wird es vor allem Weiterentwicklungen geben. "Viva la evolución" steht auf den Fahnen der IT-Branche. Einige der großen Trends des Jahres 2011 haben bereits auch das vergangene Jahr geprägt. Sie sind erst jetzt im Mainstream angekommen. Andere Technik hat Zeit gebraucht, um sich soweit zu entwickeln, dass man ernsthaft etwas mit ihr anfangen kann. Aber natürlich wird es auch 2011 ganz neue Technik geben, die unser Leben verändern kann.

stern.de hat zehn Techniktrends ausgemacht, die uns in diesem Jahr beschäftigen werden.

Tablets - alle gegen das iPad

Eigentlich sollte 2010 das Jahr der Tablet-PC werden - doch es wurde nur das Jahr des iPad. Apples Flachmann konnte ordentlich Vorsprung erarbeiten, weil die frühe Konkurrenz zu schlecht war (1&1 SmartPad) oder unfertig veröffentlicht wurde (WeTab). Erst Ende des vergangenen Jahres kam mit dem Samsung Galaxy Tab ein ausgereiftes Produkt auf den Markt, das als Vorreiter für eine Welle echter Alternativen zum iPad gelten könnte.

Die Hersteller sind jedenfalls bereit: Auf der am Donnerstag in Las Vegas beginnenden High-Tech-Messe CES wird Microsoft höchstwahrscheinlich Tablet-PCs mit Windows-Betriebssystem vorstellen, und viele große Hersteller werden eigene Tablet-Hardware zeigen. In diesem Jahr wird endlich auch die Version 3.0 von Googles Smartphone-Betriebssystem Android fertig, das auch für Tablets optimiert sein wird. In den Schränken vieler namhafter Hersteller liegen fertige Tablet-Prototypen und warten nur auf das richtige Betriebssystem. Und Apple ruht sich natürlich auch nicht aus: Noch im Frühjahr wird höchstwahrscheinlich das iPad 2 vorgestellt.

3D - ohne Brille, in der Hosentasche

Ob Filme, Videospiele oder Fotos - dreidimensional sollen sie schon sein, wenn es nach der Unterhaltungsindustrie geht. 2010 war das 3D-Jahr - mit Abstrichen. Nur im Kino hat sich die dritte Dimension - noch mit stark schwankender Qualität - erfolgreich etablieren können. Im Wohnzimmer findet sich die Technik wegen hoher Kosten und weniger Inhalte noch eher selten. Beides wird sich erfahrungsgemäß erst mit der Zeit ändern. Währenddessen arbeitet die Industrie daran, 3D so normal wie möglich erscheinen zu lassen. Das bedeutet vor allem: weg mit den störenden 3D-Brillen. Toshiba bietet bereits einen ersten Fernseher an, der Tiefenwirkung ohne Brille darstellen kann - allerdings noch mit Einschränkungen beim Blickwinkel und der Bildschirmgröße. Andere TV-Hersteller haben zumindest vergleichbare Prototypen fertig.

Bei den ganz kleinen Monitoren ist die Technik noch weiter: Nintendo hat seiner tragbaren Spielkonsole 3DS die dritte Dimension spendiert, natürlich ohne Brille. Smartphones werden nicht nur 3D anzeigen, sondern mit einer entsprechenden Kamera auch filmen und fotografieren können. Das ist auch kein Wunder, denn die entsprechende Technik gibt es für Digitalkameras bereits seit fast zwei Jahren und ist auf dem Weg in den Massenmarkt: 3D-Fotoapparate und entsprechende Digitale Bilderrahmen gab es schon auf der Photokina-Messe im vergangenen September vielfach zu sehen.

Internet und Fernsehen - endlich glücklich vermählt?

Seit es das Internet gibt, versuchen TV-Hersteller das Web irgendwie mit ihren Fernsehern zu verbinden. Für den Nutzer waren die Ergebnisse bisher unbefriedigend. Erst im vergangenen Jahr gab es große Fortschritte. 2011 stehen die Chancen gut für den Durchbruch: Zum einen existiert mit HbbTV endlich ein Standard, der eine Web-ähnliche Oberfläche auf den Bildschirm bringt. Wichtiger ist aber, dass dank HbbTV die Inhalte von Fernsehprogramm und Web miteinander verknüpft werden können - zum Beispiel für Informationen zum Programm, aber auch für Onlineshopping. Zum laufenden Musikvideo könnte man beispielsweise gleich die CD kaufen oder den Song herunterladen. Erste HbbTV-Fernseher kommen im ersten Quartal.

