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Playstation-Spiel "The Last of Us 2" im Test – ein grauenvolles Meisterwerk

Überreste der Zivilisation in "The Last of Us 2" strahlen eine melancholische Stimmung aus
Überreste der Zivilisation in "The Last of Us 2" strahlen eine melancholische Stimmung aus
© Sony / stern.de
Der erste Teil von "The Last of Us" gilt als Meilenstein der Videospielgeschichte. Nun erscheint Teil 2. Der ist oft schwer zu ertragen — und genau deswegen absolut großartig.

Vorsichtig pirscht eine junge Frau geduckt durch das hohe Gras, schleicht an den roten Klinkersteinfassaden entlang. Die menschenleere Straße wirkt im feuchten Grün der wuchernden Pflanzen fast friedlich. Der türlose, dunkle Eingang ist wenig einladend, doch die Not an Vorräten lässt kaum eine Wahl. Während nervös Schubladen durchstöbert werden, wirft das flackernde Licht der Taschenlampe unheimliche Schatten. Dann ertönt ein vertraut-ekelhaft kehliges Klicken aus dem Nebenraum und treibt den Puls endgültig nach oben.

Wie schon im ersten Teil schafft "The Last of Us 2", eine herausragende Atmosphäre zu erzeugen. Die Welt, in der Hauptfigur Ellie und ihre Freunde leben, ist nicht nur wegen der durch einen Pilzbefall infizierte Zombie-Gestalten lebensgefährlich. Auch die Überlebenden der zerfallenen Zivilisation haben sich längst gegeneinander gewandt. Und trotzdem bleibt in den menschenleeren, von der Natur zurückeroberten Straßen fast schon ein Gefühl der Melancholie. Obwohl eigentlich überall der Tod lauert. Und ein plötzliches Ende ist angesichts der Gefahr, als zuckender Pilzträger zu enden, noch die schönere Vorstellung.

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Die von Pilzen befallenen "Infizierten" lauern auch in "The Last of Us 2" wieder überall
Die von Pilzen befallenen "Infizierten" lauern auch in "The Last of Us 2" wieder überall
© Sony / PR

Gewalt bis an die Grenze

Doch schön ist nichts am Tod, der mit einer brutalen Direktheit auf dem Bildschirm gezeigt wird. Wenn Messer in Körper stechen, Zähne die Sehnen aus dem Hals reißen oder eine Pumpgun den Kopf zerfetzt, dreht sich die Kamera nicht ab, sondern hält voll drauf. Hat man sich im Kampf überschätzt, bekommt man noch einige Sekunden die Folgen seines Fehlers zu sehen, muss zuschauen, wie die Hauptfigur Ellie grausam ihr Leben verliert, statt es den anderen zu nehmen. Das Spiel ist härter als sein schon nicht zimperlicher Vorgänger. Hatte sich Ellies Wahlvater Joel etwa noch damit begnügt, Gegner zu würgen, sticht Ellie stets mit voller Wucht auf den Hals ein. Das dürfte viele Spieler überfordern.

Man wollte den Kämpfen im Vergleich zu anderen Spielen mehr Gewicht geben, hatte Entwickler Naughty Dog beim ersten Teil erklärt, habe sich dazu von Western wie "No Country for Old Men", inspirieren lassen, in denen spärlich gesetzte Actionszenen umso mehr Effekt haben. Ein krasser Kontrast zu den Hunderten getöteten Gegnern, die Nathan Drake, der Held von Naughty Dogs anderer Serie "Uncharted", Sprüche klopfend im Dauerfeuer aus dem Leben ballert.

Trotzdem macht es "The Last of Us 2" deutlich schwieriger als der erste Teil, Gewalt ganz zu vermeiden. Zwar wurde die Schleichmechanik ausgebaut, man kann nun auch robben und schwimmen. Doch gleichzeitig gibt es neue Gegner, die einen auch im Versteck aufstöbern können. Weil die Gegner oft in der Überzahl sind und neben der Munition auch die Lebensenergieanzeige schnell ausgeht, ist manchmal selbst wegrennen kaum noch möglich. Dann sind die brutalen Attacken aus der Deckung oft die einzige Alternative. 

