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Kabelfernsehen feiert Geburtstag: Nachrichten mit Handpuppe

Vor 25 Jahren startete mit dem Kabelprojekt Ludwigshafen das Privatfernsehen in Deutschland. Einst als Pest für die Kultur verspottet, hat es unsere Sehgewohnheiten mittlerweile verändert.

Der Startschuss war unspektakulär. Am 16. Juli 1982 wurde per Vertragsunterzeichnung das ambitionierte Kabelpilotprojekt "Anstalt für Kabelkommunikation" in Ludwigshafen ins Leben gerufen. Doch erst am 1. Januar 1984 flimmerten die ersten Bilder über die Bildschirme. Was die Zuschauer zum Auftakt sahen war eher dürftig: 90 Minuten Nachrichten ohne Bilder und Showeinlagen von örtlichen Künstlern - die Intendanten von ARD und ZDF konnten sich beruhigt zurücklehnen. Bundeskanzler Helmut Schmidt prophezeite Anfang der Achtziger sogar, ein solches Medium sei die Pest für jede Kultur, gefährlicher als Kernenergie. Mittlerweile gehört das von Schmidt geschmähte Medium zum Alltag.

Die verlässliche Technik, die gute Bild- und Tonqualität sowie die große Programmvielfalt überzeugten. Schon im ersten Jahr konnten den Kabelkunden 22 Fernseh- und 23 Hörfunkkanäle angeboten werden - eine Programmvielfalt, die es damals in keinem anderen europäischen Land gab. Zehn Jahre nach der Geburtsstunde des deutschen Kabelfernsehens nutzten bereits 34 Prozent der deutschen Haushalte den Kabelanschluss, um fern zu sehen; Anfang 2007 waren es 54 Prozent. Nachdem 1984 gerade einmal 20.000 Haushalte zusehen konnten, es kaum Werbeeinnahmen gab, erreicht der Umsatz von RTL 2000 über drei Milliarden Mark.

Nachrichten mit Handpuppe

Die Geburtsstunde des deutschen Kabelfernsehens ist untrennbar mit dem Aufkommen des Privatfernsehens verknüpft, dessen Programmstrukturen auch auf die öffentlich-rechtlichen Sender abgefärbt haben. So fanden die täglichen Soaps, das Frühstücksfernsehen und die Nachmittags-Talkshows auch ihren Weg ins Programm von ARD und ZDF. Aber wer erinnert sich nicht gerne an die Anfänge des Kabelfernsehens. Die erste RTL-Sendung war die Nachrichtensendung "7 vor 7" mit Hans Meiser und Björn-Hergen Schimpf. Auch die Handpuppe "Karlchen" ließ es sich in der gleichen Sendung nicht nehmen, das allgemeine Tagesgeschehen zu kommentieren.

Zwischen Sexualberatung und fliegenden Torten

Viel öffentliche Aufregung gab es wegen des "Heißen Stuhls", der Sendung "Eine Chance für die Liebe" mit Erika Berger und nicht zuletzt wegen Hugo Egon Balders skandalträchtiger Auszieh-Show "Tutti Frutti". Hugo Egon Balder zeichnete auch für zwei weitere Quotenhits verantwortlich: Bei "Alles Nichts Oder?!" flogen bunte Torten in die Gesichter von Balder und seiner Partnerin Hella von Sinnen. Später löste Balders "RTL Samstag Nacht" den Comedy-Boom im deutschen Fernsehen aus. Die "Traumhochzeit" war Bürogespräch am Montagmorgen und "Der Preis ist heiß" mit Harry Wijnvoord behauptete sich rekordverdächtige 18 Jahre im deutschen Fernsehprogramm.

Einen anderen Straßenfeger landete Sat.1 mit dem legendären "Glücksrad", wo Kandidaten durch das Raten von Begriffen Trimmräder oder Waschmaschinen gewinnen konnten. "Bitte melde Dich" mit Jörg Wontorra und das seit 1995 bei Sat.1 laufende "Nur die Liebe zählt" drücken seit Jahren erfolgreich auf die Tränendrüse. Aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender prägten mit legendären Sendungen das Kabelfernsehen der 80er Jahre: Rudi Carrells "Lass' Dich überraschen" (WDR), "Verstehen Sie Spaß?" (SWR) mit Paola und Kurt Felix, Dieter-Thomas Hecks "Hitparade" (ZDF) oder unvergessliche Serienhits wie "Diese Drombuschs", "Ich heirate eine Familie" oder die "Schwarzwaldklinik". Heute sind im analogen Kabelfernsehen 33 Programme zu finden.

DPA/ts / DPA