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Armut in Deutschland: Zum Sterben zu viel

13 Prozent der Bürger in Deutschland sind trotz staatlicher Transfers von Armut bedroht. Aber was steckt hinter den Zahlen? Wie sieht die Armut aus, wie fühlt sie sich an? stern.de hat die Tafel in der Arbeitslosenhochburg Gelsenkirchen besucht und mit Betroffenen gesprochen.

Von David Meiländer

Die mehr als 2000 Menschen, die jede Woche in der Gelsenkirchener Tafel mit Lebensmitteln versorgt werden, nennt Arnold Imort mittlerweile nur noch "Kunden". "Wir machen hier keinen Profit", sagt der Leiter der Hilfsstelle. "Aber die Leute so zu nennen, hat etwas mit Würde zu tun."

Es wäre auch kaum Profit mit den Betroffenen zu machen, denn sie alle kommen hierher in die Brockhoffstraße in der Gelsenkirchener Innenstadt, weil sie nicht genug Geld haben, um sich selbst zu versorgen. Die Not ist in der Ruhrgebietsstadt besonders groß, denn mit fast 14 Prozent liegt die Arbeitslosenquote hier so hoch wie nirgendwo in Nordrhein-Westfalen.

120 Freiwillige arbeiten bei der Tafel, die meisten sind selbst arbeitslos. Die Arbeitskräfte werden gebraucht, denn der Andrang auf die von Supermärkten und Herstellern gespendeten Lebensmittel wird immer größer. "Wir stoßen schon an die Grenzen unserer Kapazitäten", sagt Imort.

Die Bundesregierung hat vor wenigen Tagen ihren 3. Armuts- und Reichtumsbericht vorgelegt, und die Erkenntnisse daraus decken sich vollständig mit den Erfahrungen in Gelsenkirchen. "Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet", sagte Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) vergangenen Sonntag. "Die Einkünfte der Reichen sind gewachsen, dagegen sinken die Einkommen im unteren Bereich leicht."

Auswählen dürfen die Kunden selbst

Sechs Lkws braucht Arnold Imort, um die Waren auf die drei Ausgabestellen zu verteilen. Gemüse, Obst, Käse und Brot – fast von allem ist etwas vorhanden, auch wenn man manchmal Qualitätsabstriche machen muss. Auswählen dürfen die Kunden selbst, nur einige Lebensmittel sind rationiert. Die Ware wird kostenlos abgegeben, jedoch ist es üblich, zwei Euro an der Kasse abzugeben – als Spende. Damit kann die gemeinnützige Einrichtung ihre Miet-, Benzin- und Stromkosten bezahlen – im Monat mehr als 10.000 Euro.

Wie Armut aussieht, das sieht man in der Gelsenkirchener Tafel nicht sofort. Überwiegend Frauen kommen hierher, meist nicht schlecht zurechtgemacht und so gekleidet, dass sie in einem normalen Supermarkt nicht auffallen würden. stern.de stellt vier Schicksale vor.

Christel Filipowski - Ein Schlag ins Gesicht

Christel Filipowski war nie besonders kräftig und musste irgendwann einsehen, dass sie sich gegen den Mann, der gerade auf sie einprügelte, nicht wehren konnte. Es war in einer Nacht vor zwei Jahren, als die damalige Fahrkartenkontrolleurin in der Linie S3 von einem Betrunkenen grün und blau geschlagen wurde. Zuvor hatte sie ihn erwischt, wie er eine junge Frau belästigt, ihr den Rock heruntergezogen und an den Busen gefasst hatte. Christels Verletzungen waren so schwer, dass sie für mehrere Wochen ins Krankenhaus musste. Kurze Zeit später war sie ihren Job los, den sie erst vor wenigen Monaten angetreten hatte. "Ich glaube, ich habe denen zu lange gefehlt", vermutet Christel.