Lektionen in Grausamkeit

Die krasse Gewalt passt aber auch zum grundsätzlichen Thema des Spiels: den Folgen des eigenen Handelns. "The Last of Us 2" baut direkt auf der Handlung des ersten Teils auf, daher sollte man den auch unbedingt gespielt haben. Ohne zu viel verraten zu wollen, holen die Handlungen der Vergangenheit die Figuren ein, in mehrerer Hinsicht. Von Rache getrieben, treffen verschiedene der Hauptfiguren folgenreiche Entscheidungen. Und müssen erst erkennen, dass die dem anderen unterstellte seelenlose Grausamkeit und Unmenschlichkeit letztlich nur ein Spiegel ihrer selbst ist.

Verweigert man in dieser Szene die Gewalt, geht es nicht weiter
Verweigert man in dieser Szene die Gewalt, geht es nicht weiter
© Sony / stern.de

Die Lektionen der Figuren sind für den Spieler oft schwer zu ertragen. Hat man eben noch mit den Hauptfiguren sympathisiert, als sie in entspannter Atmosphäre miteinander witzelten, muss man sie kurz darauf eine andere Person foltern lassen. Ein Entkommen gibt es nicht. Weigert man sich, geht das Spiel nicht weiter. Und obwohl man diese Tat selbst nicht sieht, sondern das sich immer weiter vor Wut verzerrende Gesicht der Hauptfigur, stößt einen jeder der vom Spieler selbst auszulösenden Schläge mehr von der Hauptfigur weg. In solchen Momenten ist das Spiel nur Leiden, kein Spaß.

Damit gelingt "The Last of Us 2” aber auch ein intelligenter Kommentar zu anderen Spielen, auch denen von Naughty Dog. Viel zu oft sind die Gegner quasi entmenschlichte Zielscheiben, die vom Spieler gemeuchelt werden, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Schon der erste Teil machte klar, dass die Figuren alles andere als gute Menschen oder gar Helden sind. Der Zweite verwischt nun die Grenzen zwischen Protagonisten und Schurken noch weiter – und man stellt sich immer mehr die Frage, wer nun eigentlich das Monster ist. 

Gewohnt gut

Beim Spielprinzip selbst hat sich indes wenig getan. Das ist auch in Ordnung. Die Mischung aus dem recht ruhigen Erkunden und Sammeln rarer Überlebens-Ressourcen in Abwechslung mit der nervenaufreibenden Spannung der Schleich- und Kampfpassagen funktionierte schon im ersten Teil sehr gut, das Gameplay unterstützt in erster Linie die Handlung. Die Spielwelt ist wieder großartig und detailreich gestaltet. Überall lässt sich etwas entdecken, mit Dokumenten und Überresten werden Dutzende kleine Geschichten und Schicksale in der Welt erzählt, wenn man danach sucht.

Mit neuen Gegner-Typen, einigen Rätseln, etwa um Safe-Kombinationen herauszufinden oder in verschlossene Räume zu gelangen, und der spannenden Inszenierung bietet "The Last of Us 2" spielerisch immer genug Abwechslung, um während der 20 bis 30 Stunden Spielzeit keine Langeweile aufkommen zu lassen. Dabei wird auch schon der Standard-Schwierigkeitsgrad vielen Gamern durchaus etwas abverlangen. Wer will, kann das Spiel aber auch deutlich leichter oder schwerer schalten. 

Fazit: Ein Meisterwerk – aber nicht für jeden

"The Last of Us 2" tritt ein schweres Erbe an und schultert es trotzdem gekonnt. Wie schon der erste Teil schafft es das Game, im Spieler immer wieder starke Gefühle auszulösen – auch wenn diese oft nicht besonders angenehm sind. Die eigentlich abgeschlossene Handlung wird durch die Fortsetzung nicht entwertet, sondern um ihre Folgen ergänzt, inhaltlich wie emotional. Das ist schon an sich eine starke Leistung. Die großartig gestaltete Welt und die clevere Inszenierung mit dem unterliegenden Kommentar zur Spielebranche machen es endgültig zum Meisterwerk.

Trotzdem ist das Spiel ganz sicher nicht für jeden geeignet. Das zeigt schon die zurecht vergebene Altersfreigabe ab 18. "The Last of Us 2" ist brutal bis an die Schmerzgrenze und dürfte auch vielen Hartgesottenen nahegehen. Wer mit nervenaufreibender Spannung, sehr expliziter Gewalt und dem einen oder anderen Schockmoment nicht umgehen kann, sollte das Spiel daher lieber meiden. Aber verpasst dann eben auch eines der besten Spiele dieser Generation.

"The Last of Us 2" erscheint am 19. Juni exklusiv für die Playstation 4.

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