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Julia Peirano: "Ich hatte einen One-Night-Stand – soll ich es meinem Mann beichten?"

Auf einem Seminar begegnet Christiane einem sehr attraktiven Kollegen – und verbringt eine heiße Nacht mit ihm. Jetzt quält sie die Frage: Soll sie alles ihrem Mann beichten oder besser den Mund halten?

Seitensprung in der Beziehung

Seitensprung in der Beziehung: Beichten oder schweigen?

Liebe Frau Peirano,

ich, 45, habe meinen Mann nie betrogen. Ich kann es kaum glauben, aber vor zwei Wochen ist es dann doch passiert, auf einem Seminar in Norddeutschland. Da war ein Kollege, den ich auf Anhieb unglaublich attraktiv fand. Er ist genau mein Typ, dazu witzig, locker und kann sehr gut flirten. Und er hatte nur Augen für mich und gab mir das Gefühl, begehrenswert zu sein. Nach einem langen Abend an der Hotelbar (und natürlich auch ein paar Drinks) konnte ich ihm nicht mehr widerstehen. Ich habe mir gedacht: Du lebst nur einmal, und so eine Chance kannst du dir nicht entgehen lassen. Mir ist auch bewusst, dass ich älter werde und ich frage mich oft, wann die Männer aufhören, mir hinterherzuschauen. Das ein solcher Traummann mich wollte, hat mir sehr geschmeichelt.

Wir sind also in sein Hotelzimmer gegangen und hatten Sex. Tollen Sex. Es passte alles. Am nächsten Morgen rief mein Mann mich an. Das Gespräch kam mir vor wie durch Watte. Und plötzlich meldete sich mein schlechtes Gewissen und ich fragte mich: Was hast du bloß getan?
Jetzt überlege ich hin und her, ob ich es ihm sagen soll oder sogar muss, damit unsere nicht kaputt geht. Mein Kollege ist übrigens auch verheiratet und wohnt 400 km weit weg. Es war also eine einmalige Sache.

Was raten Sie mir?

Christiane M.

Liebe Christiane M.,

ich denke, dass es auf Ihre Frage nur zwei vernünftige Antworten gibt, und beide haben ihre Berechtigung.
Die eine Antwort lautet: So etwas passiert nicht aus heiterem Himmel, sondern ist in der Regel ein Anzeichen dafür, dass die innere Verbindung zum Partner brüchige Stellen hat. Es ist also ausgesprochen wichtig, dass Sie sich jetzt Gedanken machen und nachspüren, wie es um Ihre Ehe bestellt ist. Reden Sie viel und offen miteinander? Verbringen Sie genug schöne Zeit miteinander? Ist es in Ihrer Ehe – nicht nur sexuell – auch anregend und spannend? Geben Sie einander genug Bestätigung, auch in Ihrer Attraktivität? Am besten wäre es, wenn Sie mit Ihrem Partner darüber sprechen, wie Sie beide sich gerade in Ihrer Beziehung fühlen, was Ihnen fehlt und was Sie sich wünschen. Wäre er bereit zu Gesprächen?


Wenn Sie Ihrem Partner erzählen würden, was Ihnen passiert ist, wäre er wahrscheinlich verletzt, schockiert, enttäuscht oder wütend. Aber er wüsste, dass etwas nicht stimmt, weil er ein Alarmzeichen gesehen hat. Wenn Sie ihm hingegen nichts erzählen, wiegt er sich in falscher Sicherheit, und Sie nehmen ihm die Chance, verstärkt an Ihrer Ehe zu arbeiten. Das kann dazu führen, dass Sie sich auf Dauer noch weiter voneinander entfernen. Ihr schlechtes Gewissen könnte noch weiter dazu beitragen, dass Sie ihn nicht mehr an Ihren innersten Gefühlen teilhaben lassen. Insofern wäre es zwar schmerzhaft, aber auch auf Dauer heilsam, ihn einzubeziehen.


