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Thomas Ammann: "Bits & Pieces": "Wir wissen, wo Du wohnst!"

Der Handel mit anonymen Benutzerdaten ist noch immer legal, obwohl er unsere Privatsphäre verletzt. Das ist ein Skandal, meint Thomas Ammann

Ob ich mir schon mal Gedanken gemacht hätte, fragte mich ein Freund vor einiger Zeit, dass unsere Smartphones "die mobilen Ortungswanzen" schlechthin seien. "Na und?", dachte ich. Was hat die NSA schon davon, wenn sie weiß, wo ich mich so herumtreibe? Dabei ist die NSA gar nicht das Thema.

"Sie haben nie das Gesetz gebrochen?", fragte Edward Snowden im Sommer 2014 meine stern-Kollegen Katja Gloger und Martin Knobbe, als sie von ihm wissen wollten, weshalb unbescholtene Bürger sich vor Überwachung fürchten sollten. "Bevor Sie 'nein' sagen", warnte er damals, "die Daten Ihres Mobiltelefons verraten, wo Sie wie schnell gefahren sind." Und damit auch, wo man zu schnell gefahren ist.

Anonymität im Netz ist eine Illusion

Der Navi-Hersteller TomTom verkaufte die gesammelten (anonymisierten) Bewegungsdaten seiner holländischen Nutzer an die Regierung in Den Haag, und die reichte sie an die Polizei weiter. Ergebnis: Die Polizei stellte ihre Radarfallen an den Stellen auf, an denen besonders viele Autofahrer zu schnell waren. Das waren die sichersten Einnahmequellen.

Als daraufhin ein Shitstorm losbrach, gab sich TomTom-Chef Harold Goddijn arglos. Man habe geglaubt, die Informationen würden für die Verbesserung der Infrastruktur herangezogen, schrieb er in einer Rundmail an die Kunden. Goddijn traute sich wohl nicht, darauf hinzuweisen, dass der Verkauf anonymisierter Datensätze in der EU legal ist.

Das ist der eigentliche Skandal.

Denn Anonymität im Netz ist reine Illusion. Im Jahr 2013 untersuchte eine Gruppe um den Mathematiker Yves-Alexandre de Montjoye vom Media Lab des MIT in Boston die Bewegungsmuster von anderthalb Millionen anonymisierten Smartphone-Usern. Dabei verwendeten sie die Informationen, die beispielsweise auch Google Maps benutzt, wenn man den Handy-Standort bestimmen will.

Das Ergebnis des 15 Monate langen Experiments war erschreckend: Man muss nur viermal am Tag zu einer bestimmten Zeit die Position eines Smartphones erfassen, um es mit einer Trefferquote von 95 Prozent einer bestimmten Person zuzuordnen - wie eine Art "elektronischer Fingerabdruck".

"Wenn man bedenkt, wie viel Informationen man aus anonymisierten Bewegungsdaten herausziehen kann", kommentierte de Montjoye, "ist es schon ziemlich beängstigend, dass es solche Datensätze inzwischen problemlos zu kaufen gibt."

Soziale Netzwerke liefern die nötigen Informationen

Wohin das führen kann, bewies der Fahrdienst Uber mit einem etwas delikaten Experiment. In einem – inzwischen gelöschten – Blogeintrag hatte Uber die Fahrgäste in den USA herausgefiltert, die zwischen 22 und 4 Uhr eine Fahrt buchten und vier bis sechs Stunden später eine Fahrt in der Gegenrichtung. Laut Uber ist dieses Fahrverhalten ein deutliches Indiz für einen "One-Night-Stand". Der Konzern ging sogar soweit, Stadtkarten zu erstellen, die Gegenden mit besonders hoher Aktivität auswiesen. Auch hier wäre es über die Verbindung mit anderen, frei zugänglichen Informationen ein Leichtes, die liebeshungrigen Fahrgäste namentlich zu identifizieren.

Der Computerwissenschaftler Arvind Narayanan von der Universität Princeton kämpft für den Datenschutz und versucht zu beweisen, wie einfach es ist, aus der scheinbar namenlosen Masse einzelne Personen herauszufiltern. Bei Twitter und Flickr nahm sich Narayanan zusammen mit Vitaly Shmatikov von der Universität von Texas die anonymen Daten der Mitglieder vor. Durch Abgleich fanden die Wissenschaftler heraus, dass etwa 14 Prozent von ihnen in beiden Netzwerken angemeldet waren. Durch Verknüpfung mit weiteren Informationen aus dem Netz konnten sie ein Drittel dieser Mitglieder mit Namen und anderen persönlichen Daten herausfiltern.

Das ist deshalb so brisant, weil für die sozialen Netzwerke der Verkauf von anonymen Datensätzen einen wichtigen Teil des Geschäfts ausmacht. Zur Rechtfertigung verweisen die Betreiber darauf, dass niemand Schaden leide, weil die Informationen einzelnen Personen nicht zuzuordnen seien. Dahinter stecke eine große Irreführung, sagt Internetforscher Shmatikov: "Typischerweise heißt es, die Privatsphäre wird geschützt, indem man Namen und Adresse löscht", erklärt er, "aber das soziale Verhalten ist entscheidender. Über den Freundeskreis, die Lieblingsfilme oder die bevorzugte Kleidermarke kann man in Verbindung mit anderen Informationen aus dem Netz jeden herausfinden."

Nichts auf der Welt ist umsonst

Spätestens hier treffen sich die Interessen der Geheimdienste und der Internetunternehmen auf wundersame Weise. Beide haben sie es auf unsere privatesten Daten abgesehen, und die meisten Apps oder "Like"-Buttons sind nichts anderes als mehr oder weniger geschickt verpackte Trojaner zum Absaugen von Informationen und zur Erstellung von Benutzerprofilen. Die schöne neue App-Welt ist ja so bequem - und es gibt sie angeblich zum Nulltarif.

Aber das ist der große Irrtum. Die Amerikaner haben dafür das "No-Free-Lunch-Theorem" erfunden: "There is no thing like a free lunch in this world" – nichts auf der Welt ist umsonst.

In diesem Fall bezahlen wir mit dem Verlust unserer Privatsphäre. Wir haben es nur noch nicht gemerkt.

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Thomas Ammann
Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.