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Nicht auf iOS Wie Apple Microsoft beim Gaming die Tour versaut

Gaming soll in Zukunft viel weniger auf die Couch und die Konsole unter dem Fernseher beschränkt sein (Symbolbild)
Gaming soll in Zukunft viel weniger auf die Couch und die Konsole unter dem Fernseher beschränkt sein (Symbolbild)
© vm / Getty Images
Aufwändigste Spiele von der Konsole lösen und überall hin mitnehmen können - das ist die Vision der Gaming-Branche. Doch Apple stellt sich dem in den Weg. Nun erklärt das Unternehmen, warum.

Jederzeit abrufbare Spitzengames im Abo, mit nahtlosem Wechsel zwischen den Geräten. Zocken ohne über Gerät oder Betriebssystem nachdenken zu müssen - so wollte Microsoft mit seinem Dienst Xcloud im Herbst den Spielemarkt aufmischen. Doch Apple ließ den Traum platzen. Und dürfte so den Erfolg des Cloud-Gamings gehörig ausbremsen.

Das sollte das nächste große Ding der Branche werden: Auf der Konsole im Wohnzimmer gestartet, mit dem Tablet in der U-Bahn weitergespielt und abends im Bett beendet - alles in höchster Konsolen-Qualität und im Falle von Microsofts Dienst sogar per Flatrate. Möglich wurde das durch den Technologie-Sprung der letzten Jahre. Statt wie bisher alle Berechnungen auf dem Gerät vornehmen zu müssen, laufen die Cloud-Spiele auf einem weit entfernten Server. Das Wiedergabe-Gerät muss nur die Kommando-Eingaben in die Cloud schicken, die dann das Bild zurückliefert - als würde es sich um eine Serie oder einen Film handeln. Der größte Vorteil: Selbst anspruchsvollste Spiele können so von jedem Gerät dargestellt werden.

Keine Xcloud auf iOS

Doch auf iPhone und iPad wird es dazu nicht kommen, das machte Apple gestern gegenüber dem "Business Insider" klar: Dienste wie Microsofts für September angekündigte Xcloud und Googles bereits letzten Herbst gestarteter Konkurrent Stadia seien aus dem App Store ausgesperrt. Damit bestätigte der Konzern Vorwürfe Microsofts. Weil man keine Möglichkeit gefunden habe, seinen neuen Dienst für iOS anzubieten, werde man die App nur für Android veröffentlichen, hatte der Konzern Anfang der Woche zerknirscht angekündigt.

Apple beruft sich bei seiner Entscheidung auf seine Regeln für Entwickler. Die sehen vor, dass alle Apps und Spiele einzeln auf ihre Tauglichkeit für Apples Store geprüft werden, erklärte der Konzern. "Game-Dienste können selbstverständlich auch im App Store auftauchen. Solange sie sich an dieselben gültigen Regeln wie alle anderen halten. Inklusive der Prüfung aller einzelnen enthaltenen Spiele und ihrer Listung in den Charts und der Suche", gab der Konzern zu Protokoll. 

Xbox Series X

In der Praxis dürfte das kaum umzusetzen sein. Alleine Microsofts Game Pass Ultimate, der Handelsname der Xcloud, enthält im Basispreis von 13 Euro mehr als 100 Spiele. Die müsste Microsoft nach Ansicht Apples alle zur Prüfung vorlegen - obwohl nur ein Bruchteil der Spiele vom Konzern selbst entwickelt wurden. Die meisten der Titel, die auch Spielehits wie "The Witcher 3" oder "GTA V" beinhalten, stammen von anderen Studios und werden von Microsoft nur lizenziert. 

Microsoft setzt auf die Cloud

Der Konzern fühlt sich nun von Apple verschaukelt. Besonders sauer dürfte dabei aufstoßen, dass Apple bei anderen Diensten durchaus Unmengen von Medien durchwinkt, ohne sie zu prüfen. Streaming-Anbieter wie Netflix, Amazon Prime Video oder Spotify müssen nicht jede Serienepisode oder jeden Song einzeln vorlegen. Den Unterschied mache die Art des Mediums, erklärte Apple "Business Insider": Games seien eben nicht nur passiver Konsum, sie würden vom Spieler Interaktion erfordern. Daher würden die Zuschauer mit anderen Ansprüchen an die Spiele herangehen, argumentiert der Konzern.

