VG-Wort Pixel

Über 350 dokumentierte Einsätze "Sie haben den Ablauf des Krieges verändert": Wie Drohnen der Ukraine eine Chance gegen Russland verschafften

Über 350 dokumentierte Einsätze: "Sie haben den Ablauf des Krieges verändert": Wie Drohnen der Ukraine eine Chance gegen Russland verschafften
© MARKIIAN LYSEIKO/ / Picture Alliance
Russlands Militär galt als eines der mächtigsten der Welt - und doch schafft es die Ukraine bislang, der Invasion erfolgreich entgegen zu stehen. Eine wichtige Rolle spielte der Einsatz von eigentlich für den Zivileinsatz gedachten Drohnen.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat seinen Platz in der Geschichte bereits sicher. Doch auch abseits der Auswirkungen auf das europäische Gleichgewicht könnte er auch militärhistorisch einen Wendepunkt darstellen: Noch nie zuvor setzten Streitkräfte bei Angriff und Verteidigung in einem solchen Ausmaß auf den Einsatz von Drohnen.

"Drohnen haben den Ablauf des Krieges verändert", erklärte Valerii Iakovenko gegenüber "Wired". Sein Unternehmen DroneUA versorgte vor dem Krieg ukrainische Unternehmer und Landwirte mit speziell auf Arbeitszwecke ausgerichtete Drohnen. Jetzt unterstützt es den Kampf gegen die Besatzer. Den größten Vorteil der Drohnen sieht er in der Aufklärung. "Es geht um Informationen, vom Sammeln und Übertragen von Daten zu feindlichen Truppenbewegungen, über ihre Positionen und das Präzisieren von Artillerieschlägen." Auch bei Sabotage- und Rettungs-Missionen sieht er Vorteile.

Neue Dimension des Drohnen-Einsatzes

Obwohl Drohnen schon seit Jahren in Militäreinsätzen benutzt werden, ist das Ausmaß der Technologie im Ukraine-Konflikt ein Novum. Knapp 6000 Drohnen sollen die ukrainischen Einheiten nach Schätzung Iavenkos im Einsatz haben. "2014 (als Russland die Krim eroberte, Anmerkung der Redaktion) wurden Drohnen für die Aufklärung zentral. Aber der Umfang ist in keiner Weise mit dem heute vergleichbar."

Diese Einschätzung teilen auch Wissenschaftler. Vor allem der Einsatz eigentlich für den zivilen Einsatz konzipierter Drohnen sei bemerkenswert, wenn auch sehr nachvollziehbar, findet Ulrike Franke, die den Einsatz für das "European Counil of Foreign Relations" untersucht. "Man bekommt sehr günstige Luftüberwachung oder sogar Angriffs-Möglichkeiten", erklärt sie. Während man bei der Aufklärung über  Satelliten oder Flugzeuge erst auf die Informationen warten müsste, könnten die Truppen sie bei kleinen Drohnen selbst einholen. "Auf einmal haben selbst kleine Verbände ihre eigene Luftaufklärung - das war noch vor zehn Jahren nicht so. Und es gab ganz sicher taktische Vorteile und Siege dadurch."

Gefährliche Dokumentation

Faine Greenwood von der Universität von Vermont sammelte alleine bereits 329 einzelne öffentlich bekannte Zwischenfälle, in denen Drohnen entweder dokumentarisch oder als Aufklärungswerkzeug eine Rolle für die Verteidigung der Ukraine spielten. Die Aufnahmen zeigen Truppen-Bewegungen, Abschüsse und halten in einigen Fällen sogar Kriegsverbrechen wie Schüsse auf unbewaffnete Zivilisten fest. Die Drohnen-Aufnahmen stammen allerdings nicht alle vom Militär: Auch Bürger und Journalisten setzen auf die fliegenden Augen am Himmel, um die Situation zu erfassen und zu dokumentieren. "Es ist eines der ersten Male, dass Drohnen so viel Material gesammelt haben, das in Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen benutzbar sein wird", glaubt Greenwood.

Ungefährlich ist der Einsatz der zivilen Drohnen weiterhin nicht. Weil sie nicht für den Kampfeinsatz entwickelt wurden, lässt sich der Pilot mit wenig Aufwand orten - und ist dann möglicherweise selbst Angriffen ausgesetzt. Weil nicht unterscheidbar ist, ob Zivilisten wie ein Journalist hinter dem Controller sitzt, könnten gerade nichtmilitärische Drohnen-Nutzer sich so größerer Gefahr aussetzen. "Man kann sie nicht auseinanderhalten, sie sehen alle gleich aus", erklärt der für eine NGO tätige Samuel Bendett gegenüber "Wired".

Nicht im Sinne des Herstellers

Das liegt auch daran, dass die Drohnen zu einem Großteil vom selben Hersteller stammen. Der chinesische Konzern DJI hat schon vor einigen Jahren den Verdrängungskampf auf dem Drohnenmarkt für sich entschieden, im März letzten Jahres war er für 76 Prozent der weltweiten Drohnenverkäufe verantwortlich. Da wundert es nicht, dass auch in der Ukraine vor allem DJI-Drohnen im Einsatz sind.

Im Sinne des Herstellers ist das nicht. Man stelle seine Drohnen nicht für Kampfeinsätze her, stellte DJI vor einigen Wochen klar. Der Verkauf in Russland und der Ukraine wurde offiziell ausgesetzt. "Uns geht es dabei nicht darum, uns zu einem bestimmten Land zu äußern. Es geht ums Prinzip", erklärte ein Statement. "Wir wollen nicht, dass mit unseren Drohnen Schaden angerichtet wird." Vorwürfe aus Kreisen der ukrainischen Streitkräfte, der Hersteller gebe die Position von Piloten an die Russen weiter, ließen sich indes nicht beweisen.

Quellen:Wired, Drohnen-Tracker, Statista

mma

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker