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Brandbrief des Unternehmenschefs: "Nokia, unsere Plattform brennt"

Stephen Elop reißt der Geduldsfaden. Der Nokia-Chef schickt einen Brief an seine Mitarbeiter und beschreibt die Lage des Handyherstellers mit drastischen Worten. Blogs aus aller Welt zitieren genüsslich.

Von Annette Berger und Björn Maatz

Der neue Nokia -Chef Stephen Elop bereitet seine Belegschaft auf massive Änderungen vor. In einem 1300-Wort-Memo, aus dem unter anderem der US-Blog "Engadget" zitiert, beschreibt der ehemalige Microsoft -Manager die Lage mit deutlichen Worten. Der einst stolze Weltmarktführer wird heute als der "finnische Patient" wahrgenommen, der von kreativeren Konkurrenten abgehängt wird. Elop ist gerade etwas mehr als erst vier Monate im Amt und muss einen Weg finden, den Niedergang zu stoppen. Die Börse bewertete das Schreiben positiv. Nokia-Aktien kletterten im Tagesverlauf zeitweise um zwei Prozent.

"Das erste iPhone kam 2007 - und bis heute haben wir kein Gerät im Angebot, das an deren (Apples) Produkterlebnis heranreichen kann", so Elop in dem Brief, der im Internet in voller Länge wiedergegeben wird. In der Branche wird das Memo als authentisch bewertet. Am Freitag will Elop in London eine neue Strategie für das finnische Unternehmen vorstellen - das viele Jahre als uneingeschränkter Marktführer bei Handys galt, aber im Laufe der Zeit mehrere entscheidende Trends verpasste.

Im Vorfeld seiner Präsentation vergleicht Elop das Unternehmen - auch in Anspielung auf das BP -Desaster im vergangenen Jahr - mit einer brennenden Ölplattform: Man habe die Wahl, in den Flammen zu sterben oder den Sprung ins dunkle kalte Wasser zu wagen. Das Unternehmen müsse sich künftig ganz anders verhalten als derzeit.

Von Apple und Google überrannt

Elops Aufgabe wird von Branchenbeobachtern als äußerst schwierig bewertet. "Er hat noch nicht begriffen, wie kalt das Wasser ist", kommentierte Analystin Carolina Milanesi vom Marktforschungsinstitut Gartner im Gespräch mit "FinancialTimesDeutschland.de" trocken.

In seinem Schreiben blieb der Nokia-Chef bei dem Bild der brennenden Plattform. Eine Explosion habe es an mehr als einer Stelle gegeben und es gebe auch gleichzeitig mehrere Brandherde. Die Rivalen hätten Nokia schneller abgehängt als vermutet. Apple habe den Markt total verändert, das Smartphone neu erfunden - und Entwickler in sein geschlossenes, aber sehr mächtiges System gelockt.

Auch Google nage am früheren Erfolg Nokias. "Binnen etwa zwei Jahren wurde mit Android eine Plattform geschaffen, die Anwendungsentwickler, Telekomfirmen und Gerätehersteller anzieht", analysiert Elop. Android habe bei teuren Smartphones angefangen. "Nun gewinnen sie das mittlere Preisegment - und bald werden sie auch bei Geräten unter 100 Dollar angekommen sein." Sein Fazit: "Google ist eine Schwerkraft - die eine Menge der Innovationsvermögen der Branche aufsaugt."

Chinesen bauen Handys, Nokia feilt an Vorträgen

Android sei vor zwei Jahren gestartet. "Und diese Woche haben sie uns die Führung bei Smartphones abgejagt. Unfassbar", schreibt der Manager. Zu allem Überfluss breche die Konkurrenz Nokias immer stärker auch in die Märkte der Schwellenländer ein, in denen die Finnen traditionell bisher sehr stark waren. Während die Rivalen gezündelt hätten, um Nokia Marktanteile abzujagen, hätten die Finnen Zeit verloren und seien zurückgefallen.

