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Expansionspläne im Internet: Facebook macht sich breit

Facebook hat Neuerungen vorgestellt, die das Web verändern können. Dass der "Gefällt mir"-Knopf auch auf fremden Seiten erscheinen wird, ist nur ein erstes Zeichen. Die Konsequenzen sind gravierend.

Von Ralf Sander

Die Revolution kam in Jeans. Auf der Facebook-Entwicklerkonferenz F8 schlurfte Firmenchef Mark Zuckerberg in blauer Hose, Sneakers und einer schwarzen Kapuzenjacke auf die Bühne des Design Center Concourse in San Francisco - und kündigte nicht weniger an, als das Web umzuwälzen. Zusammengefasst unter dem Titel "Open Graph" präsentierte Zuckerberg eine Reihe neuer Features, die das weltgrößte soziale Netzwerk im gesamten Web verbreiten sollen. Facebook will sich wie ein weiteres Netz über alle Webangebote legen und alles mit allem sozial verbinden. Das US-Unternehmen möchte immer dabei sein, wenn wir im Internet unterwegs sind.

Es geht um mehr als nur einen Knopf

Auffälligstes Zeichen der "Open Graph"-Strategie ist die Tatsache, dass der bekannte "Gefällt mir"-Knopf ("Like"-Button) von nun an auch auf Seiten außerhalb der Facebook-Website benutzt werden kann. Mit einem Klick auf die Schaltfläche bringen Facebook-Nutzer bisher nur innerhalb des Netzwerkes ihre Sympathie für Beiträge anderer Nutzer zum Ausdruck. Diesen simplen Vorgang können nun andere Webangebote integrieren. Wer im Internet unterwegs ist, kann dann auch bei Nachrichtenangeboten, in Shops, auf Musikseiten oder Internetforen durch einen einzigen Klick Texte, Fotos, Lieder, Produkte oder Kommentare "gut finden" - und zwar, ohne sich auf den betreffenden Seiten angemeldet zu haben. Man muss während des Surfens nur bei Facebook eingeloggt sein.

Was auf den ersten Blick wie eine nette Spielerei wirkt, hat gravierende Konsequenzen: Facebook speichert alle Sympathiebekundungen und zeigt sie direkt im Profil des jeweiligen Nutzers an. Diese Äußerungen lassen sich vom User nicht ausblenden. Doch der globale "Gefällt mir"-Knopf ist nur der auffälligste Teil eines ganzen Baukastens an so genannten "Social Plug-ins", an sozialen Erweiterungen für Webangebote, die Facebook auf der F8-Konferenz den Webentwicklern vorgestellt hat. Diese werden dazu führen, dass wir überall im Netz auf unsere Facebook-Freunde treffen können. Wir hören auf einem Musikangebot wie Last.fm oder Pandora einen Song - und direkt daneben erscheinen Bilder von unseren Freunden, die diesen Song mochten. Ein Klick auf das Bild könnte uns zeigen, was unser Kumpel außerdem gerne hört. Oder wir besuchen eine Nachrichtenseite - auf der Konferenz war CNN.com das Beispiel - und bekommen sofort vor Augen geführt, welche Artikel unsere Freunde besonders interessant fanden und wo sie Kommentare hinterlassen haben.

Auch die Webseitenbetreiber profitieren

Die Informationen über die Vorlieben der Nutzer wird Facebook mit den jeweiligen Webseitenbetreibern teilen, sodass sich diese ihren Besuchern noch besser anpassen können. So wie Amazon-Kunden schon seit Jahren mit Angeboten begrüßt werden, die ihren Interessen entsprechen, könnte sich nun jede Website für jeden einzelnen Nutzer indivduell hübsch machen. Personalisierte Angebote, ohne dass der Nutzer zuvor umfangreiche Angaben zu Geschmack und Interessen machen musste. Denn Facebook kennt die Antworten schon längst und stellt sie gerne zur Verfügung. "Mit unseren Werkzeugen kann man aus jeder Website eine Facebook-Seite machen", verkündete Zuckerberg. Eine beeindruckende Vorstellung.

