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Tsunami in Japan verursacht AKW-Störfall: Was passiert bei einer Kernschmelze?

Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes hat Japan den nuklearen Notfall ausgerufen. Im AKW Fukushima fiel das Kühlsystem aus. Tausende Menschen wurden in Sicherheit gebracht.

Das verheerende Erdbeben in Japan hat zu Störfällen in zwei Atomkraftwerken geführt. Japans Regierungschef Naoto Kan den "Atomalarm" ausrufen lassen - zum ersten Mal in der Geschichte des Landes. Zwar waren die Kernkraftwerke in der Katastrophenregion wie bei Erdbeben üblich heruntergefahren worden, aber Nachrichten über einen Brand im AKW Onagawa und ein ausgefallenes Kühlsystem im Atommeiler Fukushima sorgten nicht nur in Japan für Beunruhigung. Was passiert bei einem GAU? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was passiert bei einer Kernschmelze?

Die Kernschmelze ist ein extrem gefährlicher Unfall in einem Kernreaktor. Dabei erhitzen sich die Brennstäbe so sehr, dass sie schmelzen. Im ummantelten Brennstab befindet sich der Stoff, der gespalten wird - also Uran oder Plutonium. Zur Kernschmelze kann es etwa kommen, wenn Kühl- und Sicherungssysteme gleichzeitig oder in kurzer Zeit nacheinander ausfallen. Wenn die gesamte geschmolzene Masse auf den Boden des Behälters sinkt, kann sie sich durch die Wände des Reaktors fressen. Dabei können radioaktive Substanzen nach Außen gelangen. Mit einer Kernschmelze gehen häufig Dampf- und Wasserstoffexplosionen einher.

Gab es einen atomaren Unfall?

Derzeit ist die Lage unübersichtlich. Der Premierminister Naoto Kan dementierte zunächst eine Kernschmelze. Mittlerweile schließt die Regierung das nicht mehr aus. Seit dem Beben gab es am Reaktor in Fukushima Probleme mit dem Kühlsystem. Techniker schalteten ein Notkühlsystem ein, doch auch die dafür notwendige Notstromanlage fiel aus, sodass die Anlage nur noch über Batterien lief. Experten sprachen vom einem "Station Blackout". Nach der erfolgten Schnellabschaltung ist es im Reaktorkern weiter extrem heiß - und ohne Stromversorgung funktioniert kein Sicherheitssystem mehr. Inzwischen wird die Anlage mit Meerwasser gekühlt. In Block 1 des AKW hat es eine Explosion gegeben, in Block 3 droht seit Sonntag eine weitere, allerdings werde die eigentliche Hülle des Reaktors davon vermutlich nicht betroffen sein, sagt die Regierung. Die Regierung dementiert auch weiterhin eine Gefährdung für die Bevölkerung. Tausende Menschen, die rund um das Atomkraftwerk wohnen, wurden bereits in Sicherheit gebracht. In Fukushima gibt es gleich zehn Siedewasser-Reaktorblöcke. Der betroffene Block Fukushima-Daiichi-1 ist der älteste und war 1971 ans Netz gegangen.

Wie ernst ist die Lage in Fukushima?

Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), sagt unter Verweis auf Informationen aus Japan, es sei unklar, was passiert, wenn die Batterien leer sind, da der Reaktor nach dem Herunterfahren weiter gekühlt werden müsste. "Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze." Die Leiterin des Bereichs Nukleartechnik beim Öko-Institut, Beate Kallenbach-Herbert, betont, dass wegen des Tsunamis auch Kühlwasser aus den Flüssen wegen der Verschlammung womöglich nicht mehr zur Verfügung stehe. Insgesamt seien die japanischen Anlagen aber so sicher wie die in Westeuropa. Der Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital erklärte, selbst ein abgeschaltetes Atomkraftwerk erzeuge noch so viel Nachwärme, dass man eine Kernschmelze nur dann verhindern könne, wenn die Kühlung sichergestellt sei. Das Erdbeben habe eine sehr große Energie gehabt, "so dass viele Systeme möglicherweise nicht funktionieren wie sie sollten".

Wie gefährlich war das Feuer im Atomkraftwerk Onagawa?

Bisher gibt es dort keine Informationen über radioaktive Lecks. In Onagawa gibt es drei Reaktoren, die alle Siedewasserreaktoren sind. Dabei wandelt die bei der Kernspaltung im Primärkreislauf erzeugte Wärme das Wasser in Wasserdampf, der direkt die den Strom produzierenden Turbinen antreibt. Durch das Feuer bei den Turbinen wurde der Reaktor selbst nicht gefährdet, die Flammen konnten laut der japanischen Atomsicherheitsbehörde nach einigen Stunden gelöscht werden. Da es keine direkte Trennung zwischen Primärkreislauf und Turbinen gibt, hätte der Brand aber dazu führen können, dass Radioaktivität über mögliche Schäden im Turbinengebäude nach draußen dringt.

Wie erdbebensicher sind deutsche Atomkraftwerke?

"Deutsche Kernkraftwerke sind gegen die bei uns zu erwartenden Erdbeben ausgelegt", sagt Jürgen Maaß vom Bundesumweltministerium. Die Anlagen würden beim Überschreiten bestimmter sicherheitsrelevanter Grenzwerte automatisch abgeschaltet - so wie es auch in Japan geschehen ist. Auch die Schweiz betont: "Die Kernkraftwerke sind so geplant, gebaut und nachgerüstet worden, dass sie auch schweren Erdbeben widerstehen können." In Deutschland gab es zuletzt 2007 einen Brand auf einem AKW-Gelände. Das Feuer in Krümmel hatte keinen Einfluss auf den Reaktor, es trat auch keine Radioaktivität aus. Aber infolge des Trafobrands kam es zu diversen Fehlern im Ablauf, der Meiler steht seitdem fast ununterbrochen still.

Georg Ismar, DPA / DPA