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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Mann jammert und meckert nur noch - ich bin sein seelischer Mülleimer

Anita muss gerade viel aushalten: Ihr Partner ist chronisch krank und reagiert empfindlich auf Stress. Abends jammert und meckert er nur noch - und Anita fühlt sich wie der seelische Mülleimer. Was kann Anita tun, um wieder Lebensfreude zu finden.

Paarprobleme: Anitas Mann meckert nur noch - das nervt sie total.

Hallo Frau Dr. Peirano,

ich bin 43 Jahre alt und bin seit 16 Jahren mit meinem Partner zusammen. Er ist 5 Jahre älter als ich. Bis vor ungefähr einem Jahr war ich auch noch glücklich in der Beziehung. Wir waren uns einig, dass wir keine Kinder wollten. Aber wir haben unsere Hobbies wie Reisen, Motorrad fahren, Freunde treffen, Genießen und Kochen.
Letztes Jahr dann um diese Zeit fing es an, seiner Mutter richtig schlecht zu gehen (unsere Eltern werden jetzt leider "alt"). Sie musste sich einer riskanten Herz-OP unterziehen. Die fand dann im Januar 2016 statt. Da sein Vater nicht mehr alleine in der Wohnung zurechtkam, ging er übergangsweise in ein Pflegeheim.

Im Februar 2016 unternahmen wir eine 3-wöchige Rundreise nach , die schon seit einem Jahr geplant und gebucht war. Zuerst wollte mein Partner gar nicht mitkommen, hat sich dann aber doch dafür entschieden. Leider konnte er den Urlaub überhaupt nicht genießen, weil er sich ständig Sorgen um seine Eltern gemacht hat. Soweit, so gut, dafür hatte ich auch vollstes Verständnis.

Im Alltag nicht abschalten können

Danach fingen die Probleme aber richtig an: Seine Mutter konnte nicht gleich nach der OP aus dem Krankenhaus entlassen werden, weil sie ins Koma gefallen war. Sie kam in die Reha, von dort aus wieder zurück ins Krankenhaus und immer so weiter. Erst im Oktober kam sie nach Hause. In der Zwischenzeit hat sein Vater im Pflegeheim versucht, sich zweimal das Leben zu nehmen.

Gleichzeitig hat mein Partner im Januar 2017 einen neuen angefangen, er ist vom Außendienst ins Büro gewechselt und musste sehr viel Neues in kurzer Zeit lernen.

Auf jeden Fall ist es so, dass er seit einem Jahr jeden Tag meckert und jammert. Er hat sich die ganze Zeit um den Papierkram seiner Eltern gekümmert, eingekauft und die Wohnung geputzt, nach einem stressigen Arbeitstag. Dazu hat er selbst zwei unheilbare Krankheiten, deren Symptome bei Stress schlimmer werden. Ich verstehe das ja, aber ich habe das Gefühl, ich werde als "seelischer Mülleimer" missbraucht, eben weil es jeden Tag ist. Ich habe auch Probleme, meine Eltern sind auch krank (Mutter hat Krebs, Vater ist herzkrank) und habe auch Angst, dass irgendwas passieren könnte – aber ich stehe nahezu alleine da. Wenn ich mal mein Herz ausschütten will, sagt er immer, das werde ihm zu viel. Wenn ich ihm das auch sage, dass mir sein "Gemecker" zu viel wird, ist er beleidigt!

Gute Gefühle bleiben auf der Strecke

In der letzten Zeit habe ich festgestellt, dass es mir besser geht, wenn er nicht da ist und ich meine Ruhe habe. Auf der anderen Seite sehne ich mich nach einer starken Schulter zum Ausruhen/Ausweinen/Entspannen/Freude haben. Irgendwie sind die ganzen guten Gefühle auf der Strecke geblieben.
Wir haben darüber gesprochen und er weiß auch, dass es im Moment kriselt. In sieben Wochen wollten wir wieder nach Südostasien in Urlaub fahren und da hat er gesagt, dass er diesen Urlaub wahrscheinlich auch nicht genießen kann, weil er sich so viel Sorgen um die Eltern macht.


Ich weiß wirklich nicht mehr weiter, und was mich beunruhigt, ist, dass ich mich irgendwie nach einer unbeschwerten Zeit sehne, nach irgendwas Anderem, Erfrischendem, wo ich mal wieder lachen kann. Ab und zu treffe ich mich mit Freundinnen und versuche abzuschalten und eine schöne Zeit zu verbringen, aber wenn ich dann nach Hause komme, ist alles wieder vorbei und bin von ihm bzw. von seinen Problemen genervt. Haben Sie eine Idee, wie ich damit umgehen kann ?
Ich bedanke mich schon einmal im Voraus über Ihre Hilfe.
Viele Grüße Anita Z.

