HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Mein Freund hat ein Kind mit seiner Ex - und ich werde niemals Teil der Familie sein"

Anjas Freund hat schon einen Sohn aus einer Ex-Beziehung. Doch sie ist außen vor und kein Teil der Familie. Und ein Kind mit ihr will er nicht - dafür sei die Trennung damals zu schlecht gelaufen. Wie kann sie damit umgehen?

Wünscht sich eigene Kinder - aber der Freund will nicht

Wünscht sich eigene Kinder - aber der Freund will nicht. Die Trennung von der Ex war zu schmerzhaft.

Getty Images

Hallo Frau Dr. Peirano,

Mein Freund (39) und ich (31) führen seit 2,5 Jahren eine Beziehung und haben nun beschlossen, zusammen zu ziehen. Mein Freund hat einen dreijährigen Sohn und er verbringt jedes zweite Wochenende sowie zwei Tage unter der Woche mit uns.

Erst kurze Zeit, bevor wir angefangen hatten uns zu treffen, sind seine Ex-Freundin und sein Sohn bei ihm ausgezogen und die Trennung verlief nicht gerade einfach. Es steckten einfach zu viel Hass und Vorwürfe hinter der Trennung, sodass auch unsere neue Beziehung bei ihr keine netten Reaktionen hervorrief.

Eigentlich war für mich mit Ende 20 schon klar, dass ich selbst keine Kinder haben möchte, allerdings bin ich von Anfang an mit dem Kleinen sehr gut ausgekommen und er hat sich sehr schnell an mich und die neuen Umstände gewöhnt. Wir haben oft Ausflüge zu Dritt gemacht und schnell war es völlig normal, dass wir die Wochenenden zu Dritt verbracht haben.

Nachdem wir nun ein halbes Jahr zusammen waren und ich das erste Mal in meinem Leben miterleben konnte, wie schön eine Vater-Kind Beziehung tatsächlich ablaufen kann, habe ich meinem Freund verkündet, dass ich mir nun vorstellen kann, auch mit ihm eine Familie zu gründen.

Leider kam die ernüchternde Reaktion meines Freundes. Er sagte,  dass er eine Trennung, bei der ein Kind involviert ist, nie wieder erleben möchte. So kommt ein  weiteres Kind für ihn nicht in Frage. Heiraten würde er und gemeinsam alt werden möchte er auch mit mir.

Auch nach weiteren Versuchen und viel Zeit habe ich das Thema wieder aufgegriffen, aber er bleibt bei seiner Meinung. Zudem kommt mittlerweile der Kommentar, er möchte kein "alter" Vater sein und mit 40 nicht mehr Kinder bekommen. Da ich derzeit noch in einem Studium neben dem Job stecke, wird es mindestens noch 3-4 Jahre dauern müssen, bis ich einen festen Job habe.

Die ganze Situation hat sich nun unbewusst oder aus Trotz auch auf mein Verhalten gegenüber dem Kleinen ausgewirkt. Ich lebe mit meinem Freund und seinem Kind zusammen und habe weder etwas zu sagen, noch kann ich einspringen und z.B. trösten, und das wird mir nicht reichen auf Dauer. Zudem darf der Kleine machen, was er möchte und wird den ganzen Tag betüddelt, was nicht meiner Vorstellung von Erziehung entspricht, aber was soll ich schon durchsetzen können.

Es fühlt sich zwar an wie eine Familie, dennoch werde ich niemals Entscheidungen für den Kleinen treffen bzw. Einfluss auf die Erziehung haben. Ich werde  geschweige denn nicht mal bei wichtigen Ereignissen wie Einschulung oder Geburtstagen dabei sein, da die Mutter des Kleinen mich niemals im Leben Ihres Kindes akzeptieren wird. Auch die Tatsache, dass der Kontakt zur Ex täglich besteht macht mir zu schaffen. Ich fühle mich oft wie das dritte Rad am Wagen und kann momentan nur noch die Zeit zu Zeit wirklich genießen.

Dennoch war ich noch nie so glücklich in einer Beziehung und ich kann mir ansonsten eine lange gemeinsame Zukunft mit meinem Freund vorstellen. Wenn wir zu zweit sind, dann bleibt diese Welt für eine kurze Zeit stehen.

Anja G.


