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Kommentar

Debatte um Elternzeit: Elterngeld ist natürlich ein staatlich gesponsertes Urlaubsgeld

Zum zehnten Geburtstag des Erziehungsgeldes wurde ein neues Feindbild ausgemacht: Paare, die mit dem Baby in den Süden reisen, anstatt daheim den drögen Alltag zu üben. So ein Unsinn, sagt Gernot Kramper. Genießt euren Liebes-Urlaub, der Alltag wird noch grau genug!

Junge Paare am Strand

Junge Paare am Strand haben heutzutage viele Hater.

Zum zehnten Geburtstag des Erziehungsgeldes platzte der SZ-Redakteurin Kerstin Lottritz der Kragen. Im Kommentar "Elterngeld ist kein staatlich gesponsertes Urlaubsgeld" machte sie ihrem Ärger Luft. Die Anklage lautet, dank des Elterngeldes würden junge Väter mit dem Nachwuchs hemmungslos durch die Welt kutschieren und Urlaub machen. Anstatt dass junge Paare den tristen Alltag einübten, aalen sie sich mit dem Baby am Strand.

Schmales Urlaubsgeld vom Staat

Lottritz fährt schweres Geschütz auf: "Wer das Elterngeld nur als staatlich gesponsertes Urlaubsgeld nutzt, ist unverschämt." Da fragt man sich und auch einige Leser der SZ erstaunt, welche jungen Familien sich denn dank des Elterngeldes einen mehrmonatigen Urlaub im Hotel leisten können.

Zur Erinnerung: Das Elterngeld gibt es ja nicht auf das normale Einkommen obendrauf – wie eine Baby-Prämie. Für die Bezugszeit bekommt man kein Geld von der Firma, sondern meistens 67 Prozent des vorhergehenden Nettoeinkommens, maximal aber 1800 Euro. Anstatt einer wohl gefüllten Urlaubskasse fehlt also ein Drittel des Familien-Einkommens. Frauen erhalten durchschnittlich nur 709 Euro. Männer dagegen 1200 Euro. Beides sind keine Summen, die eine Weltreise ermöglichen.

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Ein Problem der Besserverdiener

Die ewigen Reisen der jungen Väter – über die mitreisenden Mütter verliert Lottritz kaum ein Wort - gibt es nur in einer Blase, die finanziell gut gestellt ist. Und tatsächlich ist das Modell im Kreis der Werber, Journalisten und Medienangestellten verbreitet. Neben dem vergleichsweise immer noch guten Einkommen können sie häufig ihre City-Wohnung zwischenvermieten und so die häuslichen Kosten minimieren. Dann sitzen sie gemeinsam in Madeira in einem gemieteten Bungalow und üben dort die Elternschaft anstatt in Berlin oder Hamburg. Offenbar eine Tod-Sünde.

Ausgleichende Gerechtigkeit

Wohnungstausch südwärts kann man Urlaub nennen, man sollte aber nicht so tun, als könne sich irgendwer ein paar Monate lang ein Wellness-Retreat leisten. Tatsächlich entdecken junge Paare hier nur, was Rentner beim Thema Überwintern in sonnigen Gefilden  schon lange wissen: Wer sich längere Zeit im Ausland einmietet, lebt dort fast günstiger als daheim. Jedenfalls solange man auf Fünf-Sterne-Komfort verzichten kann. Diese Schnäppchen sollten junge Eltern genießen. Das ist nur gerecht. Die nächsten 18 Jahre sind sie nämlich an die Schulferien gekettet – und dann werden sie abgezogen. Im Vergleich zu Kinderlosen, die Stoßzeiten meiden können, zahlen sie mindestens ein Viertel drauf.

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Windeln werden auch am Strand gewechselt

Ohnehin scheint Frau Lottritz zu glauben, man könne sich im Urlaub auch eine Nanny leisten. Dabei muss man ein Baby auch im Ausland "füttern, Windeln wechseln" und "sich die Nächte mit dem schreienden Kind auf dem Hüpfball um die Ohren schlagen" – diesen Alltagsübungen entkommt man auch in Südfrankreich nicht.

Finanzieller Zuschuss nötig

Als Vater und Jahrgang weit vor dem Erziehungsgeld kann ich den jungen Urlauber-Familien nur zurufen: Genießt diese Zeit mit den Kindern, denn so viel Freiraum werdet ihr ganz lange nicht mehr erleben. Unfair ist nur, dass das Familienleben am Strand den Besserverdienenden vorbehalten ist. Einige Nutzer in der SZ bekannten in den Kommentaren offen, dass sie bei den Familienmonaten in der Sonne mit dem Elterngeld nicht über die Runden gekommen sind. Von wegen also: "Urlaub auf Staatskosten ist unverschämt". Entweder hat das junge Paar zuvor so große Reserven gebildet, dass nach Umzug, größerer Wohnung und Kinderausstattung noch Urlaubsgeld übrig ist. Oder – wohl wahrscheinlicher – die stolzen Großeltern drücken ihre Freude mit einem stattlichen Reisezuschuss aus. Gerecht ist das nicht. Aber ist es bei uns nicht immer so, dass Paare mit finanziellem Background sich mehr leisten können als die Armen?

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Pflichtenheft aus der Redaktion

Anders als Lottritz glaubt, ist Elternzeit nicht das Gleiche wie eine Kur der Krankenkasse. Dort ist es aus gutem Grund verboten, abends aus der Diätklinik auszubüxen, um es sich im Wirtshaus gut gehen zu lassen. Der Staat gibt bei Beginn der Elternzeit kein Pflichtenheft für angemessenes Verhalten aus. Er setzt darauf, dass junge Familien besser als das Ministerium wissen, wie sie ihr Leben verbringen wollen. Dieses fehlende Pflichtenheft liefern nun miesepetrige Kommentare nach, die am Schreibtisch frei erfinden, was angeblich Sinn und Zweck der Elternzeit ist. Residenzpflicht in den eigenen Vier-Wänden inklusive.

Besser als Netflix gucken

Den Start in das häufig doch recht triste Familienleben mit einem schönen gemeinsamen Liebesurlaub zu beginnen, gehört offenbar nicht dazu. Dabei gibt es ganz andere Erziehungs-Modelle, über die man sich aufregen könnte. Elternzeit gibt es nämlich auch, wenn das Kind ganztags in der Kita ist. Und die lieben Eltern den ganzen Tag mit Netflix, Online-Shopping oder Fußball verbringen.

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