Kommentar Google hat nichts zu verschenken


Wer das Internet benutzt, nutzt auch Google. Das Unternehmen bietet viele Dienste wie Suchmaschine, E-Mail und Video kostenlos an, lässt sich den Service aber mit persönlichen Daten bezahlen. "Meine Daten gehören mir", sagt stern-Redakteur Ulf Schönert.

So, wieder deinstalliert. Nicht, dass der neue Google-Browser Chrome ein schlechtes Programm wäre. Im Gegenteil: Für eine Beta-Version, also angesichts der Tatsache, dass er eigentlich noch gar nicht fertig ist, ist Chrome wirklich gut. Einfach zu bedienen, schnell installiert, schick aussehend, übersichtlich.

Dass ich ihn trotzdem wieder von meiner Festplatte geworfen habe, hat einen einfachen Grund: Er ist von Google. Nicht, dass ich Google nicht nutzen würde. Auch ich starte jeden Tag Dutzende Anfragen über die Suchmaschine, ich lese Google News, schaue mir Youtube-Videos an, nutze die Blog-Suche, lasse mich von Google Alerts über Neuigkeiten informieren. Die Fotosoftware Picasa ist ganz fantastisch, Google Earth macht Spaß und die Online-Textverarbeitung Google Docs finde ich total praktisch. Und Google Mail ist in meinen Augen der nach wie vor der beste Freemailer, den es gibt. Doch so lobenswert all diese Angebote für sich sind: In der Summe bedrohen sie nicht nur die persönliche Datensicherheit, sondern auch die Freiheit des Internets insgesamt.

Je mehr dieser Produkte ich nutze, desto mehr weiß Google über mich: welche Texte ich schreibe, welche Blogs ich abonniert habe, für welche Themen ich mich interessiere. Google kennt sogar meine Briefe und Fotos - Privateres, Intimeres habe ich nicht zu bieten. Es sind Informationen, die ich selbst guten Bekannten so nicht zur Verfügung stellen würde, die ich aber einer überseeischen Firma anvertraue, von der ich kaum mehr weiß, als dass sie von zwei Studenten gegründet wurde, unendlich viel Geld besitzt, und dass sie eben gute Produkte anbietet.

Der Gläserne Surfer

Aber gute Produkte sind eben nicht alles. Als mündiger Internet-Nutzer darf man nicht nur nach der Oberfläche urteilen. Gerade angesichts der Tatsache, dass so viel "kostenlos" angeboten wird, müssen wir uns fragen: Ist das wirklich alles geschenkt? Oder zahlen wir nicht am Ende doch irgendwie drauf? Wer unter die Oberfläche schaut, entdeckt, dass Google im vorigen Jahr den größten Internet-Werbevermarkter "Doubleclick" für mehr als drei Milliarden Dollar gekauft hat. Diese Summe will Google natürlich wieder erwirtschaften, mit Werbeeinnahmen nämlich. Und um die zu steigern, sammelt Google unsere Daten. Google hat nichts zu verschenken. Wir bezahlen den kostenlosen Chrome-Browser und all die anderen Gratis-Gimmicks, in dem wir unsere Daten und Informationen über unsere Gewohnheiten verschenken, und Google sie zu Geld macht. Das Ergebnis ist der gläserne Surfer.

Aber ich will kein gläserner Surfer sein. Und: Ich will das Netz nicht denen überlassen, denen all das egal ist. Das Netz ist nicht nur für diejenigen da, die diese Ich-hab-doch-nichts-zu-verbergen-Einstellung haben, denen Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung egal sind. Ich will das Netz nutzen, aber ich will bestimmen, wer meine persönlichen Daten wie nutzen darf. Ich will sie nur jemandem geben, dem ich vertraue. Google, dem profitorientierten, von niemandem wirklich kontrollierten Großkonzern, vertraue ich nicht. Zumindest nicht genügend.

Google-Diät

Ich bin weit davon entfernt, zum Google-Boykott aufzurufen, aber eine Google-Diät würde uns schon jetzt guttun. Was wir brauchen, ist eine gesunde Mischung. Wenn man schon seine Daten raushaut, dann doch wenigstens ein Bisschen verstreut: die Mails bei GMX, die Fotos bei Flickr, die Landkarten bei Microsoft Virtual Earth, Blogsuche bei Technorati, chatten über AIM, die Desktop-Suche von Copernic. Diese Streuung sorgt zum einen dafür, dass keine einzelne Firma Zum anderen nützt es der Vielfalt im Internet und hilft, dessen freien, demokratischen Charakter zu bewahren.

Dafür können wir alle sorgen. So, wie wir im Supermarkt nicht nur drauf achten sollten, ob der Apfel gut aussieht, sondern auch, ob er aus der Region und aus biologischem Anbau stammt, sollten wir auch bei Software oder Internet-Diensten darauf achten, was hinter der Software steckt, die sich auf den ersten Blick so strahlend präsentiert.

Und so, wie man sich zuweilen für den Apfel entscheidet, der vielleicht nicht ganz so toll aussieht und ein wenig teurer ist, dafür aber gesünder, sollte man sich dann auch für Software entscheiden, die vielleicht nicht ganz so toll aussieht und beim Starten vielleicht ein paar Sekunden länger braucht. Aus diesem Grund bleibe ich bei meinem Stamm-Browser Firefox.


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