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Datensammelwut von Google, Facebook und Co.: Lohnendes Werbeziel oder Abfall

Vom alles offenbarenden Websurfer bis zum gläsernen Kunden: US-Medienwissenschaftler Joseph Turow erklärt im stern.de-Interview, warum Datensammeln im Netz bares Geld bringt.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Seit dem 1. März gelten bei Google neue Datenschutzbestimmungen. Alle Spuren, die Nutzer bei unterschiedlichen Google-Diensten hinterlassen, werden fortan zentral ausgewertet. Kritiker wie der US-Medienexperte Joseph Turow dagegen sehen im Datenhunger der Digitalwelt eine große Gefahr: In seinem Buch "The Daily You" beschreibt Turow, Professor an der Universität von Pennsylvania, wie eine Armada von Marketingspezialisten unaufhörlich das Internet durchkämmt, um aus einer Vielzahl von Informationen Kundenprofile zu erstellen. Kombiniert mit Daten, die auch jenseits von PC und Smartphone über uns anfallen, ergeben sich daraus ganz neue Formen von Diskriminierung, argumentiert Turow im Gespräch mit stern.de.

Professor Turow, viele Menschen sind heute pausenlos im Internet unterwegs. Sie sagen, wir werden dabei auf Klick und Klick überwacht.
Wir werden beobachtet, verfolgt, überwacht - wie auch immer man es nennen will. Wir leben in einer neuen Welt, in der Daten über jeden Einzelnen von uns zu einer Währung für viele Lebensbereiche geworden sind.

Wie muss man sich das vorstellen?


Informationen werden vermehrt aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen: von Webseiten, die wir besuchen; Meinungen, die wir in Blogs oder bei Twitter äußern; Es wird gespeichert, nach welchen Finanzinformationen oder Medikamenten wir uns im Internet erkundigen - aber auch, wo wir Urlaub machen, wo wir wohnen, in welcher Art von Haus wir leben. Firmen spezialisieren sich darauf, all diese Daten zu sammeln und daraus Schlüsse über unsere Vorlieben und unser Leben zu ziehen.

Zu welchem Zweck?


Unternehmen geht es darum, ganz gezielt Kunden anzusprechen - für Rabatte oder Werbung, die sich nur an bestimmte Menschen richtet, genauso wie für Nachrichten und Unterhaltungsangebote, die auf den individuellen Geschmack abgestimmt sind.

Das klingt zunächst mal nicht schlecht. Wo sehen Sie das Problem?


All diese Dinge passieren weitgehend im Verborgenen, ohne dass es den meisten Menschen bewusst ist. Ich denke, wir sollten dagegen aufbegehren, dass Firmen Erkenntnisse über uns sammeln, ohne dass wir darauf aufmerksam gemacht werden und ausdrücklich Erlaubnis geben. Denn die Gefahr ist, dass mit der Zeit regelrechte Silos entstehen: Aus Marketingsicht bilden die einen von uns ein lohnenswertes Ziel, die anderen sind lediglich Abfall. Am Ende steht eine neue Form von Diskriminierung. Die Informationen aus den Datenbanken, die zu Profilen über uns verknüpft werden, bestimmen über unseren Ruf - und damit darüber, welche Angebote wir erhalten.

Haben Unternehmen nicht ein berechtigtes Interesse daran, möglichst nur solche Kunden anzusprechen, von denen sie sich ein gutes Geschäft erhoffen?
Es geht mir nicht darum, jede Art von gezieltem Marketing zu verhindern. Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, dass Unternehmen, über die wir kaum etwas wissen, Daten auswerten, um auf unterschiedlichste Weise zu definieren, wer wir sind. Und zwar ohne dass die Firmen uns sagen müssen, woher die Informationen stammen und wie sie genau verwendet werden. Im schlimmsten Fall fangen Menschen an, sich selbst so zu sehen, wie es die Werbemaschine tut.

Wie sehr kommen Nutzer von sozialen Netzwerken den Datensammlern freiwillig entgegen?


Ich möchte niemandem den Spaß daran verderben, sich mit Freunden auszutauschen. Aber jeder, der etwa Facebook nutzt, sollte wissen, dass alles, was man dort tut, für Werbezwecke ausgewertet wird. Facebook erlaubt zwar anderen Firmen keine Einblicke in seine Daten, schöpft aber selbst alle Möglichkeiten aus. Das heißt, selbst wenn Mitglieder ihr Profil so einstellen, dass alle Informationen nicht-öffentlich sind, analysiert Facebook weiterhin alle Daten, um gezielt Anzeigen zu verkaufen.

Geht es ausschließlich um Geschäftsinteressen?


Eine große Gefahr ist, dass all die Mittel, die Marketingfirmen nutzen, um mehr über Kunden zu erfahren, ebenso für politsche Zwecke eingesetzt werden können. Die Technik kommt also auch autoritären Regimen zugute, die ihre Bürger kontrollieren wollen.

Wie viel von dem, was Sie in Ihrem Buch beschreiben, ist ein amerikanisches Phänomen?


In den Vereinigten Staaten ist der Spielraum für Datensammler zweifellos größer als in Europa. Allerdings können Unternehmen auch bei Ihnen viele Einblicke gewinnen. Das geschieht auf unterschiedlichen Wegen, etwa wenn Sie mit einer Kundenkarte Einkaufen gehen. Der Händler hat dann die Möglichkeit, diese Daten ähnlich auszuwerten, wie ich es in meinem Buch beschreibe.

Google, Yahoo und eine Reihe von anderen Internetriesen haben sich gerade bereit erklärt, die "Do Not Track"-Initiative zu unterstützen, mit der Nutzer signalisieren können, dass sie nicht ausgeschnüffelt werden wollen. Ist die Gefahr damit gebannt?
Es ist noch nicht klar, wie dieses System genau umgesetzt wird. Man kann es als vielversprechenden ersten Schritt sehen - doch wichtig ist: Diese Initiative bezieht sich nur darauf, welche Informationen an Partnerfirmen weitergegeben werden. Google etwa dürfte bei allen eigenen Diensten auch weiterhin Daten erfassen und auswerten. Selbst dann, wenn Nutzer künftig in ihrem Browser einen "Do Not Track"-Knopf finden, den sie anklicken können.

Was kann man tun, um nicht zum gläsernen Surfer zu werden?


Es gibt Software und Internetdienste, die es erlauben, im Netz anonym zu bleiben. Viele Menschen scheuen allerdings den Aufwand, und manche Webseiten funktionieren unter Umständen nicht so, wie sie sollten. Darüber hinaus gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, sich mit einem Programm namens "Ghostery" im Browser anzeigen zu lassen, welche Cookies auf den Rechner geladen werden. Je nach Wunsch lassen sich die Cookies auch ablehnen. Und wenn man sieht, wie viele Cookies manche Seiten nutzen, können einem die Augen übergehen.

Weil es in der Regel im Verborgenen geschieht?


Exakt. Und wir dürfen nicht vergessen: Wir stehen mit alledem noch ganz am Anfang. Was wir im Augenblick sehen, sind die ersten Schritte in eine ganz neue Welt. Langfristig geht es darum, dass nicht schleichend das Fundament unserer Gesellschaft ausgehöhlt wird. Wir müssen darauf vertrauen können, dass Unternehmen unsere Informationen respektieren. Dieser Respekt ist sehr wichtig. Denn andernfalls wird jeder von uns entweder zum "lohnenden Ziel" oder zu "Abfall" - von Fall zu Fall neu und ohne dass wir genau wissen, warum.