Es gibt allerdings eine andere Antwort, die genau zum Gegenteil rät: Bei einem einmaligen Seitensprung wäre es unfair, den Partner zu verletzen und zu belasten. Sie hatten eine schöne Nacht mit einem attraktiven Kollegen – wenn Sie Ihrem Mann davon erzählen, wäre es für ihn alles andere als schön. Er wäre verletzt, schockiert und bekommt vielleicht die Bilder nicht aus dem Kopf. Möglicherweise wäre er in Zukunft eifersüchtig, wenn Sie alleine wegfahren, und auch das würde Ihre Beziehung belasten. Es wäre also schonender für Ihren Partner und Ihre Beziehung, wenn Sie ihm nichts sagen.

Sie sehen, wie kontrovers die Antworten sind. Beide haben ihre Berechtigung, und beide bergen ihre Gefahren. Ich kann Ihnen also keinen klaren Rat geben, sondern Ihnen nur ein paar Fragen stellen, die Ihnen helfen können, Ihren eigenen Weg damit zu finden. 

1. Wäre es überhaupt möglich, dass diese Geschichte für immer geheim gehalten wird? Das denkbar schlechteste, was passieren könnte, wäre folgendes: Die Geschichte käme durch einen Zufall ans Licht (z. B. der attraktive Kollege meldet sich wieder und Ihr Mann liest die SMS) oder Sie "beichten" Ihrem Mann in einem schwachen Moment Monate oder Jahre später, was passiert ist. Damit garantieren Sie, dass er das Vertrauen verliert, denn Sie haben ihn zum einen betrogen und zum anderen lange geschwiegen. Deshalb ist mein Tipp: Entweder Sie erzählen es Ihrem Mann so schnell wie möglich, oder Sie entscheiden sich, für immer darüber zu schweigen.


2. Wenn die Geschichte Ihrem Mann passiert wäre – was würden Sie von ihm verlangen? Wäre es Ihnen lieber, alles zu wissen und sich entscheiden zu können, wie Sie weitermachen? Oder fänden Sie es schonender, wenn Sie nichts davon erfahren?

3. Was würden Sie nächstes Mal machen, wenn Sie in der gleichen Situation wären, und zwar mit den Erfahrungen, die Sie jetzt gemacht haben? Würden Sie Ihren Mann wieder hintergehen – entweder mit dem gleichen Kollegen oder jemandem anders? Oder sagen Sie sich: Nie wieder, einmal reicht mir? Was für Konsequenzen hätte es für Ihre Gefühle gegenüber Ihrem Mann und für Ihre Ehe, wenn Sie Ihren Mann nochmals oder sogar regelmäßig betrügen würden?

Ich hoffe, dass Sie zu einer verantwortungsvollen Entscheidung kommen!

Herzliche Grüße Julia Peirano 


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Kommentare (16)

  • Corwin
    Corwin
    Wenn wir Maschinen wären, würden die aufgezählten Punkte wie Biologie, Gefühle, Zwänge, Ängste keine Rolle spielen. Im richtigen Leben sind sie aber neben den offiziellen Spielregeln wesentlich für das Verständnis des menschlichen Zusammenlebens. Und das zu ignorieren erscheint mir tatsächlich etwas ignorant.
    Jeder kann das Konzept vertreten, das er will. Und das Konzept, das von Volkstribun vertreten wird, würde mich nicht glücklich machen. Muss es zum Glück auch nicht.
    Im übrigen gibt es in der Diskussion neben einem Zitat auch die Stilmittel der Übertreibung, Ironie, Metapher oder Interpretation, um seine Meinung zu illustrieren. Solange wir als nicht an einem wissenschaftlichen Bericht arbeiten, werde ich diese weiterhin benutzen.
  • Volkstribun
    Volkstribun
    Hahaha, da hat sich jetzt also die Fremdgänger-Elite im Stern-Forum zusammengefunden und spielt sich hier gegenseitig die Bälle zu...

    Dabei werden schön die Tatsachen verdreht (von einklagbaren Gefühlen hat hier nie jemand gesprochen), spitzfindig über Begrifflichkeiten diskutiert (Zitat: "Hintergehen? Geht es etwas kleiner?" - Betrügen - Ja/nein - Zu hart in der Wortwahl), Sachverhalte erfunden die so nie geäußert wurden (Religion kam in meiner Argumentation nicht einmal vor) und sich so gegenseitig das verdrehte Weltbild bestätigt. (Und das waren nur ein paar wenige Beispiele!)

