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Luftfahrt: Traumpremiere für den Plastikflieger

Boeing stellt seinen 787 "Dreamliner" in Seattle der Öffentlichkeit vor - Air Berlin überrascht mit Bestellung, auch Lufthansa bekundet Interesse.

Von Andreas Spaeth

"Nur etwa einmal pro Generation kommt die Boeing-Familie zusammen um den Luftverkehr zu revolutionieren", sagte Boeings Vorstandschef Jim McNerney vor 15.000 Mitarbeitern und Ehrengästen aus aller Welt beim "Rollout" des neuen Typs Boeing 787 "Dreamliner". Nach vier Jahren Vorbereitung war es soweit: Zur Melodie von "Freude schöner Götterfunken" öffneten sich um 16.25 Uhr Ortszeit (1.25 Uhr Montag früh deutscher Zeit) am Sonntag die gigantischen Tore des größten Gebäudes der Welt in Everett nahe Seattle im Bundesstaat Washington an der US-Westküste. In strahlendem Sonnenschein wurde das erste Exemplar eines revolutionären neuen Flugzeugtyps herangerollt, das für die nächsten Jahrzehnte eine entscheidende Rolle im Weltluftverkehr spielen wird. Die Boeing 787 kann so viele Festbestellungen verbuchen wie noch kein Flugzeugtyp zuvor, der noch nicht einmal geflogen ist. Insgesamt 677 Bestellungen gingen bei Boeing bis Sonntag ein.

Als letzte von derzeit 47 Fluggesellschaften hatte noch am Samstagabend Ortszeit Air Berlin in Seattle überraschend eine Bestellung von 25 Flugzeugen bekannt gegeben, dazu für 25 weitere Optionen erteilt. "Bis 2013, wenn wir die ersten 787 bekommen, werden wir inklusive der heutigen LTU soweit gewachsen sein, dass 25 genau die Anzahl ist, die wir dann bis zum Ende der Auslieferung 2017 für unsere Langstreckenflüge brauchen", sagte Air Berlin-Vorstandschef Joachim Hunold gegenüber stern.de am Rande der Zeremonie in Seattle. Eine mögliche Übernahme der Condor spiele in den Erwägungen zur Flottenplanung keine Rolle, so Hunold. Auch die Lufthansa, die bisher keine Boeing 787 bestellt hat, bekundete in Seattle Interesse: "Die 787-9 mit mehr Reichweite wäre auch für uns interessant und würde eine Lücke in der Passagierkapazität schliessen", sagte Lufthansa-Flugzeugeinkaufschef Nico Buchholz am Rande der Feier gegenüber stern.de.

Neuer Kunde Qatar Airways

Die Produktion ist allerdings für die nächsten Jahre bereits komplett ausgebucht, vor 2013/2014 bekommen neue Kunden ihre Flugzeuge nicht ausgeliefert. Die Fluggesellschaft Qatar Airways vom Persischen Golf wurde am Sonntag erstmals offiziell als 787-Kunde genannt, bisher war dies nicht bekannt gegeben worden. Branchenkenner gehen davon aus, dass die extrem expandierende Gesellschaft jene 30 in der Verkaufsstatistik auftauchenden Boeing 787 bestellt hat, für die der Hersteller bisher öffentlich keinen Kunden benannt hat. "Fragen dazu beantwortet nur Qatar Airways", hieß es dazu bei Boeing. Von Qatar Airways war in Seattle keine Stellungnahme zu erhalten.

Das jetzt vorgestellte Flugzeug mit der Baunummer ZA001 soll voraussichtlich Ende August oder Anfang September zum Erstflug starten. Anschließend folgt ein extrem ehrgeizig und knapp geplantes Testprogramm mit sechs Flugzeugen. Bereits im Mai 2008 ist die erste Auslieferung an die japanische Fluggesellschaft ANA geplant, die als Erstkunde das Programm auf den Weg gebracht und 50 Exemplare bestellt hat. "Bis dahin haben wir noch sehr viel Arbeit vor uns", sagte 787-Programmchef Mike Bair.

Leichter als der A380

Denn viele Systeme sind bisher noch nicht einsatzbereit und einige Teile des Premieren-Flugzeugs werden noch von insgesamt 1.000 temporären Nietverbindungen zusammengehalten. "Es gibt zur Zeit gerade für solche speziellen Metall-Legierungen eine Knappheit an den nötigen Nieten in der Branche, aber wir werden das in einigen Monaten gelöst haben", so Bair. Grundlegende Probleme bei den Testflügen erwartet Bair nicht: "Es passiert immer etwas Unvorhergesehenes, aber ich gehe nicht davon aus dass irgendwas davon das Programm verzögert." Auf die Probleme mit dem A380 bei Airbus angesprochen verwies Bair vor allem darauf, dass die 787 statt wie Airbus mit Verkabelungen überwiegend mit Glasfaserkabeln arbeitet. "Wir haben nur noch knapp hundert Kilometer Drähte an Bord, die A380 hat mehr als fünfmal soviel", wiegt sich Bair in Sicherheit.

Die 15.000 Boeing-Mitarbeiter nahmen den Neuling mit großem Stolz in Augenschein. Es wurde an den Rumpf geklopft, die Außenhaut gestreichelt, manche krochen beinahe in den Fahrwerksschacht und machten dabei Erinnerungsfotos ihrer Familienangehörigen. Es ist lange her dass bei Boeing eine derartige Aufbruchstimmung herrschte, jahrelang stand der langjährige Weltmarktführer im Schatten von Airbus und galt als wenig innovativ. Mit dem Start des 787-Programms entschloss sich Boeing zu einem radikalen Schritt nach vorn, der sich bereits jetzt auszuzahlen scheint. Nach Listenpreisen sind die erteilten 787-Orders etwa 100 Milliarden US-Dollar wert - was dem Bruttosozialprodukt von Neuseeland entspricht.

Drastische Verkürzung der Bauzeit

Die Boeing 787 ist in nahezu jeder Hinsicht ein Bruch mit allen Traditionen im Flugzeugbau. Ihr Rumpf wird erstmals von Partnern und Zulieferern in aller Welt fast komplett aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff (CFK) hergestellt, während bisher vorwiegend Aluminium verwendet wurde. Statt kleine Einzelteile zusammenzufügen werden die Rumpfelemente der 787 in großen Öfen, sogenannten Autoklaven, regelrecht gebacken. Anschließend wird aus mehreren großen Sektionen der Rumpf wie bei einem Baukasten-Modell sehr simpel zusammengefügt. Die Bauzeit soll pro Flugzeug in einigen Jahren auf drei Tage heruntergefahren werden - Airbus braucht heute zehnmal so lange. Der neue Werkstoff lässt sich einfacher verarbeiten und bietet vielfältige neue Möglichkeiten an Bord: Die Fenster sind größer, die Kabinenluft feuchter und besser gefiltert.