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Spenden-Kampagnen Geschäft mit Toten: In der Corona-Krise blüht der Betrug mit der Trauer

Immer mehr Betrüger kapern echte Lebensgeschichten, um so an Spenden zu kommen.
Immer mehr Betrüger kapern echte Lebensgeschichten, um so an Spenden zu kommen.
© Katarzyna Bialasiewicz / Getty Images
Auf GoFundMe und Co. kann man für Bedürftige sammeln. Seit Corona legen Betrüger immer mehr falsche Kampagnen an. In Großbritannien solle es fast 3000 Fälle geben.

Not und Schicksalsschläge können durch Sammelaktionen im Netz gemindert werden, doch seit der Corona-Pandemie nimmt der Betrug mit dem Mitleid zu. Wird ein Fall von den Medien aufgegriffen, starten Betrüger häufig eine Sammlung auf Seiten wie GoFundMe. Sie wollen das Geld auf das eigene Konto umleiten und gehen immer professioneller vor, berichtet der britische "Telegraph".

Am 21. März starb Chloe Middleton an den Folgen von Covid-19 zu Beginn der Pandemie in Großbritannien. Der Fall rüttelte nicht nur die Briten auf, er machte weltweit Angst, denn Middleton war erst 21 Jahre alt und hatte zuvor keinerlei gesundheitlichen Probleme.

Gestohlene Texte

Dazu sah sie süß und unschuldig aus mit ihren großen blauen Augen. Betrüger erkannten das Potenzial und am 26. März wurde auf GoFundMe für eine "Covid-19 Beerdigung" gesammelt. Das Bild zeigte ein Mädchen, das Middleton sehr ähnlich sah, daneben stand ein herzzerreißender Text:

"Für alle Leute da draußen, die denken, dass es nur ein Virus ist, denken Sie bitte noch einmal nach. Dieses Virus hat meine 23-jährigen Tochter das Leben gekostet." Den Text hatten die Betrüger aus einem Post von Chloes Mutter Diane geklaut, nur Details wie das Alter wurden geändert. Um die Sammlung legitim erscheinen zu lassen, erzeugten sie bei Facebook außerdem eine Kopie der Facebook-Seite von Diane Middleton.

Schaden verhindert

Am 4. April starb Lindsay Marshall. Ihre Schwester Karen richtete einen Spendenaufruf ein, um Geld für den Nationalen Gesundheitsdienst zu sammeln. Aber der wurde kopiert, genau wie ihre eigene Facebook-Seite. "Es macht mich krank zu wissen, dass jemand den Verlust von Lindsay nutzen würde, um Geld zu verdienen, besonders wenn das Geld, das wir sammelten, für einen so guten Zweck verwendet wurde", sagte Karen einer lokalen Newsseite. Sie entdeckte den Betrug sofort und meldete ihn, ein finanzieller Schaden entstand nicht. Aber ein emotionaler für die trauernde Familie.

Im Juli berichtete die nationale Meldestelle für Betrug und Internetkriminalität in Großbritannien, dass es bereits 2866 Fälle von Betrug im Zusammenhang mit Coronaviren gegeben habe. Geldsammeln für eine medizinische Behandlung durch Social-Media-Kampagnen ist ohnehin umstritten. Denn auch ohne Betrug geht es dabei nicht fair zu. Manche Kampagnen laufen exzellent, andere bringen fast nichts ein – und der Erfolg hat wenig mit der Dringlichkeit oder Bedürftigkeit zu tun. Es ist ein darwinistischer Prozess, bei dem es vor allem darauf ankommt, den Erwartungen der sozialen Medien zu entsprechen.

Erfolgreiche Kampagnen ziehen Betrüger an

Die Familie von Oscar Saxelby-Lee baute eine sehr erfolgreiche Kampagne auf. Der Vierjährige litt unter einer besonders aggressiven Form von Leukämie. Nach einer erfolglosen Stammzelltransplantation konnten die britischen Ärzte nichts mehr für ihn tun. Nur eine neue Behandlung in Singapur versprach Hoffnung. Der Familie gelang es, eine halbe Million Pfund zu sammeln. An diese erfolgreiche Kampagne hängten sich mehrere Betrüger ran, bei denen Oscars Geschichte und die Fotos der Familie verwendet wurden, um an Geld zu kommen. 

"Zuerst war es auf Instagram, dann war es überall", sagte Oscars Mutter. Es wurden mehrere gefälschte Profile erstellt, darunter eines, das vorgab, sie selbst zu sein. Sie beschwerte sich bei Facebook und musste feststellen, dass es gar nicht leicht war, die Fake-Seiten wieder zu entfernen. Es dauerte eine Zeit, bis das Netzwerk überzeugt war, dass sie die richtige Mutter von Oscar war.

Gibt es während der Kampagne Beschwerden, wird das Geld nicht ausgezahlt. GoFundMe verspricht sogar, bei Betrugsfällen jede Spende zu erstatten – selbst dann, wenn sie das Geld auf eigenen Mitteln aufbringen müssen. Doch die Betrüger spekulieren darauf, dass niemand den Schwindel bemerkt. Dann gibt es keinen Einspruch und sie erhalten das gesammelte Geld, denn niemand überprüft, ob die bedürftige Person überhaupt krank ist oder auch nur existiert. Alle vom "Telegraph" genannten Fällen fielen nur auf, weil die Betrüger dreist das Schicksal von echten Personen gekapert hatten.

Quelle: Telegraph


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