Heute arbeitet die 33-Jährige als Zeitungsausträgerin, aber weil ihr Verdienst unter dem Existenzminimum liegt, bekommt sie zusätzlich noch Hartz IV. Je nach Auftragslage hat sie so zwischen 200 und 500 Euro im Monat zur Verfügung, wenn man Miete, Heizkosten und Strom abzieht. Nicht viel Geld, deshalb kommt Christel jetzt seit fast einem Jahr zur Gelsenkirchener Tafel. Vor ihrer Zeit als Fahrkartenkontrolleurin war die 33-Jährige Pförtnerin bei einer Sicherheitsfirma, nachdem sie eine Lehre als Krankenschwester absolviert hatte. 1100 bis 1500 Euro hat sie in dieser Zeit durchschnittlich verdient. "Für meine Verhältnisse war das ganz ordentlich."

Dass Christel überhaupt jemals einen Job bekommen würde, das war kurz nach ihrer Einschulung alles andere gewiss. Wer einmal auf der Sonderschule war, so heißt es, der ist für sein Leben gebrandmarkt. "Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass ich da nicht hingehöre", erinnert sie sich. Sie verließ die Schule ohne Abschluss und ging an die Abendschule. Ihre Noten waren so gut, dass sie nicht nur den Realschulabschluss schaffte, sondern auch die Zulassung für die gymnasiale Oberstufe bekam.

"Darauf bin ich schon ein bisschen stolz", sagt sie. "Das hätte früher auf der Sonderschule keiner von mir gedacht." Trotz ihrer derzeitigen Situation gibt sie die Hoffnung nicht auf. "Ich werde auf jeden Fall immer weiter arbeiten", sagt sie. "Den ganzen Tag zu Hause sitzen, das könnte ich gar nicht."

Antonia Müller - Die Hoffnung fast aufgegeben

Sonnenbrille, die Mütze tief ins Gesicht gezogen – Antonia Müller ist undercover hier. Niemand in ihrem Umfeld weiß, dass sie nun seit fast einem Jahr jede Woche zur Gelsenkirchener Tafel kommt, und das soll auch so bleiben. "Es ist mir wahnsinnig peinlich", sagt Antonia. Deshalb gibt es in diesem Text kein Foto von ihr, und auch ihr Name ist erfunden, aber immerhin von ihr selbst.

Antonia ist 46 Jahre alt und seit 13 Jahren arbeitslos. Vor 30 Jahren, als die Welt noch in Ordnung war, machte sie eine Ausbildung zur Lebensmittelfachverkäuferin und glaubte, das mit dem Job würde sich schon zum Guten entwickeln. Hat es sich aber nicht.

Wenn man Miete und Heizkosten abzieht, dann hat sie zusammen mit ihrem Mann 250 Euro im Monat. "Das muss für Essen, Zigaretten, Telefon, Internet und all das andere reichen", sagt Antonia. Ihr Ehemann ist seit fast zehn Jahren arbeitslos, obwohl er von seiner Ausbildung her eigentlich ganz gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätte. Denn Hochdruckschweißer werden immer gebraucht.

Doch die lange Zeit, in der er und sie ohne Arbeit waren, schreckt viele Firmen ab, die beiden einzustellen. "Ich könnte unsere 80-Quadratmeter-Wohnung komplett mit Bewerbungen tapezieren", sagt Antonia. "Wenn man so viele Absagen kriegt, gibt man halt irgendwann auf."

Antonia Müller erinnert sich noch genau an ihren ersten Besuch bei der Tafel im Juni 2007. "Ich habe vor der Tür gewartet, bis alle weg sind, und bin dann schnell reingegangen", erinnert sie sich. "Als ich nach Hause kam, hat mich mein Mann mit großen Augen angeschaut. 'Erzähl das bloß keinem', hat er gesagt." Daran hat sich Antonia bis heute gehalten.

Weil sie sich die Fahrkarte für den Bus nicht mehr leisten kann, geht die gelernte Lebensmittelverkäuferin zu Fuß. Eine Stunde braucht sie ungefähr bis zur Tafel, wenn sie zügig geht. Mit ihrer rechten Hand zieht sie dann einen Reisetrolli, in den sie die Chips, den Milchreis, die Paprika, die Brötchen, den Pudding und den Spargel legt. Normalerweise reicht das, was sie bei der Tafel bekommt, für drei Tage. Dann muss Antonia noch mal einkaufen gehen.

