Mobile World Congress Im Schatten von Google und Apple


Ihr Einfluss ist überall auf der Handymesse in Barcelona zu spüren - dabei sind sie gar nicht anwesend: Apple und Google. Die Smartphone-Hersteller der Welt eifern ihnen nach, wo sie können.
Von Dirk Liedtke, Barcelona

Die Phantome vom Barcelona könnte man sie nennen: Google und Apple. Zwei Firmen aus dem Silicon Valley werfen einen langen Schatten auf die Handymesse Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Dabei sind sie gar nicht präsent, mit Messeständen oder Werbung in den Straßen Barcelonas. Die zwei Riesen hämmern trotzdem den Takt vor, nach dem alle anderen springen: Nokia, Motorola, Samsung oder Microsoft. Und wer heute sein Handy nur nach dem Äußeren aussucht, hat den Schuss noch nicht gehört: Die inneren Werte sind das Wichtigste, ohne coole Software ist das schönste Telefon nur Sondermüll.

Beim Gang durch die Messehallen in Barcelona, beim Blick auf die Messestände reiht sich ein iPhone-Klon an den nächsten. Zwar erreicht kein Gerät den sauberen Zen-Buddhismus-Look aus einer schwarz eingefassten Glasoberfläche, einem Chromrahmen und einem einzigen Knopf - aber alle ahmen das schlichte Design nach. Denn es steht für einfache Bedienung und guten Geschmack.

Wunscherfüllungsmaschine für jeden

Der zweite Blickfang sind bunte, quadratische Logos mit dem blauen "f" für Facebook, einem Briefumschlag für E-Mails oder einer Kompassnadel für Navigation. Apps, die Miniprogramme für schlaue Mobiltelefone, also die Smartphones, sind der wichtigste Trend. Während sich Handys früher nur durch den Klingelton unterschieden oder durch eine bunte Gehäuseschale sind es jetzt die Apps. Jedes Smartphone ist ein Minicomputer, der von seinem Besitzer zur persönlichen Wunscherfüllungsmaschine zusammengestellt wird. Es ist schon ein Klischee, aber es passt: ein digitales Schweizer Messer.

Als erstes haben Apple und Android, das Betriebssystem von Google, diesen Wandel erkannt. Sie haben die größte Auswahl an Apps. Aber 24 große Mobilfunkbetreiber, darunter T-Mobile, Vodafone und O2, haben beim Mobile World Congress eine eigene Alternative verkündet, einen unabhängigen App-Store. Auf dem MWC gibt es erstmals eine eigene Messehalle für Apps. Die Progrämmchen, die oft kostenlos oder für kleines Geld zu haben sind, entfachen eine Goldgräberstimmung. Einzelne Programmierer und große Konzerne wollen mit der millionenfach verbreiteten Mini-Software viel Geld verdienen.

Für Käufer eines Smartphones ist dies Fluch und Segen zugleich. Die Auswahl an bequem bedienbaren Geräten wird immer vielfältiger. Die Displays werden immer größer und detailreicher - besonders bei Samsung und HTC. Aber die Grundsatzentscheidung, für welche Software-Plattform man sich entscheiden sollte, wird immer kniffliger.

Vielfalt kann verwirren

Apple ist am besten sortiert und teuer. Und es gibt nur ein Handy, das iPhone. Für das Android-System von Google gibt es immer mehr Modelle - mit oder ohne feste Tastatur, auch zunehmend in kompakterer Form, und die App-Auswahl macht rasante Fotschritte. Nokia hat zwar keine neuen Handys vorgestellt, aber eine neue Software-Plattform für Smartphones namens MeeGo. Das ist für die Branche spannend, weil der bei PCs führende Chiplieferant Intel sich für MeeGo mit dem größten Handyhersteller verbündet. Aber für Verbraucher ist es verwirrend. Denn passende Handys, Netbooks oder gar Apps gibt es noch keine.

Ärgerlich ist auch das Timing von Microsoft. Da zeigt der bullige Boss Steve Ballmer die dramatisch verbesserte siebte Version des mobilen Windows-Systems für Smartphones. Aber die Windows Phones kommen erst in zehn Monaten in die Läden. Wer seinen Windows-Rechner liebt, für den dürfte sich das Warten aufs Christkind lohnen. Denn in vielen Details ist das mobile Windows selbst dem iPhone überlegen.

So genannte "lebende Kacheln", animierte Quadrate auf dem Display verändern sich automatisch, wenn Freunde bei Flickr neue Bilder hochladen oder die Liebste bei Facebook eine Statusmeldung eintippt. Das Handy wird zu einer pulsierenden digitalen Nabelschnur, die ständig Kontakt mit Familie, Freunden oder Kollegen hält. Der größte Feind ist für diese Geräte das Funkloch. Wie andere Smartphones auch eliminieren die künftigen Windows Phones einen großen Schwachpunkt des iPhone: nur eine App laufen lassen zu können. Multi-Tasking ist der neue Standard. Apple muss nachlegen.

Kaufen oder warten?

Was sollte man also tun, wenn das eigene Handy plötzlich reif für den Recyclinghof scheint, weil sich Smartphone-Besitzer hämische Bemerkungen herausnehmen, das Display einen Riss bekommt oder demnächst der Vertrag ausläuft?

Der beste Rat ist: tapfer abwarten. In den nächsten Monaten werden zahlreiche neue Smartphones auf den Markt kommen, wahrscheinlich auch ein deutlich verbessertes iPhone. Und die verschiedenen App-Stores, besonders der von Nokia (Ovi-Store) werden ihre Kinderkrankheiten überwinden und beweisen müssen, wie schnell sich ihre Regale füllen können (etwa bei Palm oder dem angekündigten Samsung-App-Store Bada).

Abraten kann man zurzeit ausdrücklich vom Kauf eines Windows-Smartphones. Denn Geräte mit dem derzeitigen Standard 6.5 sind nicht aufzurüsten auf die Version 7. Auch bei Android sollte man nur neueste Modelle kaufen oder sich garantieren lassen, dass sie sich updaten lassen auf aktuellere Versionen des Betriebssystems.

Zugegeben, der Kauf eines Handys ist kompliziert geworden. Noch verwirrender als bei Laptops oder Netbooks. Aber die Mühe vor dem Kauf lohnt sich. Ein intelligent ausgesuchtes Smartphone, ausgestattet mit den passenden Apps, erleichtert den digitalen Alltag erheblich. Denn den Rechner fährt man viel seltener hoch, wenn man den Mini-Rechner ständig mit sich herumtragen kann. Die Spaltung der Gesellschaft in Zeiten der Weltwirtschaftskrise spiegelt sich - wenig überraschend - auch im Mobilfunkmarkt wider: die Nachfrage nach dummen Handys zum Telefonieren und Simsen steigt genauso wie der Wunsch nach Smartphones.


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