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Spiele-Streamingdienst: Google Stadia im Test: Das ist die Zukunft des Gamings

Mit dem Spiele-Streamingdienst Stadia holt Google Spitzengames auf jeden Bildschirm – und macht damit Playstation und Xbox mächtig Druck. Doch funktioniert das? Wir haben es getestet.

Google Stadia Controller vor einem TV-Gerät

Mit Stadia streamt man Spiele direkt auf den Fernseher

stern

Langsam reitet Cowboy Arthur Morgan durch die prächtig bewachsene Steppe. Doch der Held von "Red Dead Redemption 2“ und seine großartige Spielwelt finden sich nicht auf dem Fernseher – sondern auf dem kleinen Bildschirm eines Smartphones. Trotz des kleinen Displays erstrahlt das Spiel in seiner ganzen Pracht. Mit wenigen Tippern ist man auf den Fernseher gewechselt und setzt das Abenteuer auf dem großen Bildschirm fort.

Bei Serien und Filmen findet man das längst normal: Statt mühsam die Blu-ray hervorzukramen, starten wir einfach, was wir sehen wollen – und legen auf dem Gerät unserer Wahl sofort los. Googles Dienst Stadia verspricht nun dasselbe für Videogames auf Spitzenniveau. Wir haben getestet, ob das funktionieren kann.

Spielen ohne Konsole

Eine klassische Konsole sucht man bei Stadia vergebens: Alles, was wir sehen, wird in Windeseile auf Googles Servern berechnet und in Echtzeit als Stream auf die Endgeräte gebracht. Um den Dienst zu benutzen, reicht auf dem PC oder Mac der Chrome-Browser, auf ausgewählten Smartphones die Stadia-App.

Plötzlich stellen selbst Smartphones hochkomplexe Spiele wie "Red Dead Redemption 2" dar. Leider werden bisher nur einige von Googles Pixel-Geräten unterstützt

Plötzlich stellen selbst Smartphones hochkomplexe Spiele wie "Red Dead Redemption 2" dar. Leider werden bisher nur einige von Googles Pixel-Geräten unterstützt

stern

Nur wenn man am Fernseher zocken will, braucht man Google-Hardware: Die Kombination aus Chromecast Ultra und dem sehr angenehm zu benutzenden Stadia-Controller bringt die Spiele ins heimische Wohnzimmer. Dabei verbindet sich der Stadia-Controller direkt per Wlan mit den Servern. Für die Nutzung am PC oder Smartphone braucht man allerdings ein Kabel. Zum Steuern lassen sich dort aber auch Maus und Tastatur oder ein vorhandener Controller wie der der Playstation nutzen.

Instant-Spiel

Einmal eingerichtet, kann man direkt loslegen – und bemerkt sofort den Unterschied zu klassischen Konsolen: Ist ein Spiel in der Bibliothek, lässt es sich sofort starten. Ganz ohne nervige Installation, das Herunterladen einer neuen Version oder ähnliches, geht es direkt ins Spiel. Die Ladezeiten sind dabei sogar einen Ticken kürzer.

Ein Controller, ein TV und ein Chromecast auf der Rückseite - und fertig ist die Konsole

Ein Controller, ein TV und ein Chromecast auf der Rückseite - und fertig ist die Konsole

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Das Ergebnis ist absolut beeindruckend: Eine ordentliche Internetverbindung vorausgesetzt, vergisst man quasi sofort, dass die Daten nicht von der Konsole zu Hause sondern aus dem Internet kommen. Eine Verzögerung ist nicht zu spüren, alles läuft komplett in Echtzeit. Die Optik nimmt ebenfalls keine Einbußen: Mit 4K-Auflösung und 60 Bildern die Sekunde nimmt es Stadia locker mit der aktuellen Konsolen-Generation auf, zeigt teilweise sogar mehr Details. Mit Highend-PCs lässt sich teils noch ein besseres Ergebnis erzielen. Die Kosten sind aber um ein Vielfaches höher.

Ohne Internet geht nichts

Trotz einer ähnlichen Funktionsweise nutzt sich Stadia dabei viel besser als die bereits existierenden Streaming-Funktionen. Die funktionieren zwar auch schon, der optischen Brillanz und der enorm flüssigen Bedienung von Stadia können sie aber nicht das Wasser reichen. Leichte Eingabeverzögerungen und Ruckler trübten bisher den Spaß. Google hat das Gamestreaming tatsächlich auf ein völlig anderes Niveau gebracht, das in der Redaktion für ungläubige Gesichter sorgte - zumal es zum ersten Mal auch auf einem Smartphone läuft.

Für das Zocken auf dem PC oder Mac reicht der Chrome-Browser. Selbst der angeschlossene Controller ist optional, es würden auch Maus und Tastatur reichen

Für das Zocken auf dem PC oder Mac reicht der Chrome-Browser. Selbst der angeschlossene Controller ist optional, es würden auch Maus und Tastatur reichen

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Die größte Achillesverse ist dabei allerdings die Internetgeschwindigkeit. Bis zu 33 Mbit/s wurden im Test erreicht, das entspricht etwa 15 GB die Stunde. Der deutsche Durchschnitt ist laut einer Studie des "Speedtest Global Index“ zwar mit 77 Mbit/s deutlich höher, eine Vielzahl von Nutzern muss aber mit deutlich weniger zurechtkommen – und daher vermutlich auf Stadia verzichten. Ist die Verbindung nämlich weniger schnell und stabil, merkt man das sofort: Bewegungen ruckeln dann über den Bildschirm, die Steuerung wird schwammig. Im Extremfall bricht das Spiel einfach ab. Kein Wunder, dass sich Stadia bislang nur über eine Wlan-Verbindung nutzen lässt.

