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Content-Nachschub Streaming in der Corona-Krise: Gehen Netflix und Co. bald die Serien aus?

"Stranger Things" geht in die nächste Runde
Auch die vierte Staffel von "Stranger Things" wurde auf unbekannte Zeit verschoben
© Netflix
In der Corona-Pandemie sind die Streaming-Dienste gefragt wie nie. Doch der Boom geht mit einer Krise einher: Monatelang standen die Kameras still. Jetzt werden langsam die Folgen spürbar.

Serie statt Barbesuch, den Blockbuster direkt Zuhause sehen statt im Kino: Selten war man so dankbar für die Streamingdienste wie in der aktuellen Ausnahmesituation. Doch auch die Film- und Serienproduktion leidet unter den Corona-Auflagen. Jetzt werden die ersten Folgen spürbar: Netflix und Co. müssen immer mehr Serien und Filme verschieben. Droht bald die Flaute im TV?

Darauf deuten zumindest erste Zahlen hin. Hatte Netflix in den letzten Jahren konstant von Jahr zu Jahr die Menge an Eigenproduktionen nach oben geschoben, sinkt sie nun im ersten Quartal 2021 erstmals deutlich. Kamen letztes Frühjahr zwischen Januar und April noch 180 neue Netflix Originals in den USA heraus, waren es dieses Jahr nur noch 159, hat Streaming-Experte Kasey Moore zusammengetragen. Noch dramatischer ist der Einbruch, wenn man die lizensierten Inhalte hinzuzählt. Hier fiel die Anzahl an Neuheiten gar von 685 im Frühjahr 2020 auf nur noch 454 Neuerscheinungen in den ersten Monaten diesen Jahres.

Selbst Hits müssen warten

Der Rückgang dürfte eine direkte Folge der Corona-Krise sein. Als letzten März die ganze Welt in mehr oder weniger harte Lockdowns ging, lag auch die Produktion von TV-Serien und Filmen monatelang still, Dutzende Serien wurden um Monate oder gar auf unbestimmte Zeit verschoben, mehr als 60 Prozent aller Produktionen erwarteten Verzögerungen, berichtete "Deadline" schon letztes Jahr. Damals ging man von einer Pause von wenigen Wochen bis Monaten aus. Doch ein Jahr später hat sich die Gesamtsituation kaum gebessert. 

Dass die Ausfälle bisher kaum zu spüren waren, liegt an der Produktionsweise der meisten großen Serien bei den Streaming-Diensten. Weil etwa Netflix alle Folgen einer Serienstaffel auf einmal online stellt, werden die Serien dort etwas anders produziert als im klassischen Fernsehen, wo immer nur eine Folge gleichzeitig fertig werden muss. Netflix filmt Monate im Voraus auf Halde, dann folgt die Nachproduktion der gesamten Staffel auf einen Schlag. So konnte der Streaming-Riese die meisten seiner geplanten Produktionen auch trotz Corona zu Ende bringen: Die Nachbearbeitung lässt sich anders als der Dreh auch mit Homeoffice und Social Distancing verbinden. Das Material sei nun aber langsam aufgebraucht, berichteten Insider gegenüber "Bloomberg".

Der neue Trailer zur vierten Staffel von "Stranger Things" zeigt einen totgeglaubten Helden in Russland.

Neue Herausforderungen

Ganz ohne Neustarts werden die Zuschauer natürlich trotzdem nicht auskommen müssen. Der Konkurrenzdruck auf die Streaming-Dienste ist so hoch wie nie, die Zuschauer lechzen nach neuen Inhalten. Diese Nachfrage erfüllen die Streaming-Dienste zum einen mit dem Aufkaufen von Filmen, die eigentlich für das Kino gedacht waren. Während einige Blockbuster wie der nächste "James Bond"-Streifen immer wieder geschoben werden, verkaufen andere Studios die Rechte wegen der geschlossenen Filmsäle dann doch lieber an die Streaming-Dienste, statt Verluste zu machen.

Seit dem letzten Sommer wurden zudem in immer mehr Ländern die Drehs zu neuen Serien und Filmen aufgenommen. Das Drehen neuen Materials stellt Netflix und auch alle Konkurrenten aber nun vor völlig neue Herausforderungen. Durch ständige Tests, strenge Auflagen und immer wieder vorkommende Corona-Ausbrüche an den Sets sind die Dreharbeiten aber deutlich aufwändiger und kostspieliger als vorher.

Das lange Warten

So müssen selbst Fan-Lieblinge die Fans warten lassen. Die sechste und letzte Staffel des "Breaking Bad"-Spinoff "Better Call Saul" wurde etwa offiziell von diesem Jahr ins nächste geschoben, Netflix' Überraschungshit "Russian Doll" begann gar erst im März mit den Dreharbeiten - ein Jahr, nachdem es losgehen sollte. Und auch die vierte Staffel des Superhits "Stranger Things" wurde eigentlich für den letzten Herbst erwartet, hat aber nach wie vor keinen Starttermin. Und das, obwohl es bereits vor über einem Jahr den ersten Trailer zu sehen gab.

Die Stimmung in der Branche ist entsprechend mies. "Jede einzelne unserer Serien ist in irgendeiner Form von Quarantänen betroffen", sagte Serien-Entwickler Greg Berlanti gegenüber der "Washington Post". Er ist unter anderem für die Netflix-Erfolge "Riverdale" und "You" verantwortlich. "Es ist ein bisschen so, als hätte man ein Restaurant vollgestopft mit hungrigen Gästen und auf einmal gibt es einen Küchenbrand", pflichtet ein anonymer Produzent bei. "Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch einmal arbeiten werde", klagte Regisseurin Robin Sheppard gegenüber dem "Guardian". "Es war noch nie so schwer, einen Job zu bekommen."

Ein Bereich boomte allerdings unter den aktuellen Bedingungen: Weil sie darauf verzichten können, Hunderte Personen an einem Ort zusammenzubringen, sind Animations-Serien und Filme für die Branche so interessant wie nie. Die Animation lässt sich auch in Heimarbeit erledigen, die Aufnahmen der oft prominenten Sprecher kann in getrennten Kabinen stattfinden. "Ich habe eine Menge Gespräche darüber, welche Art von Filmen man angesichts der Restriktionen besser umsetzen kann", erklärt Tim Webber, der auch an "Avengers Endgame" mitgearbeitet hat. "Es gibt ein größeres Interesse an Produktionen, die vor allem am Computer entstehen, um die Produktion aufrecht erhalten zu können", sagt er dem "Guardian". Sarah Smith vom Studio Locksmith Animation sieht das auch so. "Wir können einfach garantieren, auch liefern zu können."

Quellen: Twitter, Bloomberg, Washington PostGuardian 1, Guardian 2, Deadline


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