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Apple iTunes: Himmel und Hölle

Apple wagt mit seinem Musikdienst "iTunes" erstmals einen Ausflug in die Windows-Welt. Der Beginn einer neuen Freundschaft?

Der Mann war sichtlich nicht in seinem Element: "Wie komme ich denn hier an meine E-Mail?", murmelte der graubärtige Herr im schwarzen Rollkragenpulli verdattert, während er sich durch das Windows-Startmenü klickte - und erntete schallendes Gelächter aus dem Publikum. Koketterie oder echte Verwirrung? Unmöglich zu sagen. Eines aber war klar: Steve Jobs - Mitgründer, Boss und Chef-Vermarkter des Computer-Herstellers Apple - hatte einen Schwur gebrochen. Nie im Leben, verkündete Jobs über Jahre immer wieder, werde er einen PC anrühren - nicht bevor "die Hölle zufriert" (das amerikanische Gegenstück zum Sankt Nimmerleinstag).

"Das beste Programm, das je für Windows geschrieben wurde"

Und nun saß er da an einem Windows-PC im Konferenzzentrum in San Francisco, Apples Lieblingsbühne für Produktankündigungen, und versuchte, mit dem Teufelszeug zurechtzukommen, das 97 Prozent aller Computer antreibt. Denn erstmals in der 26-jährigen Firmengeschichte stellte Apple ein Programm für den Rest der Welt vor (mal von der Film-Abspielsoftware Quicktime abgesehen): iTunes für Windows, das Gates-kompatible Gegenstück zu der digitalen Jukebox, die Apple-Nutzer schon seit Monaten kennen. In der für ihn typischen Bescheidenheit tönte Jobs, die neue iTunes-Version für Windows XP und 2000 sei "das beste Programm, das je für Windows geschrieben wurde".

Die Konkurrenz schläft nicht...

Nun ja. Zu den billigsten gehört iTunes auf jeden Fall, denn es kostet nichts. Das Programm ist gedacht als Apples trojanisches Pferd, um den Windows-Markt für Online-Musik aufzurollen. Seit Wochen drängen in den USA immer neue kommerzielle Dienste auf den Markt, die mit unterschiedlichsten Angeboten versuchen, Kazaa-Fans in zahlende Kunden zu verwandeln - selbst Napster soll Ende des Monats in einer legalen Version wieder auferstehen.

... und guckt sich bei iTunes das Beste ab

Jobs wollte da nicht länger tatenlos zusehen, denn Vorbild für die meisten dieser neuen Dienste - von Buymusic bis Musicmatch - war der iTunes-Service, den Apple am 28. April startete: 99 US-Cent pro Song, keine Abo-Gebühren, dafür CD-Brennen und Überspielen auf den iPod, Apples tragbaren MP3-Walkman. Dass Apple mit seinen drei Prozent Marktanteil nur einen Bruchteil aller Musikfreunde erreicht, war für die risikoscheuen Plattenfirmen nur von Vorteil: Ihnen diente der Nischenservice als idealer Versuchsballon.

100 Millionen Songs in einem Jahr

Den hätten die Labels jederzeit wieder abschießen können - denn die Lizenzen, die Apple bekam, waren auf ein Jahr begrenzt und gelten außerdem nur für die USA. Deshalb schauen alle anderen Musikfans weiter in die Röhre (deutsche haben immerhin Popfile.de). Doch der Versuchsballon stieg schnell in unerwartet luftige Höhen: 13 Millionen Songs hat Apple in den ersten fünfeinhalb Monaten verkauft und damit 70 Prozent Marktanteil ergattert. Die Vorstellung des iTunes-Service "war die Geburt legaler Downloads", jubelt Jobs, "und bedenken Sie: diese Zahlen allein auf dem Macintosh." Mit der Windows-Version hat Apple sich neue Ziele gesteckt - 100 Millionen Lieder sollen bis zum ersten Jahrestag des iTunes-Service verkauft werden.

