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Zweiter Weltkrieg: Panzerschlacht von Prohokorovka - sinnloser Selbstmord-Angriff statt größter Sieg der Sowjets

Prohokorovka ist die größte Panzerschlacht der Geschichte. Nach der Legende zerbrachen hier 1943 die Sowjets die deutsche Panzerwaffe. Neu gefundene Luftaufnahmen beweisen das Gegenteil: Es war eine vernichtende Niederlage der Sowjets.

Im Museum in Belgorod feiert das riesige Diorama von N.But, G.Sevostyanov und V.Shcherbakov die Legende auf über 1000 Quadratmetern.

Im Museum in Belgorod feiert das riesige Diorama von N.But, G.Sevostyanov und V.Shcherbakov die Legende auf über 1000 Quadratmetern.

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Der Legende nach ist Prohokorovka die größte Panzerschlacht der Geschichte. Am 12. Juli 1943 erreichte der südliche deutsche Stoßarm der Operation Zitadelle das kleine Dorf. Nach sieben Tagen heftigster Kämpfe hatten die Deutschen die letzte Verteidigungslinie der Sowjets erreicht. Mit der Offensive im Kursker Frontbogen wollte Hitler nach der Katastrophe von Stalingrad wieder die Initiative erringen. Dazu bot das deutsche Oberkommando auf vergleichsweise kleiner Frontbreite eine ungeheure Menge an Soldaten auf – darunter die Elite-Truppen des Reiches, versehen mit neuen angeblich "unüberwindlichen" Panzern und Waffen. Insbesondere Hitler setze große Hoffnungen auf diese "Wunderwaffen".

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Doch die deutsche Offensive verzögerte sich und da die Vormarschpläne bis ins Detail von Spionen verraten wurden, konnte sich das sowjetische Oberkommando bestens vorbereiten. Die Deutschen stießen nicht nur auf eine Frontlinie, wie sie erwartet hatten, sondern auf ein tiefgestaffeltes Verteidigungssystem, in einer Art, wie es die Welt vorher noch nie gesehen hatte.

Durchbruch des südlichen Zangenarms

Die nördliche Angriffsspitze konnte diese Verteidigungsstellungen nicht überwinden, aber am Morgen des 12. Juli sah es so aus, als würden zumindest die Panzer des südlichen Zangenarms das russische Verteidigungssystem durchbrechen. Prohokorovka war die letzte Linie der Verteidigung. Als der Kommandant Sepp Dietrich am Morgen seinen Panzer bestieg, rief er seinen Männern zu, dass sie am Mittag in Kursk essen würden.

Bis in die sechziger Jahre berauschten sich Militärs und Historiker an folgender Vorstellung: Um das Dorf Prohokorovka wäre die geballte Panzermacht des I. SS Panzerkorps auf die T-34 der 5. Garde Panzerarmee geprallt. Wie die Ritter in einer mittelalterlichen Schlacht seien Hunderte dieser Giganten gleichzeitig in einem Inferno von Stahl und Explosionen aufeinander zugerollt. Überall hätten brennende Tanks gestanden, dazwischen Gruppen von Rotarmisten und Grenadieren, die versucht hätten, die Panzer des Gegners im Nahkampf auszuschalten. Der Qualm war so dicht, dass die Schlachtflieger beider Seiten über dem Acker kreisen mussten, weil sie in den Schwaden Freund nicht von Feind unterscheiden konnten. Am Boden sei das Chaos so groß gewesen, dass die Panzer nicht auf weite Entfernung feuern konnten. Die anbrandenden Sowjets sollen versucht haben, mit ihren besser motorisierten T-34 die deutschen Panzer in voller Fahrt zu rammen. Szenen wie aus Dantes Inferno. Am Abend glühte das Feld mit dem brennenden Stahl – die Schlacht war beendet. Die Sowjets hatten ungeheure Verluste erlitten, aber sie hatten die Nazis gestoppt und die bisher unüberwindliche Panzer-Leibstandarte Adolf Hitlers aufgerieben. Auf den ersten Blick schien die Schilderung plausibel. Tatsächlich kamen die Deutschen keinen Meter weiter, am nächsten Tag wurde die Offensive auf Befehl Hitlers abgebrochen. Kriegserinnerungen auf beiden Seiten stützten die Legende, im Stil der Zeit schilderten die Teilnehmer die Schlacht wie einen Actionfilm.

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Schilderungen wie in einem Actionfilm

Das lies sich bei dem Panzerkommandanten Pavel Rotmistrov dann so: "Wir feuerten einige Minuten noch in der Bewegung, dann durchbrachen die Angriffsreihen unseres 29. und 18. Panzerkorps die Reihen der Nazis - ein schneller Stoß buchstäblich durch die feindlichen Reihen hindurch. […]

Rauch und Staub wirbelten über das ganze Schlachtfeld. Die Erde bebte von den mächtigen Explosionen. Panzer rammten sich gegenseitig und konnten sich nach dem Zusammenstoß nicht wieder lösen und mussten bis zum Tod kämpfen, bis in einem von ihnen eine Explosion aufblitzte oder er mit gebrochenen Ketten zum Stillstand kam. Panzer, die zerstört worden waren, aber deren Waffen funktionierten, feuerten immer weiter."

Die Legende lebte lang, in Russland bis heute. Dass dies alles nicht wahr sein konnte, wusste man jedoch schon den 60er Jahren. Denn die Akten des deutschen Panzerkorps hatten den Krieg überlebt. Darin befanden sich die Klarstandmeldungen über die Einsatzbereitschaft der Truppe. Jenseits jeder Propaganda waren hier in dürren Tabellen einsatzfähige, beschädigte und verlorene Panzer und anderes Gerät aufgelistet. Und es konnte überhaupt keine Rede davon sein, dass die deutschen Panzer auf dem Feld von Prohokorovka ausgelöscht worden waren – das I. SS Panzerkorps hatte nicht einmal eine Handvoll Panzer verloren.

