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Streaming-Seiten wie kino.to So funktioniert das Geschäft mit fremden Filmen


Mit der Razzia gegen kino.to gelang den Behörden ein harter Schlag gegen Raubkopierer. Doch wie funktionieren die Streaming-Seiten eigentlich? Und was ist für die Nutzer noch erlaubt?
Von Christoph Fröhlich

Jahrelang hatten die Fahnder auf diesen Moment gewartet: Als am 8. Juni das Streaming-Portal kino.to vom Netz genommen wird, geht eine der spektakulärsten Fahndungen zu Rechtsverletzungen im Internet zu Ende. Bei den rund vier Millionen Menschen, die die Seite jeden Tag anlockte, wurden die Videoplayer plötzlich schwarz. Seitdem kämpfen neue Seiten um den Streaming-Thron. Das Geschäft ist lukrativ, aber gefährlich: Mit der Razzia gegen kino.to und dem freiwilligen Rücktritt von drei.to sind zwei der größten Anbieter verschwunden. Drei Jahre dauerten die Ermittlungen der Polizei, viele Versuche gingen ins Leere. Doch wie konnten sich die Betreiber so lange verstecken?

Versteck in der Südsee

"Keine Streamingseite war professioneller organisiert als kino.to", sagt eine Sprecherin derGemeinschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU). Seit 2008 suchten die Behörden nach dem Drahtzieher der Seite. Ihre Spuren führten sie von Deutschland über Russland bis zum Südpazifik. Denn hinter dem unscheinbaren Kürzel .to verbirgt sich das Insel-Königreich Tonga. Neben Vanille und tropischen Früchten verdient der Staat sein Geld mit dem Verkauf von Internetdomains. Die sichert sich die Zulassungsbehörde Tonic, die ihren Sitz in den USA hat. Das Unternehmen ist vor allem für seine Diskretion in Bezug auf die Eigentümer der Domain bekannt. Wer eine Webseite kauft und womit diese ihr Geld verdient - das ist für Tonic nicht wichtig, solange das Geld fließt. Weniger als 50 Euro kostet eine .to-Domain im Jahr. Kooperation mit Behörden lehnt das Unternehmen ab. Das macht die Insel-Domains zu gefragten Portalen für Geschäftsleute mit dubiosen Inhalten.

Falsche Fährten

Um den Standort ihrer Server zu verschleiern, verwenden viele Streaming-Betreiber sogenannte Proxy-Server, die die Signale über die ganze Welt verstreuen. Das sorgte auch im Fall von kino.to für Probleme. Mitten in den Ermittlungen wechselten die Server ihren Standort, von den Niederlanden ging es bis nach Russland. Um den dortigen Landesbehörden nicht aufzufallen, blockierten die Betreiber die Seite für russische Internetnutzer. "Die Täter lockten uns in mehrere Sackgassen, die die Ermittlungen immer wieder verzögerten. Unsere einzige Spur war ein gewisser Paul M.", sagt die GVU-Sprecherin.

Die Suche nach Paul M. führte die Fahnder ins Zentrum von Zwickau. Hier vermuteten die Behörden den Wohnsitz Mannes. Doch bei der angegeben Adresse war nur eine Baulücke, Nachbarn hatten noch nie etwas von ihm gehört. Wie sich später herausstellt, war Paul M. nur ein Phantom. Erst ein Verrat aus den eigenen Reihen lieferte der GVU den entscheidenden Hinweis. Jetzt sitzt Dirk B. alias Paul M. in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, der Kopf einer kriminellen Vereinigung zu sein, die ihr Geld mit der Verletzung von Urheberrechten verdiente. Allein der Hauptbeschuldigte Dirk B. aus Leipzig besaß Konten im Wert von mehr als 2,5 Millionen Euro sowie mehrere Sportwagen in Deutschland und Mallorca.

Streamen ist eine rechtliche Grauzone

Seit dem Abschalten von kino.to fragen sich viele Anwender, ob die Nutzung von Streaming-Seiten rechtliche Konsequenzen für sie hat. Nach Auffassung der GVU machen sich die Nutzer der zweifelhaften Videoportale strafbar und könnten rechtlich belangt werden. Rechtsanwalt Christian Solmecke hingegen gibt Entwarnung: "Streaming-Seiten wie kino.to sind eine rechtliche Grauzone. Das Konsumieren allein ist nicht illegal, da keine Kopie entsteht." Denn anders als bei Tauschbörsen bietet der Nutzer keine Filme an.

Das sei allerdings kein Freibrief zum Streamen, betont der Rechtsanwalt. Die Diskussion um die Rechtmäßigkeit von Streaming-Seiten ist noch nicht geklärt. Dass Anwender für die Nutzung von kino.to oder drei.to demnächst bestraft werden, sei aber nicht zu erwarten. Allerdings könnte ein Gerichtsurteil jederzeit die Gesetzeslücke schließen.

Kostenlos kann teuer werden

Problematischer ist die Verwendung sogenannter Tauschbörsen. Wer mit solchen Programmen Musik, Filme oder Software aus dem Internet lädt, muss davon ausgehen, dass es sich um illegale Raubkopien handelt. Viel wichtiger ist aber, dass der Anwender die heruntergeladenen Dateien gleichzeitig anderen Usern zur Verfügung stellt. Somit wird aus dem passiven Nutzer ein aktiver Weiterverbreiter von uheberrechtlich geschütztem Material. Das kann Zahlungsaufforderungen nach sich ziehen, die mehrere Tausend Euro betragen. Allein in Deutschland werden jährlich rund 500.000 Menschen wegen Urheberrechtsverletzung abgemahnt.

"Vielen Nutzern ist gar nicht bewusst, was eine Urheberrechtsverletzung eigentlich ist", betont Solmecke. Selbst das Verbreiten eines Musikvideos in sozialen Netzwerken stellt eine Rechtsverletzung dar: "Verteilt man das eigene Urlaubsvideo, ist dagegen nichts einzuwenden. Problematischer wird es aber, wenn es sich beispielsweise um ein offizielles Musikvideo aus Youtube handelt. Rein rechtlich ist das verboten, solange man nicht das Recht zur Verbreitung hat." Auch Fotos von Stars sind von dieser Regelung betroffen. Theoretisch fällt sogar das Posten von berühmten Zitaten in diese Regelung, da ihre Rechte bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers gesichert sind. Erst danach werden sie zum Allgemeingut. Bestraft wurde dafür aber noch niemand.

Legale Alternativen

Am sichersten ist es, auf Tauschbörsen zu verzichten und stattdessen auf legale Alternativen zurückzugreifen. Portale wie iTunes bieten aktuelle Musikalben, Serien und Filme schon für wenige Euro. Kostenlose Musik gibt es über zahlreiche Online-Radios. Das Aufnehmen von einzelnen Liedern ist legal, wenn auch die Quelle legal ist. Denn die Online-Radios zahlen Verwertungsgebühren an die Rechteinhaber oder an Verwertungsgesellschaften wie die GEMA. Auch die Anwender haben bereits entsprechende Gelder gezahlt: Beim Kauf von Brennern oder Rohlingen geht ein kleiner Teil der Einnahmen an die Rechteinhaber. Auch für Fernsehfreunde gibt es legale Alternativen: Immer mehr Fernsehsender bieten ihre Sendungen in den Online-Mediatheken zum Streamen an


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