Einen anderen Weg geht Google mit seinem in den USA gestarteten Dienst Google TV. Mit entsprechender Hardware soll das Internet, wie man es vom Computer her kennt, auf den Fernseher kommen. Ob Suchmaschine, Websites, Facebook oder Youtube - im besten Fall soll der Nutzer gar nicht mehr merken, ob er im Web oder auf den Fernsehkanälen unterwegs ist. Google TV hat in den USA allerdings mit Problemen zu kämpfen: Die Bedienung ist offenbar schwierig, und viele TV-Sender verweigern die Zusammenarbeit mit Google aus Angst um ihre Werbeeinnahmen. Für Europa gibt es noch keinen Starttermin. In Großbritannien basteln interessanterweise die großen Fernsehsender an einer ähnlichen Lösung - inklusive eigener Hardware.

Apple hat seine Hardware schon fertig und verkauft sie auch in Deutschland. Apple TV ist eine kleine Box, die Videos von verschiedenen externen Quellen auf den Bildschirm schicken kann. Vor allem aber bietet sie Zugang zu iTunes, wo einfach Filme und Serienepisoden gekauft werden können.

Mehr noch als Google TV könnten Videoportale wie Hulu und Onlinevideotheken wie Netflix die Fernsehlandschaft aufmischen - wenn sie denn endlich den Weg nach Europa schaffen. Hulu ist eine gemeinsame Riesen-Mediathek der großen US-Networks, wo man sich verpasste Sendungen sehr einfach und kostenlos angucken kann. Und bei Netflix gibt es für eine monatliche Abogebühr Zugriff auf eine gewaltige Film- und Seriensammlung. Bis vor kurzem hat das Unternehmen noch DVDs verschickt, inzwischen setzt es ganz auf Streaming aus dem Netz. Vergleichbares in dieser Größenordnung sucht man in Deutschland bisher vergeblich.

Cloud Computing - die Datenwolke wird schöner

Software zu installieren, ist nicht mehr zwingend notwendig. Textverarbeitung, Terminorganisation, Bildbearbeitung, Routenplaner - es gibt nichts, was nicht in einer leistungsfähigen Onlinevariante verfügbar ist. Das sogenannte Cloud Computing war schon 2010 groß im Kommen und wird in diesem Jahr noch vielfältigere Formen annehmen. Es sind nicht mehr nur die IT-Giganten wie Microsoft und Google, die Cloud Computing nach vorne bringen.

Es ist die Zeit für Verfeinerungen, für neue Ideen. Zum Beispiel Dropbox, das die eigentliche alte Idee der Onlinefestplatte durch eine unvergleichlich simple Bedienung frisch erscheinen lässt. Oder Evernote, das schlichtweg digitale Notizzettel bietet, die man mit jedem PC und Smartphone synchronisieren kann. Oder auch Onlive (noch nicht in Deutschland verfügbar), das teure Spielehardware abschaffen will, indem es ganze Computerspiele in Echtzeit in der Cloud berechnen lässt und nur die Bilder zum Spieler zurückschickt. Überhaupt: Streaming. Medien - Bilder, Musik, Videos - lassen sich aus der Datenwolke heraus auf jedes Gerät verteilen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch für Privatleute normal wird, ihre Heimvideos vom Nachwuchs zu Oma nach Hause zu streamen.

Google Chrome OS - Computer ohne alles, bitte

Ohne Cloud Computing ist auch Chrome OS nicht vorstellbar, Googles Betriebssystem für Netbooks. Gemeinsam mit Hardware-Partnern will Google Mini-Laptops auf den Markt bringen, die im Grunde nicht mehr sind als ein Browser mit Bildschirm, Tastatur und etwas Elektronik drum herum. Bei Chrome OS wird fast alle Rechenarbeit im Internet erledigt. Herkömmliche Software kann nicht installiert werden, nur Apps wie beim iPhone wird es geben. Wenn die Versprechungen von Google und den Hardwareherstellern stimmen, werden diese Geräte innerhalb weniger Sekunden startbereit sein und günstiger und leichter sein als bisherige Modelle, weil die Hardware weiter abgespeckt werden kann. Die ersten Geräte mit Chrome OS waren eigentlich für 2010 erwartet worden - vergeblich. In diesem Jahr soll es wirklich soweit sein, einen konkreten Termin gibt es aber noch nicht.

LTE - Super-DSL in der Luft

Long Term Evolution (LTE) ist das Mobilfunksystem der vierten Generation (4G). LTE ist vollständig auf die Übertragung von Daten ausgerichtet. Für die Übertragung von Sprache sind die bestehenden Standards GSM und UMTS völlig ausreichend. Die angestrebten Datenübertragungsgeschwindigkeiten sind beeindruckend: LTE wäre rund doppelt so schnell wie der aktuell schnellste VDSL-Anschluss zu Hause und mehr als zehnmal leistungsfähiger als die zurzeit schnellste Mobilfunk-Technik HSDPA. Die Mobilfunkunternehmen haben das vergangene Jahr genutzt, um die nötige technische Infrastruktur aufzubauen - zunächst in ländlichen Gegenden, wo bisher die Breitbandversorgung sehr schlecht war. Das war eine Auflage der Bundesnetzagentur. Fehlen noch die entsprechenden Smartphones. Technisch sind sie bereits fertig, denn in Japan gibt es LTE schon länger. Konkrete Modelle und Termine für Deutschland hat aber noch kein Handyhersteller genannt. Immerhin: LTE-Surfsticks für Computer gibt es bereits bei den Mobilfunkanbietern.