Liebe Anja G.,

Ich kann verstehen, dass Sie in Ihrer Beziehung enttäuscht und ernüchtert sind. Die Aussage, dass Ihr Freund sich nach seiner schlimmen Trennung nie wieder eine Trennung mit Kind vorstellen kann, ist aus seiner Erfahrung zwar absolut verständlich, aber Ihnen gegenüber dennoch ein Misstrauensvotum. Es klingt so etwas mit wie: "Ich rechne auch damit, dass wir beide uns trennen" und "wenn wir uns trennen, wird es eine schlimme Trennung, die auf dem Rücken unseres Kindes ausgetragen würde." 

Diese Pille ist bitter, denn Sie werden quasi in einen Topf mit seiner Ex-Freundin geworfen, und das schmeckt Ihnen bestimmt nicht, gerade bei dem angespannten Verhältnis, das Sie mit ihr haben.

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass vieles noch ungeklärt ist und viele Rollen vermischt werden.

Auf der einen Seite lebt Ihr Freund mit Ihnen zusammen und bezieht Sie auch in die gemeinsame Zeit mit seinem Sohn mit ein. Das spricht für eine feste Bindung. Auf der anderen Seite haben Sie dem Sohn gegenüber nichts zu sagen. Gerade gegenüber einem so kleinen Kind wäre es aber angebracht, dass Sie beide Erziehungsregeln festlegen (z.B. "man muss aufessen, was man sich auf den Teller gelegt hat" oder "jeder hilft beim Tischdecken mit"). Die Regeln, die Ihr Zusammenleben zu dritt betreffen, sollten Sie unbedingt mitgestalten dürfen. Was Entscheidungen über Kindergarten/ Schule / Hobbys etc. betrifft, ist in erster Linie Ihr Partner gefragt, aber es wäre für Ihre Rolle als Stiefmutter sicher förderlich, wenn er Sie um Rat fragt und einbindet, gerade weil Sie ja auch Interesse an dem Kind haben.

Sehr schwierig und ungeschickt ist die Situation, dass Sie als feste Lebenspartnerin aus Familienfeiern ausgeschlossen werden, weil seine Ex-Freundin Sie nicht "akzeptiert". Hier bekommen Sie von Ihrem Freund ein sehr ungutes Signal, was Ihre Position betrifft. Sie stehen etwas im Schatten und dürfen sich um das Kind kümmern, wenn die Ex-Freundin nicht dabei ist. Aber in der Öffentlichkeit diktiert sie ihm immer noch die Bedingungen in die Feder. Es wäre sehr wichtig, dass Sie mit Ihrem Freund über diesen Punkt sprechen und darauf bestehen, dass er zu Ihnen steht, auch vor seiner Ex-Freundin. Und wenn sie nicht dazu bereit ist, mit Ihnen gemeinsam Geburtstag oder die Einschulung zu feiern, wäre es immer noch möglich, getrennt zu feiern.

Mit Ihrer Ausgrenzung gibt man dem Sohn Ihres Partners zu verstehen, dass Sie nicht zählen, sondern einzig und allein seine leiblichen Eltern. Es gibt aber jetzt ein neues Familienmodell: Der Vater hat mit Ihnen eine neue Lebenspartnerin, und die Mutter ist derzeit alleine. Aus meiner Sicht wäre es auch günstig, wenn Sie Kontakt zu der Ex-Freundin aufnehmen, auch im Interesse des Kindes. Ein kleines Kind braucht es, dass die wichtigen Bezugspersonen kooperieren, z.B. wegen Allergien, Krankheiten, Fernsehzeiten, schlechten Angewohnheiten, Reisen, Kleidung etc.

Ich denke, dass bisher viel Integrationsarbeit nicht passiert ist, die Patchworkfamilien nun einmal erfordern. Es wäre wichtig, dass Sie sich da mit Ihrem Partner besprechen und ihm klar sagen, welchen Platz Sie einnehmen wollen- und welchen nicht.

Zu dem Thema eigenes Kind kann ich nur sagen, dass Ihr Partner Ihnen eine unmissverständliche Ansage gemacht hat. Er möchte kein weiteres Kind. Ich würde Ihnen raten, dass Sie das als gegeben hinnehmen und sich lieber überlegen, ob es für Sie in Ordnung ist, keine eigenen Kinder zu haben. Wenn nicht, sind Sie jung genug, mit einem anderen Partner selbst eine eigene Familie zu gründen.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

Wissenscommunity