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Soziales Netzwerk Hi5.com: Der Riese, den niemand kennt

Mit mehr als 60 Millionen Nutzern macht das soziale Netzwerk Hi5.com den beiden Großen Facebook und Myspace fleißig Konkurrenz. Ein Besuch beim drittgrößten Social Network der Welt - das in Deutschland kaum jemand kennt.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Hoch die Hand und patsch! Handfläche auf Handfläche: So funktioniert ein "High Five", das handfeste Hallo aus Amerika, schon lange beliebt als Jubelgeste bei Sportlern, die gerade einen Treffer erzielt haben - und immer öfter auch bei Freunden online. Mehr als 60 Millionen Menschen in aller Welt geben sich mittlerweile ein "High Five" am Computer, indem sie die gleichnamige Website besuchen. Das macht Hi5.com zum drittgrößten sozialen Netzwerk der Welt, gleich hinter Facebook und Myspace - und doch ist der kalifornische Internetdienst, der im vorigen Jahr seine Nutzerzahlen mehr als verdoppeln konnte, in Deutschland praktisch unbekannt.

Ramu Yalamanchi stört das nicht. "Wir sind die Nummer eins in mehr als 30 Ländern", sagt der Hi5-Vorstandschef und Mitgründer selbstbewusst und zählt ein paar davon auf, die meisten aus Lateinamerika, Osteuropa und Asien. "Der gemeinsame Nenner ist, dass wir uns auf Schwellenländer konzentriert haben." Monat für Monat besuchen laut der Marktforschungsfirma Comscore inzwischen mehr als vier Millionen Mexikaner Hi5, gut zwei Millionen Portugiesen und ähnlich viele Spanier und Inder. Dazu kommen Millionen Rumänen, Griechen, Peruaner, Thailänder - alle ebenfalls gute Bekannte des sozialen Netzwerks. Zu Hause dagegen, in den USA, liegt Hi5 ähnlich weit hinter seinen großen Konkurrenten zurück wie in Deutschland: Zwischen Alster und Isar schauen bisher nur 600.000 Nutzer regelmäßig bei den Kaliforniern vorbei; der Rest ist mit StudiVZ, Facebook & Co. beschäftigt.

Natürlich würde Yalamanchi das gern ändern, und eine deutsche Version der Website gibt es auch schon. Doch für viel mehr, um auch Kieler, Kölner und Chemnitzer zum virtuellen "High Five" zu bewegen, reicht es bisher nicht - wer sich mit gut 100 Mitarbeitern um 60 Millionen Nutzer kümmern will, muss seine Kräfte bündeln. "Vorläufig werden wir uns vor allem auf jene Märkte konzentrieren, in denen wir schon stark sind", sagt Yalamanchi, 34, der als Sohn indischer Einwanderer in der Nähe von Chicago aufwuchs. "Wir erwarten, dass wir weiter wachsen, aber jetzt geht es erstmal darum, unser Angebot auszubauen und das Erlebnis zu vertiefen."

Als Partnersuche ein Flop

Von oberflächlichen Beziehungen hatten die Hi5-Gründer die Nase voll, als sie 2004 ihr soziales Netzwerk ins Leben riefen - denn ursprünglich hatten sie es mit einer Website für Partnersuche versucht. Aber das ging daneben. "Wir wollten einen internationalen Kokurrenten zu Match.com aufbauen", erinnert sich Yalamanchi. "Das Problem war nur: Sobald sich zwei gefunden hatten, verschwanden sie und waren für uns verloren." So konzentrierten sich Yalamanchi und sein Partner Akash Garg beim nächsten Versuch auf menschliches Miteinander, das dauerhaften Kontakt zu ihren Nutzern versprach. Und sie schauten beim Aufbau ihres sozialen Netzwerks von Anfang an über den eigenen Tellerrand. "Hi5 hat sich sehr stark international ausgerichtet, das Wachstum kommt aus aller Welt", sagt Comscore-Analyst Andrew Lipsman. "In Lateinamerika sind sie ein echtes Phänomen."

