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Erste deutsche Muttermilch-Börse: Die Amme kommt per Post

Über ein Onlineportal bringt Tanja Müller Muttermilch ans Baby - ein Portal, an dem die Betreiberin nichts verdienen will. Die Idee ist ungewöhnlich, aber leider auch gefährlich.

Von Susanne Baller

Das Geschäft mit der Muttermilch hat eine lange Tradition, Amme ist einer der ältesten Berufe der Welt - und der Handel mit der sensiblen Ware ist nicht unumstritten. Doch der Bedarf auf beiden Seiten existiert genauso lange: Mütter, die mehr Milch haben, als ihr eigenes Kind trinken kann, gibt es ebenso wie jene, die zu wenig Milch produzieren oder gar nicht stillen können oder wollen. Tanja Müller, die die erste deutsche Muttermilch-Börse ins Leben gerufen hat, kennt beide Seiten: Bei ihrem heute dreijährigen Sohn reichte die eigene Milch nicht aus, für die inzwischen zweijährige Tochter hatte sie zu viel. So entstand die Idee, mit einer Plattform für Mütter eine Lücke zu schließen und durch möglichst große Transparenz dem Handel neues Leben einzuhauchen.

Müller, die nach ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau in Marketing und Vertrieb gearbeitet hat, bemüht sich auf ihrer Website vor allem um Aufklärung. Neben der Möglichkeit, dort Milch lokal oder bundesweit zu kaufen, zu verkaufen oder zu verschenken, beantwortet sie die wichtigsten Fragen rund um die Themen Stillen und Abpumpen, die richtige Lagerung und gefahrfreien Versand, Ernährung und Hygiene.

Direkter Austausch als Vertrauensbasis

Aus dem konkreten Handel hält Müller sich raus, sie will, dass die Mütter direkten Kontakt zueinander haben. Inserate können nach Alter des Kindes sowie nach Postleitzahl gefiltert und mit Angaben über Gesundheit und Ernährung der Mutter versehen werden. Das setzt großes Vertrauen in Fremde voraus. Eine Kooperation mit dem Institut für Milchuntersuchung (IfM) ermögliche jedoch zuverlässige Qualitätsprüfungen.

Ein Inserat kostet bei dem Portal 4,99 Euro im Vierteljahr. "Der Preis soll lediglich die Unkosten für die Website decken", sagt Tanja Müller, "auch wenn meine Familie und ich fast alles selbstgemacht haben, ist das ziemlich aufwendig." Zu welchen Konditionen dann der Handel stattfindet, entscheiden die Mütter selbst. Müller nennt zwar Vergleichspreise, kann sich aber auch gut vorstellen, dass manche Mütter ihre Milch verschenken möchten. Wenn Angebot und Nachfrage nicht allzuweit auseinander wohnen, kann die empfindliche Milch direkt übergeben werden, doch ein Expressversand per Post ist ebenfalls möglich. Trockeneis im Päckchen soll garantieren, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird.

Ärztin rät ab

Bei der Schilderung, wie die Plattform funktionieren soll, entfährt Skadi Springer ein leises "Um Himmels willen!" Die Kinderärztin, die Leiterin der Leipziger Uni-Milchbank und Mitglied der Nationalen Stillkommission ist, spricht sich absolut gegen eine private Muttermilchbörse aus und sieht darin einen Rückfall: "Wir waren doch froh, als 1919 die erste Milchbank das Ammenwesen abgelöst hat! Bei Muttermilch müssen die gleichen Kriterien angelegt werden wie beim Blutspenden, da kann man sich auch nicht drauf verlassen, dass jemand sympathisch ist. Er kann trotzdem Hepatitis B haben." Springer erklärt, dass die Milchbanken die Mütter regelmäßig untersuchen und deren Milch streng kontrolliert wird. Dass die Milchbanken der Nachfrage nicht mehr nachkommen können, begründet sie so: "In der DDR hatten wir 60 Milchbanken, jede Stadt mit mehr als 50.000 Einwohnern hatte eine. Dort wurde die Milch auf ärztliche Verordnung an bedürftige Kinder abgegeben." In Deutschland existieren heute nur noch zehn sogenannte Frauenmilchbanken, alle liegen in den neuen Bundesländern.

Den Qualitätskriterien der Milchbanken entsprechen die Tests des Instituts für Milchuntersuchungen nicht. Aber der Bedarf bleibt.

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