Und eine beängstigende Vorstellung. Während wir überall im Netz unsere "Gefällt mir"-Spuren hinterlassen, verknüpft Facebook nun auch Orte und Dinge mit seinen Nutzern anstatt wie bisher nur Personen.

Es geht schon los

Facebooks Umbau ist bereits in vollem Gange. Seit einigen Tagen kann man innerhalb des Netzwerkes nicht mehr "Fan" einer bestimmten Facebook-Seite werden, diese Funktion wurde durch den "Gefällt mir"-Knopf ersetzt. Außerdem sind so genannte Community Pages geplant, die die Nutzer nach bestimmten eingetragenen Kriterien wie Interessen, Vorlieben, Wohnorten, Arbeitsstellen oder Schulen zusammenfassen. Wer "Kochen" als Hobby eingetragen hat, wird automatisch mit der passenden Community-Seite verbunden. Nach den bisherigen Plänen, die im offiziellen Facebook-Blog veröffentlicht wurden, könnte man zwar wie bisher seine Einträge auf der eigenen Profilseite verbergen, auf den Community-Seiten soll aber jeder öffentlich einsehbar gelistet werden. Wer das nicht will, der müsste zum Beispiel seinen Wohnort komplett aus Facebook löschen.

Das Wissen des Unternehmens über den User und seine Vorlieben wird immer präziser und umfassender. Empfehlungen und Werbung können so noch genauer als bisher auf den Nutzer zugeschnitten werden. Denn Einnahmen durch Werbung bleiben das Geschäftsmodell von Facebook, das hat Zuckerberg ganz deutlich gesagt. Doch die 400 Millionen Nutzer weltweit, Tendenz rasant steigend, sind ihm längst nicht genug. Mit den neuen Vernetzungsmöglichkeiten werde sich die Verbindung der Nutzer mit Facebook noch intensivieren, hofft Zuckerberg, und die Popularität der Netzwerks weiter steigen.

Angriff auf Google

Das Web, wie Google es versteht, besteht aus Webseiten und den Verlinkungen zwischen diesen. Das Web in der Version von Facebook besteht aus sozialen Verbindungen. Was ist besonders beliebt, was wird weiterempfohlen? Facebook weiß, was die Menschen mögen, was sie interessiert. Vielleicht liefert das größte soziale Netzwerk mit diesem Wissen bald bessere, menschennähere Suchergebnisse als Google? Dass Zuckerbergs Unternehmen an entsprechender Technik arbeitet, ist kein Geheimnis.

Datenschützer haben viel neuen Stoff zum Kopfzerbrechen. "Ich war beeindruckt und erschüttert und verblüfft angesichts der Brillanz des Gezeigten", sagt Ginger McCall von der Electronic Frontier Foundation gegenüber "TechNewsWorld". Für die Bürgerrechtsorganisation ist Facebooks Weg voller neuer Gefahren. Das Problem sei, dass das ganze Netzwerk der Verknüpfungen aus von Nutzern freiwillig eingegebenen Daten gebildet wird, die - wenn auch anonymisiert - an Dritte mit kommerziellen Interessen übergeben werden. Facebooks Service "durchläuft eine fundamentale Veränderung, weg vom sozialen Netzwerk hin zu einem Dienstleister für Guerillamarketing", sagt McCall.

Diese Einschätzung mag zu düster wirken, weil die neuen Funktionen für den Nutzer durchaus interessant und aufgrund ihrer Einfachheit vermutlich sehr verführerisch wirken werden. Und Anzeigen zu Produkten, die uns interessieren, nerven weniger. Doch wie schon bei Google ist auch bei Facebook kein Klick kostenlos. Wir bezahlen immer mit unseren Daten.