HOME

Thomas Ammann: "Bits & Pieces": Was Facebook alles über uns weiß

Vor dem Europäischen Gerichtshof wird gerade über die Privatsphäre eines Fünftels der Menschheit gestritten. Das Verfahren verdient mehr Beachtung, meint Thomas Ammann

Schon mal darüber nachgedacht, was Facebook alles über uns weiß? Etwa 1,4 Milliarden Mitglieder sind bei Facebook registriert, also ein knappes Fünftel der Weltbevölkerung. Wie es um deren Schutz der Privatsphäre bestellt ist, kann man einem Verfahren entnehmen, mit dem sich seit Kurzem jetzt auch der Europäische Gerichtshof (EuGH) beschäftigt. Angestoßen wurde es von der Initiative "Europe versus Facebook" (europe-v-facebook.org) um den Wiener Juristen Max Schrems.

40.000 Auskunftsersuchen an Facebook

Zusammen mit zwei Mitstreitern hatte Schrems schon vor einigen Jahren von Facebook Auskunft über die Daten verlangt, die das Unternehmen über sie speichert. Beim ersten Antragsteller umfasste der Datensatz sage und schreibe 780 DIN-A-4-Seiten, beim zweiten waren es 1.142 und beim dritten schon 1.222 Seiten.

In allen Dossiers, so berichteten die Antragsteller, hätten sich schnell sensible Informationen wie politische Überzeugung, psychische Krankheiten oder sexuelle Orientierung gefunden. Mehr als 40.000 Nutzer folgten bislang dem Beispiel der Wiener Juristen und stellten Auskunftsersuchen an Facebook.

Trotz der gewaltigen Datenmenge hatten Schrems & Co. allerdings den Verdacht, dass sie nur einen Teil der erfassten Informationen bekommen hatten.

Die Kunden sind das Produkt

Da Facebooks europäischer Hauptsitz im Steuer- und (aus Sicht der Unternehmen) Datenschutz-Paradies Irland liegt, reichten sie eine Beschwerde bei der irischen Datenschutzbehörde ein. Diese wiederum wehrte die Klage wegen angeblicher Nicht-Zuständigkeit ab - und zwar unter Berufung auf die sogenannte "Safe Harbor"-Regelung, nach der bestimmte Firmen Datenströme aus der EU in die USA leiten dürfen. Zum Beispiel Facebook, Google, Apple, Microsoft und Yahoo. "Europe versus Facebook" wollte sich damit aber nicht abspeisen lassen und zog vor den obersten Gerichtshof in Irland, der das Verfahren schließlich im Juni 2014 an den EuGH weiterleitete. Ein endloser juristischer Streit deutete sich damit an.

Die Datenschutz-Kämpfer nutzten die Zeit, um die über sie gespeicherten Dossiers eingehend zu analysieren. Das verschaffte ihnen tiefe Einblicke in die Datenbankstruktur von Facebook und damit in das Geschäftsmodell, das die Traumgewinne (2014: rund 3 Milliarden Dollar) durch Werbeeinnahmen und andere Vermarktungserlöse für die Daten überhaupt erst ermöglicht.

Fazit: Bei Facebook sind die Nutzer nicht die Kunden, sie sind in Wahrheit das Produkt, das gewinnbringend vermarktet wird.

Das wird gespeichert

Das Wort "Target" ist der Schlüsselverweis in der Facebook-Datenbank – der Kunde, Nutzer oder Abonnent ist also im internen Jargon die Person, auf die alles abzielt. Jede Aktivität dieser Zielperson wird registriert, nach mehr als sechzig Kategorien aufgeschlüsselt und gespeichert. In den meisten Fällen erfolgt die Speicherung offenbar ohne Zeitbegrenzung.

Hier ein Auszug:

  • Chat: die letzten Chats mit anderen Zielpersonen werden eine gewisse Zeit gespeichert (Dauer unbekannt).
  • Check-ins: alle Orte, an denen die Zielperson jemals eingecheckt hat.
  • Connections: alle Verbindungen zu Seiten, die der Zielperson "gefallen", sowie deren ID.
  • Family: weitere Familienmitglieder unter Angabe der Verwandtschaftsbeziehung.
  • Favorite Quotes: die Eingaben im Feld "Lieblingszitate".
  • Friend Requests: alle Freundschaftsanfragen anderer Zielpersonen, auch die abgelehnten.
  • Last Location: der letzte Aufenthaltsort, der vermutlich aus den letzten bekannten Daten ermittelt wird, zum Beispiel Check-ins, Verwendung der Facebook-Smartphone-App, Fotos, in denen die Zielperson markiert wurde.
  • Machines: jeder jemals verwendete Computer wird mit Cookies markiert und erhält eine eindeutige Nummer.
  • Notes: Liste aller gespeicherten Notizen. Schlüsselwörter oder Personen können markiert werden.
  • Pokes: Liste aller "Anstupser", die man verschickt oder empfangen hat.
  • Political Views: Angaben zu den politischen Überzeugungen.
  • Privacy Settings: Liste der Datenschutzeinstellungen der Zielperson auf Facebook.
  • Realtime Activities: Speicherung der Ergebnisse von "Tracking". Alle Klicks auf Facebook werden gespeichert und dienen der Analyse.
  • Removed Friends: Liste aller ehemaligen "Freunde" auf Facebook.
  • Shares: alle Links, die die Zielperson auf der Pinnwand postet.

Dazu kommen alle verfügbaren persönlichen Angaben wie Name, Wohnort, Geburtsdatum, Geschlecht und, soweit angegeben, Ausbildung, Bankverbindung, Beruf, Beziehungsstatus, Kreditkartendaten, Religion und so weiter.

Ein Fünftel der Menschheit lässt sich ausspionieren

Die Auseinandersetzung um Facebook zeigt deutlich wie selten, wie ausgefeilt die Spionagemethoden der "sozialen" Netzwerk-Konzerne inzwischen sind.

Nicht beantwortet wird damit die Frage, weshalb ein Fünftel der Menschheit bei der Bespitzelung der eigenen Privatsphäre so begeistert mitmacht und den eigenen Steckbrief ins Internet stellt. Das kann noch nicht einmal der Europäische Gerichtshof klären.

Hier können Sie dem Verfasser auch auf Twitter folgen.

Thomas Ammann