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Web-Standard IPv6: Baustelle Internet

Neue Telefonnummern für das Internet: Mit der Umrüstung auf den Standard IPv6 bietet das Internet jetzt jedem eine persönliche Web-Adresse. Datenschützer schlagen Alarm.

Von Christoph Fröhlich

Bemerkt haben dürften es nur die wenigsten, doch das Internet ist seit heute nicht mehr das gleiche: Hunderte von Unternehmen haben ihre Web-Angebote auf den neuen Adressen-Standard IPv6 umgestellt, darunter auch Netzgrößen wie Facebook oder Google. Damit ändern sich die sogenannten Internet-Protokoll-Adressen (IP-Adressen), die Computer bei der Einwahl ins Internet benötigen. Das war auch dringend nötig: Schon jetzt platzt das Internet aus allen Nähten, die 4,3 Milliarden möglichen IP-Adressen sind fast alle verteilt.

Die Umstellung dient vor allem dazu, das "Internet der Dinge" voranzutreiben. Die Vision der Netzunternehmen: In Zukunft soll jedes Haushaltsgerät mit dem Internet verbunden sein. So soll der Kühlschrank wissen, was in seinem Inneren liegt - und bei Bedarf Nachschub bestellen. Das High-Tech-Halsband des Hundes soll seinem Herrchen die Position des Vierbeiners verraten und die Waschmaschine über das Internet angeschaltet werden können. Dafür muss allerdings jedes Gerät das ganze elektronische Leben lang eindeutig zuzuordnen sein. Und deshalb benötigen die Unternehmen mehr IP-Adressen. Doch wie wirkt sich der Umstieg für den Privatnutzer aus? Wir klären die wichtigsten Fragen.

Was sind IP-Adressen?

Die 32-stelligen IP-Adressen sind eine Art Telefonnummer für das Netz. Bislang konnten mit dem Internetprotokoll IPv4 etwa 4,3 Milliarden Adressen generiert werden. Durch den Boom von Smartphones und anderen Elektrogeräten mit Internetanschluss reicht das nicht mehr aus: So rechnet die Netzwerkfirma Cisco im Jahr 2015 mit mehr als 15 Milliarden Geräten, die über das Netz kommunizieren werden. Deshalb wurde bereits in den Neunzigern der Nachfolger IPv6 entwickelt, der den möglichen Adressraum um ein Vielfaches erweitert. Statt aus 32 besteht eine IPv6-Adresse aus 128 Stellen. Dadurch sind 340 Sextillionen Adressen möglich, das ist eine Zahl mit 39 Nullen.

Bis zur endgültigen Umstellung wird es noch einige Jahre dauern: Experten rechnen damit, dass IPv4 und IPv6 zunächst parallel laufen werden, die Server werden dann bei Anfragen sowohl die alte als auch die neue IP-Adresse ausgeben. Die Nutzer werden vom Internet der Zukunft also erst einmal nichts bemerken.

Warum geschieht die Umrüstung erst jetzt?

Das größte Problem bei der Umstellung: Die beiden Internetprotokolle sind nicht miteinander kompatibel und nur die wenigsten Leitungen sind bisher auf IPv6 umgestellt. Der Anteil des Datenverkehrs über den neuen Standard beträgt gerade einmal ein Prozent. Das lässt die Netzbetreiber zögern, die Deutsche Telekom plant zum Ende des Jahres die Bereitstellung von IPv6.

Außerdem können sehr alte Geräte mit dem neuen Standard Probleme bekommen. Moderne Betriebssysteme unterstützen das neue Format bereits und dürften dank des neuen Standards schneller ins Internet kommen, selbst das elf Jahre alte Windows XP kann dank einem Update mit IPv6 umgehen. Um Probleme zu vermeiden, sollte deshalb ein aktuelles Betriebssystem mit sämtlichen Updates installiert werden. Außerdem sollten Router auf den neuesten Stand gebracht werden. Dazu sollten Sie auf den Seiten der jeweiligen Hersteller nach Firmware-Updates Ausschau halten.

Gibt es Probleme mit dem Datenschutz?

Datenschützer kritisieren die neue Technik: Bislang vergeben die Internetprovider die IP-Adressen immer wieder neu, weil nicht ausreichend Nummern für alle Nutzer vorhanden sind. So weiß nur der Internetanbieter, wer sich zum jeweiligen Zeitpunkt hinter der einzelnen Nummer verborgen hat. Mit IPv6 wird sich das ändern: Damit ist es theoretisch möglich, dass jeder Internetnutzer für jedes einzelne Gerät eine eindeutige Adresse erhält - und das ein Leben lang.

Mit dem neuen Standard könnten zu leicht die Profile von Nutzern ermittelt werden, warnt Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert in der "Frankfurter Rundschau". Es drohe eine Auseinandersetzung zwischen der Industrie, die an den zusätzlichen digitalen Spuren interessiert ist, und den Interessen von Datenschützern, Verbrauchern "und hoffentlich der Politik", erklärte Weichert.

Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar forderte mehr Sorgfalt im Umgang mit dem neuen Standard. "Die nach dem neuen Internetprotokoll IPv6 vergebenen Internetadressen haben das Potenzial, zu Autokennzeichen für jeden Internetnutzer zu werden und zwar unabhängig davon, wie viele Geräte der Einzelne im Internet verwendet", erklärte Schaar. "Die Datenschutzbehörden in aller Welt werden darauf achten, dass die entsprechenden Anforderungen in der Praxis beachtet werden", kündigte Schaar an.

Bietet IPv6 keine Privatsphäre?

Ein eigens eingerichtetes System soll für mehr Privatsphäre sorgen: Mit der sogenannten "Privacy Extension" wird die zweite Hälfte der IP-Adresse verschlüsselt, sodass die digitale Spur nicht mehr eindeutig zuzuordnen ist. Dafür sind aber auch die Entwickler der Betriebssysteme gefordert: Sie müssen ihre Systeme so einrichten, dass die Anonymisierungsdienste von "Privacy Extension" ab Werk funktionieren. Bislang ist das nur bei Windows XP und höher der Fall. Besitzer von Linux- oder Macintosh-Rechnern müssen hingegen selbst Hand anlegen. Wie das funktioniert, finden Sie hier.

Die großspurige Ankündigung "Die Welt ist jetzt eine andere", mit der auf der Webseite der Internet Society für die Einführung von IPv6 geworben wird, stimmt also nur theoretisch. Und ob die Welt auch eine bessere ist, muss sich erst noch zeigen.