"Das ist sehr ehrgeizig", sagt David Card, Analyst beim Marktforscher Jupitermedia. "Es kann funktionieren, aber leicht ist es nicht." Deshalb tut Apple sich mit AOL und Pepsi zusammen: Der Brause-Brauer wird im Februar 300 Millionen Sprudelflaschen mit Gewinnspiel auf den Markt werfen - in jeder dritten Kappe steckt ein Gutschein für einen iTunes-Song. Und AOL-Mitglieder werden künftig bei AOL Music per Mausklick direkt zu iTunes befördert.

Für Windows-Nutzer ist Jobs kein Guru

Dennoch muss Jobs erst noch beweisen, dass Windows-Nutzer, die ihm nicht bei jedem Wort an den Lippen hängen, seine Software genauso begeistert aufsaugen wie Apple-Jünger. "Macintosh-Nutzer kaufen Jobs alles ab, die sind sofort auf den iTunes-Dienst angesprungen", sagt Card. "Jetzt wird man sehen, ob das für Windows auch gilt." Das Ende der CD sieht Card noch lange nicht gekommen - Jupitermedia sagt vorher, dass 2008 erst zwölf Prozent aller Musik per Download verkauft wird. 13 Millionen Lieder in fünfeinhalb Monaten? "Ein guter Start", räumt Card ein. "Aber wir reden hier von einem Zwölf-Milliarden-Dollar Markt allein in den USA. Das muss man in Perspektive setzen, so viel hat sich noch nicht geändert."

Andere trauen Apple durchaus zu, die Windows-Welt zu erobern: "13 Millionen verkaufte Songs und 70 Prozent Marktanteil allein mit dem Macintosh, das kann sich sehen lassen", sagt Roger Kay, PC-Spezialist beim Marktforscher IDC. "Wenn es Apple gelingt, die Eleganz der Macintosh-Software auf PCs zu übertragen, dann werden die Windows-Nutzer das sicher annehmen." Vielleicht, spekuliert Kay, steigen einige sogar auf den Macintosh um: "iTunes ist Werbung für Apple: eine Chance, Windows-Nutzer auf den Geschmack zu bringen."

Warme Worte von Bono und Mick Jagger

Längst gewonnen hat Apple die Herzen vieler Musiker. Zwar finden sich unter den fast 400.000 Songs im iTunes-Shop immer noch keine Lieder von Netzmusik-Boykotteuren wie Radiohead oder Metallica - doch der Widerstand bröckelt, und selbst Weltstars singen mittlerweile Lobeshymnen auf Steve Jobs und seinen kleinen Musikladen, der den Labels gezeigt hat, wie man der Napster-Generation Geld entlockt: "Was ihr da macht, ist eine richtig coole Sache für Musik und für uns Musiker", schwärmte U2-Sänger Bono, zugeschaltet per Video-Konferenz aus Dublin. "Deshalb bin ich hier, um einer Firma in den Arsch zu kriechen, und ich krieche wirklich nicht jeder Firma in den Arsch!" Woraufhin Jobs sich eilig verabschiedete und nach London weiterschaltete zu Mick Jagger. "Dies ist großartig", schwärmte auch der Rolling Stone. Nach dem Fehlstart mit Napster & Co. dürfe man nun hoffen, dass alles gut werde, denn der iTunes-Service sei etwas, "mit dem alle glücklich werden können".

Am glücklichsten war dann wohl Jobs selbst, denn er durfte seine Lieblingssängerin auf die Bühne holen: Sarah McLachlan. Zwischen zwei Liedern, live am Piano vorgetragen, bekannte die zierliche kanadische Chanteuse mit der großen Stimme, sie sei zwar "kein großer Computergeek" - hier ein bisschen E-Mail, da ein bisschen eBay - aber "zu sehen, wie einfach bei iTunes alles geht, das haut mich glatt um."

Sollte der Rest der Windows-Welt genauso denken, könnten für Apple paradiesische Zeiten anbrechen - jetzt, nachdem die Hölle zugefroren ist.

Karsten Lemm, San Francisco