Legende besiegt Wissenschaft

Schriften des militärgeschichtlichen Forschungsamtes notierten das unglaubliche Staunen sowjetischer Historiker und Militärs, als diese erstmals Einblick in die Akten bekamen. Sie hatten – wie auch viele westliche Historiker – an die Legende geglaubt. Gewiss, ernsthafte Historiker wussten, dass nicht Tausende von Panzern dort aufeinander losgegangen waren, wie in den Fünfzigern fabuliert wurde. Weder hatten die beteiligten Truppen so viele Fahrzeuge zur Verfügung, noch hätten diese dort überhaupt Platz gefunden. Auch den Russen fiel auf, dass in den Meldungen und Erinnerungen weit mehr deutsche Tigerpanzer abgeschossen wurden, als an der Schlacht beteiligt waren. Man führte das auf Übertreibungen und Wunschdenken der Soldaten zurück, die in dem rauchgeschwängerten Durcheinander die kleineren Panzer IV mit dem gewaltigen Tiger verwechselt hätten.

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Neben dem Kriegstagebuch mit seinen Verlustmeldungen sind nun neue untrügliche Beweise aufgetaucht. Die deutsche Führung ließ die Meldungen der Angriffsverbände offenbar überprüfen. Nach der Schlacht wurde das Gelände überflogen und fotografiert. Diese Aufnahmen wurden erst vor Kurzem von dem Militärhistoriker Ben Wheatley ausgewertet und sie dokumentieren den wirklichen Ausgang der Schlacht, da die abgeschossenen Wracks noch auf den Feldern stehen. Die eigentliche Schlacht wurde nicht von einem Zusammenprall aller Kräfte bestimmt. Die Legende besagte, dass die deutschen Panzer gerade nach Kursk vorstoßen wollten. Tatsächlich ruhten die Truppen aus, viele Soldaten schliefen. Die Deutschen wollten die Ankunft einer weiteren Division des Panzerkorps abwarten, um dann gemeinsam nach Kursk vorzustoßen.

Unglaubliche Planungsfehler

Die sowjetischen T-34 des 29. Panzerkorps setzten auf einen Massenangriff und rasten in eine tödliche Falle, die die Sowjets selbst angelegt hatten. Die Panzer stießen über einen Hügel auf die deutschen Panzer. Die Strategie war klar: Die Rotarmisten wollten die Deckung der Höhe 252,2, die hohe Beweglichkeit und Geschwindigkeit ihrer T-34 nutzen, um schnell die Entfernung zwischen sich und den Deutschen zu verringern. Auf große Entfernungen waren die deutschen Kampfwagenkanonen und vor allem die 8.8-Kanone des Tigers den sowjetischen Tanks überlegen.

Doch zu dem Stoß durch die Reihen der Nazis, den Pavel Rotmistrov beschreibt, kam es nie.

Bei der Planung des Angriffs hatten die Sowjets einen tiefen Graben übersehen, den die Panzer nicht überwinden konnten. Den Graben hatte die Rote Armee selbst als Panzerhindernis ausgehoben. Er blockierte die einzige Lücke, sonst sperrten ein Bach und ein Wald die Gegend ab. Ein ebenso unerklärlicher und unverzeihlicher Fehler, denn den Sowjets war das Hindernis natürlich bekannt. Die gesamte Verteidigung im Kursker Bogen basierte auf der genauen Kenntnis von solchen natürlichen und eigens angelegten Hindernissen. So ein Graben gehörte zu den neuen Verteidigungsstellungen der Roten Armee. Sie legte an vermeintlich "leichten" Durchbruchstellungen solche – häufig getarnten – Hindernisse an. Der Angriffsschwung der T-34 führte nun zu einem absoluten Chaos, über den Graben ging es nicht hinaus, darüber hinweg konnte man nur über eine kleine Brücke kommen. Mitten im Wirkungsbereich des deutschen Feuers musste die Welle des 29. Panzerkorps stoppen und wurde dann zusammen geschossen. Die deutsche Position war nie ernsthaft gefährdet. Die Rote Armee verlor 235 Panzer, die Wehrmacht nur fünf.

Ende des deutschen Vormarsches

Handelt es sich bei Prohokorovka um einen der "verlorenen Siege"? Unter diesem Titel strickte der deutsche Stratege Erich von Manstein seine eigene Legende. Sicher nicht, auch wenn die deutschen Verluste gering waren, waren die Truppen doch zu erschöpft, um am nächsten Tag den Sieg ausnutzen zu können. Einem späteren Vorstoß hätte das sowjetische Oberkommando erneut frische Truppen entgegenwerfen können. Die Sowjets hatten die letzte Großoffensive der Deutschen im Osten aufgehalten. Dieser Wendepunkt des Krieges war aber weit weniger glorreich und vernichtend, als es die Legendenbildung des Großen Vaterländischen Krieges ausgemalt hatte. Auf eindrucksvolle Weise hatte sich gezeigt, dass die Rote Armee im Sommer 1943 zwar ein Meister der Verteidigung geworden war, sie aber immer noch nicht in der Lage war, der Wehrmacht in Bewegungsgefechten Paroli zu bieten.

Quellen: A visual examination of the battle of ProkhorovkaIn Pursuit of Prokhorovka, Roman Töppel Prochorowka, 12. Juli 1943: Der Mythos ist tot - es lebe der Mythos!

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