Liebe Anita Z.,

als ich Ihren Bericht gelesen habe, war mein erster Gedanke: Bei Ihnen beiden kommt es gerade auch ganz schön dicke! Sie beide haben kranke Eltern (Krebs, Koma, Suizidversuche, herzkrank !!!), Ihr Partner ist zudem auch noch chronisch erkrankt und verträgt wenig Stress - und anscheinend hat er auch Probleme im Beruf. Bei so vielen äußeren Problemen würde es mich auch wundern, wenn Sie beide eine rosige, entspannte Zeit hätten. Mir wurde auch deutlich, dass zumindest Sie (bei Ihrem Partner wurde es nicht ganz so deutlich) auch eine sehr lebenslustige Seite haben, die gerne lacht, ausgeht und das Leben genießt.
Vielleicht können Sie sich immer wieder vor Augen halten, dass Sie beide ja eigentlich sehr viele gemeinsame Interessen und ein schönes Leben haben – nur gerade im Moment nicht. Das wird auch wieder besser, wenn Ihr Partner sich im Job eingewöhnt hat und eine Lösung für die Eltern gefunden wurde.


In Ihrer Partnerschaft scheint Ihre lebenslustige Seite im Moment zu verkümmern, denn Ihr Partner scheint gerade ohne Unterlass an seine Probleme zu denken. Mir kommt es so vor, als stünden Sie und Ihr Partner unter einer düsteren Wolkendecke, die einfach nicht abziehen will. Auch die Aussicht auf eine Auszeit und Abstand in Asien ist nicht richtig sonnig, wenn Ihr Partner befürchtet, dass er die düsteren Sorgenwolken gleich mit dorthin nimmt  -und nicht einmal im dringend benötigten Urlaub abschalten kann.

Rat von Julia Peirano: Gemeinsame Momente schaffen

Sie fragten mich, was Sie tun können. Mir fallen einige Ansätze ein, die Ihnen hoffentlich weiter helfen können:

- Erklären Sie Ihrem Partner, dass Sie beide gerade in dieser harten Zeit Kraft und schöne Momente brauchen. Jammern und Meckern ziehen Sie beide energetisch hinunter. Es wäre viel wichtiger, dass Sie sich darum bemühen, Abstand von den Problemen zu finden. Wie wäre es, wenn Sie ihm - wie schon geschehen - mitteilen, dass Sie nicht bereit sind, sein Gejammer anzuhören, aber ihm diesmal Alternativen vorschlagen? Zum Beispiel: Ich bin nicht mehr bereit, mir Dein Gejammer anzuhören, weil ich das nicht für sinnvoll halte. Ich kann Dir aber gerne helfen, Abstand von den Problemen zu finden, indem wir zusammen kochen und dabei im sogenannten „Hier und Jetzt“ bleiben und über das Kochen reden. Oder indem wir zusammen ins Kino gehen, eine Motorradtour machen und Freunde treffen.

- Sie könnten ihm anbieten, ihm einen Spiegel vorzuhalten und ihm immer mitzuteilen, wenn er gerade wieder jammert. Wahrscheinlich fällt ihm das überhaupt nicht mehr auf, weil es sich um automatische Gedanken handelt.

- Wenn Ihr Partner nicht in der Lage ist, etwas Positives zu unternehmen, könnten Sie ihm das freundlich, aber deutlich spiegeln. Sie könnten sagen: Ich sehe, dass es dir schwer fällt, etwas für dich zu tun. Ich aber brauche Abstand von den Problemen, deshalb gehe ich jetzt in mein Zimmer und lese/schaue einen Film.

- Ihr Partner ist mit seinen Problemen sehr belastet: Er ist krank, leidet unter starken Stresssymptomen, hat kranke Eltern und muss im Beruf neue Aufgaben bewältigen. Benennen Sie doch, dass seine Probleme für Sie als Partnerin einfach zu schwer wiegen und dass er sich professionelle Hilfe holen soll, wenn er der Schwierigkeit seiner Probleme gerecht werden soll. Bei körperlichen Problemen wie z.B. einem Beinbruch geht man ja auch zum Arzt und lässt sich nicht vom Partner behandeln - warum sollte es bei psychischen Problemen anders sein? Gerade bei der Behandlung seelischer Belastungen ist es oberste Priorität, dass der Behandler Abstand hat und nicht persönlich involviert ist.