Dennoch gibt es für die Millionen Nutzer in diversen Ländern nur ein einziges Büro: das Hauptquartier der Firma in einem Glasturm in der Innenstadt von San Francisco. In Großraumbüros unter Neonlicht und niedrigen Decken sitzen dort Programmierer, Webdesigner und Produktmanager, um dem Angebot, das sie hier zentral für die ganze Welt erstellen, das gewisse Etwas zu verleihen. "Soziale Netzwerke sind ein Spiegel dessen, was Menschen in ihrem Leben alles machen", sagt Yalamanchi. "Im Grunde geht es darum, Menschen zusammenzubringen, die gleiche Interessen haben." Bisher unterscheidet sich Hi5 da wenig von Facebook, Myspace oder StudiVZ. Doch Freunde, die in Verbindung bleiben wollen, sind ja nur der Anfang für das, was sich mit Netzwerken im Internet anstellen lässt. Künftig sollen Gleichgesinnte - Fans von "American Idol" etwa oder Musica Latina oder Bollywood-Filmen - auf Hi5 auch gemeinsam etwas erleben können; rund um ihre Interessen, live, im Internet, egal wo sie sind auf der Welt.

Zahlen für Erlebnisse

"Hi5 soll für Spaß stehen", erklärt Yalamanchi, "und das erreichen wir am besten durch interaktive Erlebnisse." Konzerte könnten das zum Beispiel sein oder Sportereignisse - ganz allgemein Veranstaltungen, an denen Tausende Interesse haben, aber nur wenige persönlich teilnehmen können. In Zukunft könnte dann ein Mausklick genügen, um virtuell dabei zu sein, nicht allein, sondern mit all den Online-Freunden, die einem am Herzen liegen. Dafür, glaubt der Hi5-Chef, würden viele seiner Nutzer, die zum Großteil zwischen 15 und 24 Jahre alt sind, auch ein paar Dollar herausrücken: "Für Musik gibt praktisch niemand mehr Geld aus", sagt Yalamanchi, "aber bei Konzerten ist das anders. Für Erlebnisse sind viele bereit, etwas zu bezahlen."

Schon jetzt verdient die Firma an Nutzern, die sich virtuelle Geschenke schicken: Für den Gegenwert eines US-Dollars - angepasst an die jeweilige Landeswährung - können Hi5-Fans sich gegenseitig etwa mit Rosen, Kuchen oder Sekt beglücken. Und auch wenn all das nur in Form von bunten Bildern auf dem Monitor existiert, komme dieser im Dezember gestartete Service gut an, versichert Yalamanchi. "Es kostet nicht viel, und man kann anderen eine Freude machen, so ähnlich wie mit einer Grußkarte." Langfristig hofft die Firma sogar, solche Bezahlangebote zur Haupteinnahmequelle zu machen - denn mit Werbung tun sich bisher alle sozialen Netzwerke schwer: Wer mit Freunden beisammensitzt, lässt sich nun mal ungern von Leuten stören, die ihre Waren anpreisen möchten.

Insgesamt peilt Hi5 für dieses Jahr Einnahmen von etwa 20 Millionen Dollar an (gut 15 Millionen Euro) und will dabei im Plus landen. Auch das ist eine eher bescheidene Vorgabe im Vergleich zur Konkurrenz, die mit weit größeren Zahlen hantiert - Facebook etwa, so schätzen Insider, kam 2008 auf über 250 Millionen Dollar Umsatz; Myspace soll laut Branchendienst VentureBeat sogar in Sichtweite der ersten Milliarde gekommen sein. Doch auch das kümmert Yalamanchi nach eigenem Bekunden nicht weiter. Er fühle sich in seiner Rolle als Nummer drei sehr wohl, beteuert der Hi5-Chef: "All diese Netzwerke können gemeinsam existieren, alle haben ihren eigenen Platz." Und wenn dieser Platz Mexico City heißt, Bukarest oder Lissabon, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass fleißige Netzwerker dort in Scharen zu einer Website strömen, die anderswo vielleicht kaum jemand kennt. Darauf ein "High Five".