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Streamingportal kinox.to: Unkraut im Netz vergeht nicht

Die illegale Streaming-Seite kino.to ist zurück. Gleichzeitig sind Verteidiger des Urheberrechts Opfer eines Hackerangriffs geworden. Es geht um Freiheit, Anarchie und Millionen.

Von Christoph Fröhlich

Denkt ihr wirklich, ihr könnt uns stoppen?" Mit diesen Worten feiert die Streamingseite kino.to ihr Comeback und beschuldigt in einem offenen Brief Staat und Industrie, die Freiheit des Internets mit Füßen zu treten. Kinox.to heißt das neue Portal, das da weitermacht, wo kino.to vor knapp einem Monat aufhörte: Aktuelle Blockbuster wie "Transformers 3" oder "Bad Teacher" zieren die Startseite, darunter Links zu neuen Filmen, Serien und Dokumentationen. Seit Montagabend ist die Seite wieder online, und schon ist die Nachfrage so groß, dass die Server regelmäßig in die Knie gehen.

"Danke Anonymous"

Die Betreiber rechtfertigen ihr Comeback mit der Freiheit des Internets und beschimpfen ihre Gegner: "Wir wollen euch nicht. Das Internet will euch nicht. Keiner will euch. Alles was wir wollen, ist Freiheit und das für JEDEN!" Weder Industrie noch Regierung dürften vorschreiben, was erlaubt ist und was nicht, so die Macher der Seite. Zum Schluss bedanken sie sich bei ihren Fans und der Hacker-Gruppe Anonymous. Jetzt rätseln alle: Kooperieren die jetzt mit der Streaming-Plattform? Eine Zusammenarbeit mit den Betreibern von kinox.to würde nicht zu den politischen Motivationen der Webguerilla passen.

So attackierte Anonymous in den vergangenen Monaten beispielsweise Webseiten von rechtsextremen Organisationen oder Unternehmen, die ihr Geld mit Atomkraft verdienen. Weiterhin unterstützte die Gruppe die Proteste gegen die Regierungen in Spanien, dem Iran oder in Syrien. Zwar attackierte die Gruppe im Juni selbst die Seite der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) - allerdings im Rahmen der strafrechtlichen Verfolgung gegen die ehemaligen Betreiber von kino.to. Möglicherweise bezieht sich der Dank der Nachfolger auf diese Aktion, dennoch hat die Nennung der Hacker-Gruppe einen bitteren Beigeschmack. Auch einige User trauen den neuen Betreibern nicht: "Bodenlos peinliche und lächerliche Ansage dieser kinox.to-Leute", schreibt der Twitter-Nutzer Grobi. "Die wollen wohl jetzt auf der Freiheit und Anonymous-Welle mitreiten..."

Geld statt Ehre

Anonymous genießt innerhalb der IT-Welt ein hohes Ansehen und Respekt. Obwohl ihre Methoden häufig illegal sind, wollen sie lediglich Sicherheitslücken und Missstände aufzeigen. Möglicherweise nutzen die Macher von kinox.to den Namen der Hacker-Gruppe nur als Deckmantel, um andere Interessen zu verschleiern. So behauptet die GVU, nicht der Wunsch nach mehr Datensicherheit, sondern nach mehr Profit steht im Mittelpunkt der Streaming-Plattformen: "Insgesamt macht das Verfahren schon jetzt deutlich, dass die Köpfe hinter dem parasitären System kino.to eindeutig wirtschaftlich motivierte Kriminelle sind", schreibt die GVU in ihrem Blog.

Während die kinox.to-Mitglieder Freiheit und Selbstbestimmung propagieren, wurde die Webseite der GVU Opfer einer DDos-Attacke, wie das IT-Nachrichtenportal Gulli schreibt. Bei solch einem Angriff wird der Server von Millionen Rechneranfragen überflutet und ist nicht mehr erreichbar. Seit Stunden ist die offizielle Webpräsenz der GVU offline, lediglich der Unternehmensblog kann aufgerufen werden. DDos-Angriffe sind ein Markenzeichen der Hacktivisten von Anonymous. Jedoch bedeutet das nicht, dass Anonymous an dem kinox.to-Projekt beteiligt ist. Kriminelle können solche Angriffe jederzeit in Untergrund-Portalen kaufen, die Zielseite wird anschließend von Botnetz-Betreibern attackiert. Die nutzen mit Schadsoftware infizierte Rechner, um genügend Rechenpower für die Angriffe zu bündeln.

Moderner Robin Hood oder klassischer Verbrecher?

"Wie kann es sein, dass harmlose Webseitenbetreiber auf eine Stufe mit Mördern und Vergewaltigern gestellt werden?", fragen die kinox-Betreiber in ihrem Brief. Sie leugnen kriminelle Absichten und stellen sich eher als moderner Robin Hood dar, der die Nutzer vor profitsüchtigen Firmen und überwachenden Regierungen beschützen muss. Während Robin Hood die Reichen plündert, um das Geld an die Armen zu verteilen, verbreitet kinox.to illegal Filme, um den "fanatischen Geldgeier-Organisationen" ein Ende zu bereiten, wie sie die GVU in ihrem Brief nennen.

Doch wie unwichtig die ehrenwerten Ideale der Streaming-betreiber offenbar sind, zeigen die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dresden im Fall kino.to. Sie werfen den ehemaligen Betreibern vor, mit der Verbreitung von illegalem Material Millionen verdient zu haben. Allein beim Hauptverdächtigen Dirk B. aus Leipzig, dem mutmaßlichen Chef von kino.to, stellten die Behörden 2,5 Millionen Euro und mehrere Luxusautos sicher. Insgesamt 13 Verdächtige wurden bei der Razzia im Juni festgenommen, einer legte bereits ein Geständnis ab.