Sie muss dabei auf jeden Cent achten: "Vor 13 Jahren konnte ich mir noch locker ein Stück Mozzarella-Käse im Supermarkt kaufen, aber das ist jetzt auch vorbei", sagt sie. "Und an eine Kugel Eis von der Eisdiele ist gar nicht zu denken." Arbeitslos zu sein, das sagt ihr Mann manchmal, das sei doch keine Schande mehr. Eigentlich gehöre es doch mittlerweile zum guten Ton. "Ich versuche trotzdem, mich so anzuziehen, dass auf der Straße niemand erkennt, in was für einer Situation ich lebe", sagt Antonia und zieht die Sonnenbrille wieder ins Gesicht. Perspektive für die Zukunft sieht sie keine mehr. "Wie auch? Uns hier unten haben doch alle vergessen."

Rolf Dietzel - Sauerland ist wie Schweden

In Gelsenkirchen hat man die Probleme von älteren Arbeitslosen erkannt. Deshalb gründeten mehrere gemeinnützige Einrichtungen und eine Unternehmensberatung die sogenannten Job Clubs für Ältere, ein Projekt das vom Bundesarbeitsministerium zwei Jahre lang gefördert wurde. Bis zum vergangenen November sollte den über 50-Jährigen hier in speziell auf ihre Situation zugeschnittenen Beratungsgesprächen eine Perspektive geboten werden. Aber weil man für Rolf Dietzel selbst dort keine mehr sah, schickte man ihn nach Hause.

Man kann nicht sagen, dass Rolf das Leben nicht genossen hätte. Ziemlich oft zog er um, lebte in Berlin und anderen Städten, nicht immer wegen, aber niemals ohne Arbeit. Denn Rolf hatte ja was gelernt: Elektriker. 30 Jahre ging das gut, bis er im 1998 – zurück in seinem Geburtsort Gelsenkirchen – die Arbeitsstelle verlor. "Vielleicht lag es ja daran, dass ich in diesem Betrieb erst seit Kurzem dabei war und deshalb auch als Erster gehen musste", sagt Rolf und fügt an: "Vielleicht hätte etwas Beständigkeit meinem Leben ganz gut getan."

Mit 45 Jahren arbeitslos zu werden ist besonders schlimm, denn die Chancen auf einen neuen Job sind dann ungleich geringer. Das wusste auch Rolf Dietzel und erlebte es anschließend am eigenen Leib. "Mittlerweile habe ich mich an mein Leben gewöhnt", sagt er.

Es sind die kleinen Momente, in denen Rolf merkt, dass ihm etwas fehlt. Wenn seine Freunde von dem großartigen Urlaub in Schweden berichten, der sie in zwei Wochen über 2000 Euro gekostet hat. "Das Sauerland ist im Grunde auch wie Schweden", versucht sich der 55-Jährige dann einzureden und kommt schließlich doch zu dem Schluss, dass er auch gern mal so weit reisen würde. "Man ist irgendwie vom ganzen Leben abgeschnitten", sagt er. "Deshalb habe ich auch nur noch wenige Freunde, die nicht arbeitslos sind." Denn wenn die anderen früher ins Kino gingen oder ein Bier in der Kneipe trinken wollten, musste Rolf absagen. Es war ihm schlichtweg zu teuer.

Ohne Familie blickt Rolf Dietzel allein in die Zukunft – finanziell ändern wird sich für ihn nicht viel, wenn er in zehn Jahren in Rente geht. Aufs Land ziehen will er, und am liebsten würde er sein einziges Hobby, einen alten zum Wohnmobil umgebauten Kleintransporter, mitnehmen. 30 Jahre hat das Auto jetzt schon auf dem Buckel und kostet mittlerweile so viele Steuern, dass es wahrscheinlich auch niemand mehr haben wollte, wenn da nicht Rolf Dietzel wäre.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.