Microsoft will das nicht gelten lassen. In einem Statement gegenüber dem Tech-Portal "The Verge" wehrt sich der Konzern gegen Apples Vorgehen. "Alle Spiele im Katalog des Xbox Game Pass sind von den entsprechenden Prüfstellen für ihren Inhalt bewertet worden" erklärt der Konzern, wohl um klarzumachen, dass eine spezielle Untersuchung durch Apple nicht nötig ist. Auch Apples Bezug auf die App-Store-Regeln hinterfragt Microsoft. Andere Apps würden trotz interaktiver Inhalte anders behandelt. Damit könnte etwa auch Netflix gemeint sein, die bei Filmen wie "Bandersnatch" oder Serien wie "Du gegen die Wildnis" die Zuschauer über den Verlauf der Handlung entscheiden lassen.

Bremse für die Cloud-Strategie

"Apple ist die einzige Plattform, die ihren Kunden den Zugang zu Gamestreaming-Diensten oder Spiele-Abos wie Xbox Game Pass ausschließt", klagt der Konzern. Genau dieser Punkt dürfte Microsoft besonders ein Dorn im Auge sein: Apple blockiert damit direkt die wichtigste Strategie des Konzerns. Nachdem Microsoft lange ganz darauf ausgerichtet war, in allen Bereichen eine Übermacht zu erreichen, hat der Konzern unter CEO Satya Nadella eine scharfe Wendung vollzogen. Statt die Plattform für alles sein zu wollen, will man nun auf jeder Plattform vertreten sein.

Der Gaming-Dienst Xcloud steht ebenfalls für diese Strategie. Auch wenn Microsoft sicher daran interessiert ist, möglichst viele Geräte seiner kommenden Konsole Xbox One Series X zu verkaufen, ist diese deutlich weniger wichtig für den Konzern, als es noch der Vorgänger war. Indem man Spiele auf alle Plattformen bringt, vom Smartphone über die Konsole bis zum PC , erzeugt der Konzern ein geschlossenes System über die einzelnen Geräte und ihre Betriebssysteme hinaus. Warum sollte man sich schließlich ein Spiel für den PC in einem anderen Shop kaufen, wenn man es bei Microsoft auch gleich auf dem Smartphone spielen kann? 

Das iPhone darf nicht fehlen

Dass nun ausgerechnet Apple die Strategie grundlegend torpediert, ist für Microsoft und die anderen Cloud-Spiele-Anbieter wie Stadia ein ernsthaftes Problem. Zum einen ist der Konzern in der Heimat USA nach wie vor der wichtigste Smartphone-Anbieter, 46 Prozent aller verkauften Smartphones waren dort im ersten Quartal des Jahres iPhones. Und: Bei den für Gaming-Dienste so wichtigen Teenagern kam Apple letztes Jahr gar auf einen Marktanteil von 83 Prozent. Dass die iPhone-Nutzer zudem laut Studien mehr verfügbares Einkommen haben und das auch eher auszugeben bereit sind, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Damit könnte Apple den Erfolg des Spiele-Streamings noch härter ausbremsen, als es die vielen technischen Herausforderungen ohnehin schon tun. Um über Xcloud oder Stadia zu spielen braucht man nicht nur eine schnelle, sondern vor allem eine sehr zuverlässige Internetleitung. Jeder unerwartete Aussetzer kann schließlich den plötzlichen virtuellen Tod bedeutet. Bis eine solche Verbindung überall selbstverständlich ist, dürfte der Erfolg der Streaming-Spiele noch überschaubar bleiben. Ohne iPhone und iPad sinkt die Zahl der potenziellen Kunden aber noch weiter.

Quellen:Business Insider, The Verge, Microsoft, Counterpoint Research, Mac Rumors


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