Chinesische Hersteller würden preiswerte Telefone auf dem Markt bringen und bräuchten dazu die gleiche Zeit, "die wir benötigen, um an einer Power-Point-Präsentation zu feilen", habe es ein Nokia-Mitarbeiter formuliert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, mit welchen Maßnahmen Elop versuchen könnte, Nokias Blatt zu wenden.

Hilft das Beispiel Apple?

Auf Elops Gegenmittel ist die ganze Branche gespannt. Spekuliert wird unter anderem über ein mögliches Bündnis der Finnen mit Microsoft - immerhin das Unternehmen, aus dem Elop zu Nokia wechselte. Der Kanadier löste im vergangenen September Olli-Pekka Kallasvuo ab und ist der erste Nicht-Finne an der Spitze des Herstellers.Den jüngsten Gerüchten zufolge soll Nokia angeblich das eigene Smartphone-Betriebssystem Symbian aufgeben wollen und zu Microsofts Windows Phone 7 wechseln. Belege dafür gibt es nicht.

Elop hatte sich zuletzt offen für den Einsatz von externen Betriebssystemen gezeigt. Gartner-Analystin Milanesi sagte "FTD.de", es sei ein Fehler, sich von Symbian zu trennen - schließlich sei hier noch ein Massenmarkt vorhanden. "Wenn sie aber Meego sterben lassen, stört das niemanden."

Damit spielte sie auf ein anderes Gerücht an: Reuters berichtete aus Kreisen, der finnische Handybauer habe kaum noch Hoffnung auf einen Erfolg mit einem eigenen neuen Betriebssystem. Nokia habe die Entwicklung eines Handys mit der Software Meego gestoppt. Bislang betrachteten die Finnen das noch nicht marktreife Programm als wichtiges Mittel im Kampf gegen die Konkurrenz auf dem Smartphone-Markt.

Auswanderer-Gerüchte

Eine weitere Aufsehen erregende Spekulation warf das britische Technologie-Blog "The Register" in die Runde. Elop erwäge, die Firmen-Zentrale zumindest in Teilen aus dem finnischen Espoo in die USA zu verlagern, hieß es am Dienstag unter Berufung auf Nokia-Insider. Damit könnten mehr strategische Entscheidungen des Top-Managements in einer Art "virtuellem Hauptquartier" in Amerika getroffen werden. Nokia spielt in den USA aktuell so gut wie keine Rolle.

Was auch immer Elops Plan ist, er muss schnell handeln - was er jetzt in der E-Mail an seine Mitarbeiter eingesteht. Nokia verliert bei den zukunftsträchtigen Smartphones kontinuierlich an Boden. Alle Versuche, den Abwärtstrend mit eigenen neuen High-Tech-Handys umzukehren, schlugen bisher fehl.

Kerngeschäft mit Billig-Handys bedroht

Das müsste an sich kein Drama sein, schließlich macht Konkurrent Apple vor, wie man mit einem überschaubaren Marktanteil der Top-Verdiener der Branche wird. Apple schlug seine iPhones zuletzt für 625 Dollar pro Stück los, Nokias durchschnittlicher Handy-Preis lag bei 94 Dollar.

Natürlich kann Nokia darauf verweisen, dass ein großer Teil des Geschäfts beim Weltmarktführer billige "Brot-und-Butter"-Handys ausmachen. Damit lassen sich etwa Wachstumsmärkte wie China oder Indien beherrschen. Die Frage ist nur, wie lange das noch geht.

Jetzt ist erst etwa jedes fünfte verkaufte Mobiltelefon ein Smartphone. Neueste technologische Entwicklungen deuten aber darauf hin, dass sich die Computer-Handys noch schneller ausbreiten könnten als erwartet.

So stellte der Zulieferer Broadcom eine neue Chipserie in Aussicht, mit der ein Smartphone weniger als 100 Dollar kosten könnte. Bei diesem Preis sei es "schwer vorstellbar, warum in zwei Jahren jemand noch Nicht-Smartphones im Angebot haben sollte", schrieb daraufhin Branchenexperte Horace Dediu - der einst selbst bei Nokia arbeitete.

FTD