HOME

Miniatur Wunderland: Modellbauer erobern den Himmel

Auf der größten Spielwiese der Welt für Modellbaufreaks heißt es bald: "Ready for Take-Off". Mit raffinierten technischen Tricks sollen Flugzeuge nach allen Regeln der Fliegerei abheben. Im Hamburger Miniatur Wunderland ist eben alles möglich.

Von Stefanie Zenke

Ein paar Meter vom Gipfel des Matterhorns entfernt schwingt sich ein Airbus A 380 von der Startbahn in die Luft. Kein lautes Dröhnen der Turbinen ist zu hören, nur ein leises Surren. Während das Flugzeug beschleunigt und an Höhe gewinnt, schlingert es, kippt ein wenig zur Seite. "Zu steil, zu steil", ruft eine Männerstimme hektisch. Gerrit Braun läuft neben der Rollbahn her, hält seine Hände beschützend unter den Airbus, um ihn aufzufangen, sollte er ins Trudeln geraten. Aber der schafft es, gen Zimmerdecke abzuheben.

Im Miniatur Wunderland in Hamburg ist vieles möglich. Hier liegt Amerika neben Hamburg. Der Harz neben den Alpen. Hier trägt Pippi Langstrumpf ihr Pferd, den "Kleinen Onkel", auf Händen. Und Flugzeuge wie der Airbus A 380 sollen nach allen Regeln der Fliegerei in die Luft befördert werden - gleich neben dem Bauabschnitt der Schweiz. Noch funktioniert das nicht ganz nach Plan, wie der Versuch mit dem Airbus zeigt. "Da gilt es noch viel zu tüfteln und auszuprobieren, bis es perfekt ist", sagt Gerrit Braun, der zusammen mit seinem Zwillingsbruder Frederik in der Speicherstadt die weltgrößte Modellbahnanlage geschaffen hat. Ihr neuestes Projekt: Der Flughafen "Knuffingen", der mit voraussichtlich zwei Millionen Euro Kosten in den nächsten Monaten alles in den Schatten stellt. Etwa 100.000 Stunden Arbeit haben die Brauns für ihr neues Werk veranschlagt.

Auch eine Tante "Ju" wird es geben

Gerrit Braun klebt seinem Versuchs-Airbus ein Gewicht auf die Nase und lässt ihn erneut starten. Problem behoben, der Flieger hebt sanft vom Boden ab. Der 41-Jährige schaut zufrieden hinterher. Seit drei Jahren arbeitet er an einer Methode, auf einer 20 Meter langen Startbahn Modellflugzeuge in die Luft zu bekommen. Die Antriebstechnik und die computergestützte Steuerung hat Gerrit Braun selbst entwickelt. Der Motor sitzt im Bugrad der Flieger, die Führung läuft über einen Magneten und im Boden eingelassene Spurbänder. Getragen werden die Flugzeuge von zwei dünnen Metallstäben. Infrarotsignale gewährleisten das Stopp and Go für den Flugbetrieb. "Jeder Start soll anders aussehen", sagt er. Das Programm will der Wirtschaftsinformatiker so schreiben, dass der König Zufall regiert: "Es soll auch Verspätungen geben." Etwa 35 unterschiedliche Typen werden auf dem Flughafen starten und landen. Auch eine "Tante Ju" soll es geben.

Der Flughafen ist eines der aufwendigsten Projekte der Modellbauexperten schlechthin: "Es wird all das gebaut, was benötigt wird und gut ist - koste es, was es wolle", sagt Sebastian Drechsler, der sich in dem Unternehmen mit inzwischen 180 Mitarbeitern um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Ein richtiges Budget, erzählt er, gibt es nicht. Unternehmensberater würden mithin die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, glaubt Braun. Die Besucher würden den "wirtschaftlichen Wahnsinn" jedoch honorieren. Im vergangenen Jahr kam erstmals über eine Million Schaulustige.

Skurrile und verrückte Arbeit

Auch Axel Dirks verbringt Stunde um Stunde damit, dem Flughafen Leben einzuhauchen. Der 28-jährige Elektrotechniker steht neben Braun, nimmt den Airbus von den Metallstäben und schraubt den Unterboden ab. Im Flugzeugbauch drängen sich winzige Platinen, Drähte, Leuchtdioden und Akkus. "Das gibt es nicht noch einmal auf der Welt", sagt Dirks und prüft mit einem Schraubenzieher, ob durch den Probeflug alles an seinem Platz geblieben ist. "Wir bauen jeden Tag etwas, was es noch gar nicht gibt, das ist das Tolle an diesem Job", schwärmt Dirks.

