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Roboter: Hightech-Kunst vom Fließband

Wissenschaftler und Designer schaffen mit Robotern einzigartige Kunstwerke. Das Künstlerprojekt robotlab zeigt, dass Maschinen mehr sind als Hilfs-Arbeiter in der Industrie, und holt dafür Roboter vom Fließband ins Museum.

Von Kathrin Warncke

Martina Haitz tippt eifrig in ihren Computer. Ihr Problem: Der orangefarbene Industrieroboter neben ihr ignoriert ihre Befehle. Es ist zehn Uhr morgens in einem der vielen Labore des Zentrums für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Wenige Tage bleiben nur noch bis zur nächsten Ausstellung der Gruppe robotlab. Bis dahin müssen die letzten Feinheiten abgestimmt und Programmierzeilen umgeändert werden. Denn Roboterkunst ohne funktionierenden Roboter ist keine Kunst.

Diesen Ablauf kennt robotlab bereits. Das kreative Trio Martina Haitz, Matthias Gommel und Jan Zappe fand im Jahr 2000 zusammen und hat seitdem einigen Robotern kreatives Arbeiten beigebracht. Durch ihren unkonventionellen Umgang mit Industriemaschinen wurde die Gruppe bekannt. Sie lässt Maschinen zeichnen, Musik spielen, fotografieren und collagieren.

Experimente in der Roboterkunst

Das ZKM nennt sich selbst auch das "Max-Planck-Institut der Künste". Es besitzt die größte Sammlung von interaktiven Medienkunstwerken weltweit. In einem alten Industriebau - im zweiten Weltkrieg ein Rüstungsbetrieb - finden sich heute vier Forschungsinstitute, zwei Museen und ein Archiv. Hier wird rund um die Medienkunst experimentiert, produziert, ausgestellt und archiviert. Interaktiv können Besucher durch virtuelle Städte reisen, Pflanzen auf einem Touchscreen zum Blühen bringen oder das eigene Konterfei als Kunstwerk auf eine Leinwand beamen.

Auch die Künstlergruppe präsentiert ihre Industrieroboter im Medienmuseum. So können sich Besucher von einem Portraitroboter zeichnen lassen oder Maschinen als DJs auflegen sehen. Die Wahl der Industriemaschinen lag für die Künstlergruppe nahe: "Wir wollten keine aufwändige Bastelei anfangen, sondern Roboter thematisieren, die kulturelle Bedeutung von Maschinen. Wir wissen, dass es Millionen von Robotern gibt, die wir in der Gesellschaft haben. Wir glauben jedoch nur, sie zu kennen", so robotlab-Mitglied Jan Zappe.

Millionenschwere Mammutprojekte

Dass ein solches Kunstwerk bis zu einer Million Euro kosten kann, bleibt dem Besucher jedoch verborgen. Jedes Stück ist ein Mammutprojekt - von der Technik über den Transport bis hin zum Aufbau. "Wir hatten Glück, dass Kuka, der Hersteller der Industrieroboter, die Maschinen mitgebracht hat", erläutert Zappe. Bis zu mehreren tausend Euro Miete pro Monat kann allein ein Roboter kosten. Schon hier wird deutlich: Das ZKM arbeitet technisch im obersten Segment. Allein das Medienmuseum verfügt über mehrere hundert Computer und Monitore sowie etwa 70 bis 80 Beamer. "Unser Kapital sind allerdings nicht die Geräte - sondern das technische Know-How unserer Mitarbeiter", so Bernhard Serexhe, Kurator des Medienmuseums.

Zehn Techniker sind dauerhaft zur Behebung von Fehlern oder Schäden an den Kunstwerken im Einsatz. "Zu Stoßzeiten wie bei Neueröffnungen haben wir noch zehn bis 20 Techniker zusätzlich, die sich um IT, Video und Aufbau kümmern." Darüber hinaus helfen die Techniker mit ihrem Wissen weltweit bei anderen Ausstellungen.

Der Fehler im Programm

Roboterkunst ist aufwändig. Für ein normales Gemälde reichen ein Nagel, eine Versicherung und eine Aufsicht, vereinfacht gesagt. Bei Werken wie denen von robotlab wird es haarsträubend: Die Geräte müssen gewartet werden. Dazu braucht es besondere Kenntnisse und das entsprechende Personal, um das Werk zu erhalten. Bernhard Serexhe nennt ein weiteres Problem der Installationen: "Der Zerfall ist bei interaktiver Kunst sehr viel größer. Die Werke werden ständig angefasst, was ja auch Sinn der Sache ist. Schnell ist etwas kaputt oder ein Fehler im Programm. Dafür müssen in jeder Stunde Techniker zur Verfügung stehen." Dieser Aufwand macht Roboterkunst für die meisten Museen nicht bezahlbar, außerdem fehlt es häufig an Erfahrung und Equipment.

Trotzdem haben sich in der Vergangenheit andere Künstler und Museen nicht davon abhalten lassen, mit den Maschinen kreativ zu arbeiten: Schon Leonardo da Vinci experimentierte mit Robotern und erfand ein mechanisches Theater. Als Wegbereiter der Roboterkunst haben sich besonders ab den 50er Jahren Künstler wie der Japaner Akira Kanayama profiliert. Er kündigte 1955 mit dem ersten ferngesteuert gemalten Gemälde ein neues Zeitalter digitaler Kunst an.

Mechanische Straßenprediger und Altmetall-Bettler

Längst schweifen Roboter durch die Kunstwelt, als seien sie nie für etwas anderes bestimmt gewesen. Das zeigt das Beispiel des Omnicircus Theatre in San Francisco Bay. Hier haben die Roboterkünstler Frank Garvey und Chico MacMurtrie ihren menschlichen Schauspielern Roboter an die Seite gestellt. Mittlerweile umfasst das Theater ein ganzes Ensemble, darunter einen mechanischen Straßenprediger, einen zerlumpten Bettler aus Altmetall und Junkies, abhängig von Maschinenöl. Bei Auftritten singen, tanzen und schauspielern sie wie ihre menschlichen Kollegen. 1988 wurde der erste Schauspieler-Apparat gecastet, seitdem wächst die Gruppe von Jahr zu Jahr.

Dem Aktionskünstler Stelarc ist die Technik viel zu schade für das Museum. Der gebürtige Australier mit dem bürgerlichen Namen Stelios Arcadiou tourt über Bühnen und zeigt, wie Roboter und Technologien den menschlichen Körper verändern und erweitern können. So ließ Stelarc das Publikum seine eigenen Körperbewegungen durch elektronische Muskelreize steuern. Über das Internet konnten sie sich vor Ort, aber auch weltweit einloggen und so auf seinen Auftritt einwirken. Außerdem arbeitet er bei seinen Performances mit Prothesen und anderen technischen Körpererweiterungen.

Maschinen-Ensemble ohne Star-Allüren

Star-Allüren gibt es im Roboter-Ensemble der Kunst noch nicht. Es wird eine Weile dauern, bis die Roboterkunst sich durchsetzt und vielleicht eines Tages auch die Museen erobern. Bis dahin werden sich die Maschinen noch mit der ein oder anderen Nebenrolle begnügen müssen. Wie damals als Laserstrahlroboter mit James Bond in "Goldfinger".