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Internet: Kampf dem illegalen Musik-Download

Die Musikindustrie kämpft an allen Fronten gegen illegale Downloads im Netz: Nutzer von Tauschbörsen sollen per Mail "erzogen" und gleichzeitig legale Musik-Dienste aufgebaut werden.

Fast zwei Jahre nach ihrem Erfolg gegen die Internet-Tauschbörse Napster muss die Musikindustrie erkennen, dass es nicht ausreicht zu versuchen, die Online-Verteilung von urheberrechtlich geschützter Musik nur zu unterbinden. Die Vereinigung der amerikanischen Musikindustrie (RIAA) fährt deshalb mehrgleisig. Sie geht weiter juristisch gegen Firmen hinter der Tauschsoftware und auch die Nutzer vor. Zugleich wird auch versucht, legale Dienste für den Musikbezug aus dem Internet aufzubauen.

Auf dem Pfad der Tugend

Eine Vereinbarung mit dem Computerhersteller Apple ist hier wohl ein ganz wichtiger Test. Apple bietet in den USA einen eigenen Online Musikdienst an, den iTunes Music Store. Zum Start stehen dort mehr als 200.000 Titel von Firmen wie BMG, EMI, Sony Music, Universal und Warner zur Verfügung. Jedes Stück kostet 99 Cent und kann auf den eigenen Rechner heruntergeladen werden. Das Besondere an dem Apple-Angebot und auch der Unterschied zu anderen ähnlichen Angeboten sind die für Online-Musik sehr weitgehenden Rechte für den Käufer: Die Musikstücke dürfen für den persönlichen Gebrauch auf eine unbegrenzte Zahl von CDs gebrannt werden. Sie können auch auf tragbare Abspielgeräte überspielt werden.

"Kunden möchten nicht als Kriminelle behandelt werden, und die Künstler möchten nicht um die Früchte ihrer Arbeit betrogen werden", sagte Apple-Chef Steve Jobs bei der Vorstellung des Angebots. "Der iTunes Music Store bietet eine Lösung für beide." Ob dem tatsächlich so ist, wird sich noch zeigen müssen. Denn warum sollten Musiknutzer für etwas bezahlen, was es im Internet auch (noch) umsonst gibt?

Tauschbörsen leben weiter

Vor dem Start von Apples Music Store in den USA gab es Analysten zufolge bei den anderen legalen Online-Musikdiensten wie Pressplay, Musicnet und Rhapsody insgesamt rund 650.000 Nutzer. Dem stehen bislang Zigmillionen Nutzer von Tauschbörsen weltweit gegenüber. Diese Differenz ist einer der Gründe, warum einige Manager der Plattenindustrie der Ansicht sind, dass sie bei dem Abkommen mit Apple nicht viel zu verlieren haben.

Bei Erfolg Erweiterung auf Windows-Welt

Bislang steht das Angebot nur den Nutzern von Macintosh-Rechnern offen, die einen Marktanteil von gerade einmal drei Prozent haben. "Und wenn es nicht funktioniert und das Angebot ausgenutzt wird und außer Kontrolle gerät, dann wird es eben nicht auf die Windows-Welt ausgeweitet", sagt Phil Leigh von der Forschungsfirma Raymond James & Associates. Apple hat eine Windows-Version für Ende des Jahres in Aussicht gestellt.

"Es wird die Welt schon ein bisschen verändern. Es ist das erste legale Online-Musikangebot, das von den Plattenfirmen unterstützt wird und das sich auf Übertragbarkeit und einfache Handhabung konzentriert", sagt Leigh. Die Unterstützung der Musikindustrie dafür erklärt sich aus der wirtschaftlichen Lage. Nach fast zwei Jahrzehnten kontinuierlichen Wachstums gingen die Verkäufe 2000 und 2001 um fünf Prozent, 2002 schätzungsweise um zehn Prozent zurück, erklärt Michael Goodman, Analyst der Yankee Group in Boston.

User sind "wahre Liebhaber"

Der Durchbruch der Digitaltechnik, des Internets und ein verändertes Nutzerverhalten haben dazu beigetragen. Es gab aber auch sich verstärkende Effekte: Mit dem Rückgang der CD-Verkäufe haben viele Händler die Bandbreite der angebotenen Musiktitel eingeschränkt, was wiederum viele Nutzer ins Internet getrieben hat. Goodman rät der Industrie deshalb von einem zu harten Vorgehen gegen die Tauschbörsen-Nutzer ab. Diejenigen, die die kostenlosen Musikangeboten nutzten, seien auch diejenigen, die viel Geld für Musik ausgeben. "Die Menschen, die Musik herunterladen, sind die wahren Liebhaber. Sie beschaffen sie sich auf allen möglichen Wegen."

Umverteilung technischer Möglichkeiten

Ob der rechtliche Erfolg gegen Napster überhaupt etwas gebracht hat, ist fraglich. Seitdem hat sich vor allem die technische Seite der Verteilung von Musik geändert. Gab es bei Napster noch einen zentralen Rechner, über den der Tausch lief, so übernehmen das heute die Nutzer selbst. Jeder kann sich mit jedem in Kontakt setzten. Rund drei Milliarden Songs werden Schätzungen zufolge jeden Monat über die diversen Tauschbörsen verteilt.

Kampf an allen Fronten

In ihrem Kampf gegen den illegalen Musiktausch tritt die RIAA jetzt auch direkt an die Nutzer der Tauschbörsen Grokster und Kazaa heran. Nachdem in den vergangenen Wochen schon unbrauchbare Dateien in die Netze eingeschleust wurden, verschickt die RIAA jetzt an einige Tauschbörsen-Nutzer auch E-Mail-Warnungen und hat mit zugleich mit der Erfassung von Nutzerdaten begonnen. Rechtliche Schritte seien zunächst nicht geplant, hieß es.

"Todesröcheln"

Es handele sich vor allem um "Erziehungsmaßnahmen", erklärte RIAA-Präsident Cary Sherman. Pro Woche sollten rund eine Million Warnungen verschickt werden. Die Firma Sharman Networks, zu der Kazaa gehört, verglich die RIAA-Warnungen hingegen mit Spam, der unverlangten E-Mail-Werbung, die die Nutzer nur verunsichern solle. Und der Präsident von Grokster, Wayne Rosso, nannte die RIAA-Kampagne ein "Todesröcheln". "Wir sind selbst gegen Urheberrechtsverletzungen. Aber sie haben unseren Nutzern den Krieg erklärt."