- Wenn Ihr Partner nicht bereit ist, etwas zu verändern, bleibt Ihnen immer noch der Weg, alleine seelische Kraft zu tanken. Wie wäre es, wenn Sie sich mit dem Thema "Achtsamkeit" beschäftige? Das ist die Kunst, im Moment zu bleiben und nicht dauernd woanders (bei anderen Menschen) und in der Zukunft (Sorgen!) zu weilen. Die positiven Effekte von Achtsamkeitstrainings oder Meditation haben mittlerweile auch Neurowissenschaftler vielfach bestätigt. Menschen, die regelmäßig meditieren oder achtsam sind, können besser abschalten, fühlen sich ausgeglichener, haben besseren Zugang zu den eigenen Gefühlen und empfinden weniger Schmerzen.


Einführungen in das Thema erhalten Sie durch das Buch: "Im Alltag Ruhe finden. Mediationen für ein gelassenes Leben" von Jon Kabat-Zinn und Theo Kierdorf oder durch die CD "Yoga-Nidra I" aus dem Ananda Verlag. Auch ein Yoga-Kurs kann Ihnen helfen, einen freien Kopf zu finden, Verspannungen im Körper zu lösen und positiver zu denken. Viele Krankenkassen übernehmen übrigens 80 Prozent des Anfängerkurses. Eigentlich wäre es das Beste, wenn Sie Ihren Partner gleich mit zum Yoga oder Achtsamkeitstraining nehmen, aber es kann sein, dass er so verstrickt in seine Probleme ist, dass er den Zugang nicht findet. In dem Fall können Sie ihm vorleben, dass Sie gut für sich sorgen, gerade in dieser Krisenzeit. Sagen Sie sich immer wieder: Man kann nicht den Hund zum Jagen tragen!

Ich hoffe, dass zumindest Sie etwas Abstand von den Problemen bekommen und im Alltag den Kopf über Wasser halten können. Herzliche Grüße, Julia Peirano  

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Kommentare (3)

  • Paul-Merlin
    Paul-Merlin
    Da haben sich zwei für eine Schönwetterbeziehung gefunden. Stürmische und schwierige Zeiten wird diese Beziehung nicht überleben, dazu sind beide Partner viel zu sehr auf sich selbst fixiert. Von daher muss die Beziehung scheitern was letztlich - so hart es klingt - besser sein wird. weil beide nicht willens und in der Lage sind zusätzlich zu den eigenen Problemen sich noch intensiv mit den Schwierigkeiten des jeweils anderen zu befassen.
  • widemax
    widemax
    Frau Anita
    Ihr freund hat doppelte problem mit seine Eltern doppelte problem mit seine Gesundheit
    neue problem mit job
    doppelte problem mit seine freundin ( Anita) weil sie alles noch schlimmer macht und trotz allem verlangt das ihr freund auch noch alles für sie tut was im moment nicht geht
    statt ihn wegen seine eltern zu helfen ( Wohnung pflege....) hat sie Ansprüche
    unmöglich
  • Priscilla Molesworth
    Priscilla Molesworth
    Liebe Anita,
    Sie haben es gerade wirklich nicht leicht. So viele Probleme gleichzeitig sind schwer auszuhalten.
    Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich um praktische Hilfe bemühen. Beauftragen Sie einen Pflegedienst und/oder eine Haushaltshilfe für beide Elternpaare. Schon alleine wenn die Zusatz-Aufgaben Putzen und Einkaufen wegfallen, bleibt wieder wesentlich mehr Freizeit übrig. (Hier spreche ich aus eigener Erfahrung.)
    Eventuell besteht ja auch die Möglichkeit, dass Sie oder Ihr Mann die Arbeitszeit reduzieren. Wenn Sie z.B. beide nur noch eine 4-Tage-Woche hätten, könnte dies die Situation auch erheblich entspannen.
    Und wenn Sie jetzt schon wissen, dass der Urlaub nicht schön wird: Lassen Sie es! Nehmen Sie sich mit Ihrem Mann zusammen kürzere Auszeiten. Ab und zu mal eine Woche oder ein verlängertes Wochenende in der Natur oder in einem schönen Hotel kann Sie wieder näher bringen. Sie müssen nicht ans andere Ende der Welt reisen, nur um dort immer in Sorge zu sein, was daheim gerade passieren könnte.
    Ich denke, Achtsamkeitstraining und Meditation hilft Ihnen vielleicht, die aktuelle Situation besser zu ertragen. Richtiger wäre es aber, Sie würden an der Situation selbst etwas ändern. Holen Sie sich soviel Unterstützung wie möglich. Wenn Sie beide Entlastung erfahren, werden Sie im Alltag wieder entspannter miteinander umgehen können.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Kraft.

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