Videotelefonie auf dem Handy - winke, winke!

Mit der FaceTime-Funktion und der Frontkamera des iPhone 4 hat Apple der Videotelefonie per Handy neue Aufmerksamkeit beschert. Andere Smartphones wie Samsungs Galaxy S können zwar ebenfalls im Wlan Videokonferenzen abhalten, aber für diese Funktion hat sich kaum jemand interessiert. Im privaten Bereich dominierte die Software Skype auf dem Laptop die Videotelefonie.

2011 könnte diese Art der Kommunikation auch auf mobilen Geräten zur Normalität werden: Skype hat gerade seine iPhone-App um eine entsprechende Funktion erweitert und wird mit Sicherheit bei anderen Betriebssystemen nachziehen. Für Android gibt es bereits ein Angebot namens Fring. Und dass das iPad 2 entsprechend ausgestattet sein wird, gehört zu den hartnäckigsten Gerüchten über Apples kommendes Tablet. Den entscheidenden Schub wird Videotelefonie auf dem Handy allerdings durch LTE bekommen: Die neue Breitbandtechnik für das Mobilfunknetz ermöglicht theoretisch deutlich höhere Übertragungsraten als herkömmliches DSL. Im Testbetrieb waren sogar Videokonferenzen im fahrenden Auto möglich. Inwieweit das unter realen Bedingungen funktioniert, wird sich zeigen. In jedem Fall sollte Videotelefonie dank LTE auch außerhalb von Wlan-Netzwerken möglich sein.

Mobiles Bezahlen - trauen Sie sich?

Das Handy als Kreditkarte - klingt praktisch. Das finden auch Apple, Google und Nokia, um nur die Größten zu nennen, die eine weitere gewinnbringende Funktion fürs Smartphone wittern. Besonders Google ist vorgeprescht und hat Zetawire, eine Spezialfirma für mobiles Bezahlen, gekauft. Im Nexus One, dem ersten Smartphone mit Android 2.3, ist ein sogenannter NFC-Chip eingebaut, der drahtlos Kontakt mit Bezahlstationen aufnehmen und Geld überweisen kann. Eine Funktion, die bisher nur Kreditkarten vorbehalten war. Gerüchten zufolge könnte auch im kommenden iPhone 5 ein solcher Chip für Nahfeldkommunikation eingebaut sein. Die Übertragungstechnik allein reicht allerdings nicht aus, um Bezahlen mit dem Handy zu etablieren. Das Sicherheitskonzept muss den zu Recht misstrauischen Kunden erst einmal überzeugen. Ob das 2011 geschieht? Wohl eher nicht.

Social Networks - gibt es nichts außer Facebook?

Facebook wächst und wächst und wächst. Daran wird sich auch 2011 nichts ändern. Wenn Facebook das Tempo der vergangenen Monate beibehält, werden in diesem Jahr noch viele neue Funktionen auf uns zukommen, die mit Sicherheit zu Diskussionen führen werden. Und das ist gut so.

Denn Facebook ist überall. Das soziale Netzwerk ist nicht nur im Webbrowser präsent, sondern auch vom Smartphone nicht mehr wegzudenken. Videospielkonsolen werden Facebook-fähig, und auch Fernseher mit Internetanbindung werden nicht darauf verzichten können. Jeder muss sich mit Facebook beschäftigen und eine Meinung dazu erarbeiten. Denn aus der modernen Kommunikation wird es nicht mehr verschwinden, sondern es ersetzt in manchen Bereichen bereits Kommunikationsmittel wie E-Mail und Instant Messenger komplett.

Außerdem ist Facebook eine Art Acker, wo Firmen neue Geschäftsmodelle großziehen können. Bestes Beispiel ist der Spieleentwickler Zynga, der mit Spielen wie "Farmville" und "Mafia Wars" innerhalb des Netzwerks richtig Geld verdient. Aus dieser Richtung wird noch einiges kommen.

Ist neben diesem Riesen überhaupt noch Platz für Alternativen? Ein paar Versuche gibt es: Erwähnenswert ist Diaspora, das als Studentenprojekt entstanden ist und sich momentan in einer frühen Testphase befindet. Die Grundidee ist sympathisch: Datenschutz soll im Vordergrund stehen, und jeder kann an dem Projekt mitentwickeln. Und dass auch Google an einem Facebook-Gegner bastelt, diese Gerüchte gibt es schon lange. Angeblich heißt das Projekt "+1" und soll noch 2011 starten. Ob das stimmt - man weiß es nicht. Aber man sich nicht vorstellen kann, dass Google dem Treiben Facebooks ewig tatenlos zuschauen wird.