Noch keine Riesenauswahl

Eine weitere Schwäche ist die – noch – sehr magere Spieleauswahl. Mit 22 Titeln geht Stadia an den Start, die allermeisten sind allerdings ein Jahr oder mehr alt. "Assassins Creed Odyssey“ oder "Red Dead Redemption 2“ sind zwar nach wie vor starke Titel, viele potenzielle Kunden dürften sie aber längst gespielt haben. Hinzu kommt: Die Spiele sind in der Regel nicht kostenlos, sondern müssen auf Stadia neu gekauft werden. Die bisher bekannten Preise schwanken dabei: Während "Red Dead Redemption 2“ oder "Shadow of the Tomb Raider“ zum Vollpreis von 60 Euro immer noch recht teuer sind, sind ältere Titel wie der erste "Tomb Raider“ für Abonnenten mit 10 Euro recht günstig zu bekommen.

Und da wären wir schon beim nächsten Punkt: dem Abo. Aktuell ist Stadia nur als kostenpflichtige Pro-Version zu bekommen, pro Monat werden 10 Euro fällig. Um das Abo schmackhaft zu machen, enthält es jeden Monat kostenlosen Zugriff auf einige Spiele – aktuell sind das etwa "Destiny 2" (inklusive der auf anderen Plattformen kostenpflichtigen Erweiterungen) sowie "Samurai Shodown". Im Frühjahr soll dann eine kostenlose Version folgen, die keine Spiele enthält und zudem mit der niedrigen 720p-Auflösung auskommen muss. 

Da geht noch mehr

Ohnehin ist bei Stadia vieles noch ein Versprechen. Viele bereits angekündigte Funktionen fehlen zum Start. So unterstützt Stadia bislang nur auf den Google-eigenen Pixel-Smartphones auch das Zocken auf dem kleinen Bildschirm. Andere Android-Geräte und das iPhone können die App zwar installieren, darüber aber nur die Spiele verwalten und Screenshots betrachten. Auch viele soziale Features, das Achievement-System und das Teilen von Spielen innerhalb der Familie sollen erst später nachgereicht werden.

Die vermeintliche Schwäche der erst später nachgereichten Funktionen ist gleichzeitig Stadias größtes Potenzial: Anders als bei den anderen Konsolen ist der Dienst nicht auf die Hardware des Kunden angewiesen. Google kann im Hintergrund die Hardware des Dienstes immer weiter ausbauen. Wenn in einem Jahr die bereits angekündigten Konsolen von Playstation und Microsoft herauskommen, wird sich zeigen, ob Stadia auch mit ihnen mithalten kann. 

Sollten die Kunden dann tatsächlich die Spiele der kommenden Generation zocken können, ohne sich neue Hardware kaufen zu müssen, würde das die Karten auf dem Markt komplett neu mischen. Schon jetzt haben etwa die Entwickler des Rennspiels "Grid“ angekündigt, dank Stadias Hardware bis zu 40 Spieler gleichzeitig auf die Strecke lassen zu können – auf den anderen Plattformen sind es höchstens 16.

Andererseits gehen die Kunden auch ein Risiko ein: Sollte Google Stadia irgendwann als Flop sehen und den Stecker ziehen, sind sämtliche Spiele in der Bibliothek verloren – ohne Möglichkeit, sie je wieder nutzen oder retten zu können.

Fazit: Ein Blick in die Zukunft

Mit Stadia wird die Vision vom Zocken aus der Cloud beeindruckende Realität. Die richtige Internetverbindung vorausgesetzt, lässt sich das Spielen über Stadia nicht vom Zocken über eine klassische Konsole oder einen PC unterscheiden: Alles funktioniert flüssig, Ruckler oder Aussetzer sind die absolute Ausnahme. Hinzu kommen echte Vorteile wie das Spielen ohne Downloadzeit und natürlich das Potenzial der theoretisch immer weiter wachsenden Rechenleistung.

Allerdings hat Google noch Luft nach oben. Vor allem bei der Spiele-Auswahl, den Preisen und den fehlenden Features kann der Konzern viel nachbessern, und sollte das aber auch dringend tun. 

Google Stadia geht ab dem 19. November an den Start und ist aktuell nur als Bundle auf Googles Webseite erhältlich. Der Preis von 129 Euro für den Controller, einen Chromecast Ultra und drei Monate Stadia Pro geht in Ordnung. Wer das Geld lieber nicht zahlen will, kann aber auch bis zum Frühjahr warten – und dann die Free-Version kostenlos ausprobieren. Wer eine schlechte Internetverbindung hat oder seine Spiele lieber als klassische Datenträger kauft, wird mit Stadia leider nicht glücklich