HOME

Barrierefreies Internet: "Guido" hilft Gehörlosen im Web

Das Web ist für Gehörlose und Schwerhörige eine wichtige Kommunikations-Plattform. Darum will die Regierung die Onlineseiten aller Behörden bis Ende 2005 für Behinderte zugänglich machen. Neue Computerprogramme sollen helfen.

Von Lars Petersen

Behörden müssen ihre Internetangebote so gestalten, dass Behinderte sie ohne Einschränkungen nutzen können - so schreibt es jedenfalls seit 1. Mai 2002 das Behindertengleichstellungsgesetz vor. Bis Ende 2005 sollen sogar alle staatlichen Angebote im Internet barrierefrei sein. Allerdings sind die meisten Ämter davon noch weit entfernt. Solche Websites zu entwickeln ist sehr kompliziert. Nicht wenige, die es zumindest versuchen, scheitern an den gesetzlichen Richtlinien: "Vieles, was unter 'Barrierefreiheit' angeboten wird, erweist sich als unzureichend", sagt Tomas Caspers, freiberuflicher Berater für barrierefreie Webgestaltung. So qualifizierten sich für einen entsprechenden Wettbewerb - den "BIENE Award" -, den "Aktion Mensch" und die "Stiftung Digitale Chancen" voriges Jahr erstmals ausgeschrieben hatten, von den 173 Bewerbern gerade einmal 23 Anbieter.

Schriftdeutsch als Fremdsprache

Besonders die 80.000 Gehörlosen in Deutschland, die sich per Gebärdensprache verständigen, haben Probleme mit dem Internet. Denn: Schriftdeutsch können sie nur begrenzt lesen, es ist für sie praktisch eine Fremdsprache. "Die meisten können nur einfache Sprache lesen, etwa die Bildzeitung", so der Gehörlose Gerald Brunk. Betreiber von Internetseiten für Gehörlose spielen bisher zusätzliche Videosequenzen ein, bei denen Menschen die Seiteninhalte als Gebärden darstellen. Problematisch wird es, wenn die Seite häufig aktualisiert werden muss, weil sich beispielsweise Verwaltungsbestimmungen in Behörden geändert haben oder Datenbanken erneuert wurden. Dann müssen die Videos neu gedreht werden. Das ist teuer und zeitaufwendig.

Eine Lösung für dieses Problem will die Stadt Hamburg ab Ende September auf ihrer Seite gebaerden.hamburg.de präsentieren. "Virtual Guido" gibt gehörlosen Internetnutzern Hinweise und Tipps bei Behördengängen.

Hinter "Guido" steckt jahrzehntelange Arbeit

Die Technologie hinter "Guido": Das System greift auf eine Datenbank mit über 10.000 Wörtern zurück. Jedes ist in das so genannte Hamburger Notations-System (HamNoSys) übersetzt. Das HamNoSys ist ähnlich der Lautschrift ein phonetisches Alphabet mit 220 Symbolen. Findet "Guido" ein Wort auf der Website in seiner Datenbank, drückt er die dem Wort entsprechenden HamNoSys-Symbole als Gebärdensprache aus. Vorteil dieser Technik: Webseiten zu aktualisieren, ist deutlich einfacher, da nur die geänderten Inhalte für die Gebärdensprache aufbereitet werden müssen und nicht mehr die gesamte Seite. An der Entwicklung dieser neuen Software arbeiteten Experten des Instituts für Gebärdensprache fast zwei Jahrzehnte lang.

Problem Mehrdeutigkeit

Aber auch "Guido" ist noch lange nicht perfekt: Wie in der Schriftsprache manches Wort mehrere Bedeutungen hat, so kann auch in der Gebärdensprache eine Geste mehrdeutig sein. Ihr Sinn erschließt sich erst aus dem Zusammenhang. Was dies noch zusätzlich kompliziert: Bis jetzt ist es nicht einheitlich vorgeschrieben, wie genau eine Handbewegung in der Gebärdensprache ausgeführt werden muss. "Es gibt hier einfach kein richtige Grammatikforschung oder Lexika mit eindeutigen Zuordnungen", so Thomas Hanke vom Institut für Deutsche Gebärdensprache.

Die "Guido"-Entwickler haben daher zu jedem Ausdruck in der Gebärdensprache Videos von Menschen gedreht, die gerade diesen Ausdruck verwenden. Fast 700 Stunden Videomaterial sind so zusammengekommen. Immer wieder müssen die Forscher "Guidos" Bewegungen mit denen echter Menschen vergleichen. "Gebärdensprache ist seit Jahrhunderten eine Face-to-Face-Sprache. Sie funktioniert nur im Zusammenspiel mit Mimik und Gestik, weshalb auf dem Computer eine möglichst genaue Darstellung notwendig ist", erklärt Hanke.

Das Hamburger Institut ist mit seiner neuen Technik schon auf einem guten Weg. Im jüngsten Test verstanden fünf von sechs Personen relativ komplexe Sachverhalte durch "Guido". Nun spielen "die Guido"-Schöpfer bereits mit dem Gedanken, ein Radioprogramm für Gehörlose zu entwickeln.

DPA