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Mehrraum-Musiksysteme: Hier, hier und hier spielt die Musik

Eine Quelle, aber in jedem Raum andere Musik - das leisten so genannte "Multiroom-Audiosysteme". stern.de-Redakteur Ralf Sander hat einen dieser Musikverteiler ausprobiert. Eine Liebesgeschichte - ohne Happy End.

Ich bin gerne Dirigent. Wusste ich gar nicht. Doch gerade flitzen im Arbeitszimmer Tori Amos' Finger über die Tasten ihres Bösendorfer-Flügels, während im Raum nebenan norwegische Metaller einen Höllenkrach veranstalten. Alles hört auf mein Kommando: zwei Klicks auf der Fernbedienung, und bei mir erklingt der Soundtrack von "Kill Bill", während es eine Tür weiter norwegisch bleibt, aber diesmal klassisch: Edward Griegs "In der Halle des Bergkönigs". Zufrieden laufe ich zwischen den Zimmern hin und her, lasse die Songs springen, wann und wo immer ich will. Das ist also ein "Multiroom-Audiosystem". Seine Mission: Die an einem zentralen Ort gespeicherten digitalen Musikdateien in jedem Raum abrufbar zu machen - und zwar jeweils separat.

In Zonen spielen

Zeitsprung. Eine Stunde zuvor: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, seine Wohnräume individuell mit Musik zu versorgen (dazu morgen mehr in dem Artikel "Musik, immer und überall"). Für diesen Selbsttest benutze ich das System des US-amerikanischen Herstellers Sonos. Einen Berg Verpackungsmaterial später liegen vor mir: zwei hübsche weiße Kästchen - die so genannten Zone Player (ZP) -, eine Fernbedienung mit Ladestation sowie einige Kabel. Auf einem Poster wird mit vielen Bilder und wenig Text die Installation erklärt. Das funktioniert sehr gut - zum Glück. Denn ein richtiges Handbuch entdecke ich erst später - wie so oft nur auf CD. Der erste ZP-Kasten muss per Kabel an das Netzwerk des PCs angeschlossen werden, an den Router, so dass Sonos auf eine ständige Internetverbindung zugreifen kann. Nächster Schritt: Installation der PC-Software. Sie soll vor allem meine MP3-Sammlung erfassen, arbeitet aber auch als Steuerzentrale. Ein Druck auf einen der beiden Knöpfe des Zone Players..., und er wird von dem PC-Programm erkannt. Ich gebe ihm einen Namen: "Arbeitszimmer".

Im nächsten Zimmer genügen wenige Handgriffe: den zweiten ZP mit Strom versorgen, dann Knopf drücken. Der schlichte Kasten sucht andere seiner Art und schließt sich mit ihnen per Funknetzwerk zusammen. Inzwischen verbinde ich den ZP mit meiner Stereoanlage, um überhaupt etwas hören zu können. Ich habe die Version ZP80 im Haus, die sich mit vorhandenen Audiogeräten verbinden lässt. Der große Bruder ZP100 hat einen eingebauten Verstärker und müsste nur mit Boxen versorgt werden. Den 80er im Arbeitszimmer hatte ich zuvor mit PC-Lautsprechern verbunden. Inzwischen wurde auch der zweite Zone Player von der Steuersoftware erkannt, ich nenne seine Zone "Wohnzimmer". Ich kann nun vom PC aus die beiden Zonen gemeinsam oder getrennt ansteuern. In diesem Stil ließe sich das Netz aus Zonen bis auf 32 erweitern, mit einem ZP pro Raum bzw. Zone.

In einem kleinen Moment der Unkonzentriertheit träume ich davon, wie ich durch ein Schloss wandere und in allen Räumen nach Belieben die Musik ändere, während die anderen Einwohner wahnsinnig werden... Die coole Fernbedienung ist Schuld, sie lädt zu solchen Spinnereien ein. Äußerlich erinnert sie an einen um 90 Grad gekippten iPod von der Größe einer durchschnittlichen Männerhand. Beim ersten Einschalten loggt sie sich in das Funknetzwerk der Player ein und saugt sich ein paar Minuten lang die Informationen der auf dem PC installierten Verwaltungssoftware runter. Danach lässt sich alles mit dem schweren, aber sehr angenehm in der Hand liegenden Kästchen befehligen: Die meisten Aktionen lassen sich über das - iPod lässt einmal mehr grüßen - Scrollrad steuern. Auf dem gut lesbaren Display werden Systemdaten, Playlisten und Songinfos inklusive Albumcover angezeigt, und die Zonen lassen sich auch verwalten. Lautstärke nur im Nachbarraum ansenken; ein Webradio auswählen und auf der Stereoanlage abspielen lassen; den per Kabel an einen der Zone Player angeschlossenen tragbaren CD-Player ins Netzwerk aufnehmen - alles funktioniert schnell und unproblematisch. Auch die Trennung vom Internet übersteht das System ohne zu mucken, natürlich fehlen dann die Webradios. Wer eine netzwerkfähige Festplatte mit Musik anschließt, könnte sogar den PC ausschalten und trotzdem Musik im MP3-, WMA-, oder OGG-Format hören, um nur einige zu nennen. Und wenn die Fernbedienung im Standby-Modus vor sich hinschlummert, erwacht sie wenige Zentimeter, bevor man sie tatsächlich berührt. Faszinierend.

Das wär' schon was

So ein Multiroom-Audiosystem ist schon verdammt nett. Und das von Sonos funktioniert tadellos. Die Komponenten sehen toll aus, und mit der schicken Fernbedienung vom Wohnzimmersofa aus auch das Orchester im Schlafraum zu dirigieren, macht einfach Spaß. Der erste Gedanke ist: Muss ich haben.

Der zweite Gedanke ist: Allein das Basis-System - zwei ZP 80 plus Fernbedienung -, das ich gerade teste, kostet 1149 Euro. Jeder weitere Zone Player schlägt mit mindestens 400 Euro pro Zimmer zu Buche. Zudem gibt es gar keine konkurrierenden Musikgeschmäcker in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung, nur meinen eigenen. Die Vernunft siegt: Bis ich ein Haus zu beschallen habe und über das entsprechende Budget verfüge, werde ich wieder auf mein altes Multiroom-Audiosystem zurückgreifen.

Zimmertüren auf, Lautstärke rauf.

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