Catering-Modelle, Enteisungsfahrzeuge und Kofferschlepper - der Airport "Knuffingen" soll alles haben, was einen richtigen Flughafen ausmacht. Die Fahrzeuge mit der notwendigen Elektronik auszustatten, ist Dirks Aufgabe. Er nimmt ein Modell eines Caterer-Fahrzeuges von Lufthansa-Technik von seinem Schreibtisch, aus dem dünne Kabel hängen. Ein winziges Männchen sitzt am Steuer, es trägt eine neonfarbene Jacke und eine dunkle Mütze. "Ich musste der Figur die Beine abbrechen, sonst hätte sie nicht in die Fahrerkabine gepasst", sagt Dirks. Gerade weil die Arbeit oft so skurril und verrückt erscheint, mag er sie. In einem Schrank neben seinem kleinen Holzschreibtisch stehen 150 weitere Fahrzeugmodelle bereit. Die meisten warten darauf, mit einem aufwendigen Innenleben versehen zu werden.

Den Modellbauern im Miniatur Wunderland sind keine Grenzen gesetzt: Was machbar ist, darf umgesetzt werden - auch die absonderlichste Idee, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Ironie. So soll zum Beispiel eines der rollenden Gepäckbänder im Flughafengebäude Menschen statt Koffer transportieren. Ein skurriler Wunsch des Ersten Bürgermeisters von Hamburg, Ole von Beust. "Den werden wir natürlich erfüllen", sagt Gerrit Braun und lacht. Etwa 200.000 Figuren gibt es auf der gesamten Anlage. Viele sind in Bewegung. Da gibt es die Frauen und Männer, die während eines DJ-Bobo-Konzerts ausgelassen tanzen. In einem Kleinbus proben Nackte die Filmeinstellung für einen freizügigen Liebesfilm. Durch das zärtliche Auf und Ab der Figuren wackelt der ganze Wagen. "Bei uns wird jedes Detail mit Liebe und Ideenreichtum angefertigt, das mögen die Leute", sagt Drechsler, grinst und zeigt auf kleine Nummernschilder, die an die Stoßstangen der Autos geklebt werden.

Fahrzeuge werden über Außenspiegel betankt

Eigentlich ist das Ansehen von Modellbahnern nicht gerade das Beste, die klassische Modellbahn gilt eher als antiquiertes Hobby, das aufs Abstellgleis geraten ist. Doch die Brüder Braun und ihr gigantisches, über zwei Etagen eines alten Lagerhauses aufgebautes Miniatur Wunderland werden von den Menschen geliebt. "Wir sind schon zum dritten Mal hier und entdecken immer wieder Neues" sagt Heidi Brünig aus München, die mit ihrem Mann Robert einen ganzen Tag reserviert hat, um die "Kommandozentrale" der Anlage kennenzulernen. 50 Kontrollmonitore helfen, Pannen auf der 12.000 Meter langen Bahnstrecke schnell zu erkennen. Gerade kracht es auf der Modellfläche "Skandinavien": Ein Güterzug ist aus einer Bergkurve geflogen. Ein Mitarbeiter eilt hinüber, die Strecke wieder frei zu machen, damit der nächste der 900 digital gesteuerten Züge problemlos passieren kann. Auch Hunderte von Fahrzeuge, die über den Außenspiegel mit Strom "betankt" werden können, werden von der Zentrale aus gesteuert. An die 300.000 Lampen sorgen abwechselnd für eine Tag-und-Nacht-Atmosphäre - alle 15 Minuten. Die Schiffe hingegen müssen noch von Hand bedient werden. "Die Schiffssteuerung war ein einziger Fehlgriff", schimpft Gerrit Braun.

Anfangs wurden die Brüder Braun für ihre fixe Idee, eine Modellbahnanlage zu bauen, belächelt. Freunde bezeichneten die beiden, die früher die Hamburger Diskothek "Violà" betrieben, als verrückte, weltfremde Träumer. "Aber die beiden haben das Kellerprodukt schnell in die Mitte der Gesellschaft zurückgebracht", sagt PR-Mann Drechsler. Ihre Geschäftsidee präsentierten sie im Jahr 2000 auf zwei Seiten Papier. Die Hamburger Sparkasse war bereit, zwei Millionen Mark Kredit zu geben, der später aufgestockt wurde. 2001 wurde das Miniatur Wunderland in der Speicherstadt eröffnet. Und die Welt wächst immer weiter. Nach dem Flughafen soll es Modellflächen für die Länder Italien und Frankreich geben.

Auch Afrika steht auf dem Wunschzettel der Modellbauer. Aber noch konzentrieren sich die Profis auf den noch etwas flatterhaften Airbus A 380. Wieder und wieder wird der auf die Piste geschickt. "Es muss perfekt werden", murmelt Gerrit. Kleine Falten machen sich auf seiner Stirn breit. Nach einem kurzen Moment drückt er eine Taste an seinem Computer. Das Flugzeug macht einen Ruck, rollt auf die Startbahn, bleibt kurz stehen, dann nimmt es Geschwindigkeit auf, wird schneller und schneller. Und diesmal hebt die Maschine elegant und sicher ab. Geht doch.