    Weiterhin werden immer neue Ausreden gefunden, warum das propagierte Verhalten gerechtfertigt ist. Eure ganzen Texte bestehen praktisch nur aus Ausreden, Unterstellungen, Spitzfindigkeiten und Interpretationen bezüglich Aussagen, die so nie gemacht wurden. Merkt ihr das eigentlich wirklich nicht?

    Dieses sinnlose Herauspicken einzelner Zitate und dann kleinlich über einzelne Ausdrücke diskutieren zu wollen, grenzt übrigens schon an Rabulistik. Wenn ihr anderen Leuten permanent Worte in den Mund legt, kann man doch nicht sinnvoll diskutieren. Versucht doch lieber mal zu verstehen, worauf ich hinauswill. Auf die momentane Art und Weise kommen wir niemals zu einem Erkenntnisgewinn. Ich versuche es daher noch ein letztes Mal:

    Es spielt keine Rolle, ob es ein einmaliger Fall war, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, ob Alkohol im Spiel war, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, ob sie Verletzen wollte, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, ob sie wusste worauf sie sich einlässt, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, ob die Vereinbarung erfüllbar ist, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, ob sie übermannt wurde, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, ob sich dadurch negative Konsequenzen ergeben, oder nicht.
    Es spielt keine Rolle, wie schwer es ist über Gefühle zu sprechen.
    Absolut KEINE eurer gemachten Ausreden / Relativierungen spielt eine Rolle!
  • Volkstribun
    Volkstribun
    Vielleicht versteht ihr es, wenn ich das korrekte Verhalten nochmal aufzeige:
    Wenn ich merke, dass meine Partnerin meine Bedürfnisse nicht / nicht mehr erfüllt, dann spreche ich mit ihr darüber. Anschließend arbeiten wir GEMEINSAM an einer Problemlösung. Sollte es sich am Ende der Reise herausstellen, dass eine gemeinsame Lösung nicht möglich ist, gibt es unzählige Methoden damit umzugehen: Trennung, Scheidung, offene Partnerschaft, polyamouröse Beziehung, Swingerclub, Tinderdates, etc. pp.

    Was gar nicht geht, ist ein einseitiges Hintergehen und Lügen! Das ist und bleibt nun mal hinterhältig! Eine Partnerschaft basiert auf Vertrauen. Das schließt einseitige Handlungen, die der Partner nicht möchte, hinter seinem Rücken aus! Und daran ändern eure Spitzfindigkeiten bezüglich irgendwelcher Begriffe überhaupt nichts.

    Was ihr hier immer wieder fordert ist Rosinenpickerei! "Wasch mich, aber mach mich nicht nass!" Alle Vorteile einer Partnerschaft, ohne die Nachteile. Meine Bedürfnisse vor allem anderen! Solange die Wahrheit nicht rauskommt, muss ich auch nicht mit den Konsequenzen leben! Im Prinzip also: Ich, Ich Ich!

    Und kleiner Hinweis: Mit dem ständigen albernen Einschlagen auf die Moral lässt sich auf keinen Fall jede Art von schäbigem Verhalten rechtfertigen!

    Was ist denn eigentlich so schwierig daran, mal aufzuhören so feige zu sein, zu euren Handlungen zu stehen, und eine unbefriedigende Partnerschaft zu beenden? Statt dessen wird gelogen und hintergangen, weil man die sonstigen Vorteile der Beziehung nicht verlieren will. Das ist egoistisch bis zum Anschlag!
  • Volkstribun
    Volkstribun
    Die Fremdgeher, die ich kenne, teilen sich auch exakt in diese zwei Kategorien auf. Zum einen diejenigen die 100 Ausreden haben, warum es ihr gutes Recht ist zu Betrügen und dann diejenigen, die zwar wissen, dass sie sich daneben benehmen, aber einfach zu feige sind, dazu zu stehen und einen klaren Cut zu machen. Die Wenigsten sind noch bereit mit erhobenem Haupt durchs Leben zu gehen und die Konsequenzen für die eigenen Handlungen zu tragen. Lieber wird an der Realität rumgedreht und Ausreden ohne Ende gefunden...

    Und nochmal ganz deutlich: Mir geht es dabei nicht rein um die Sexualität, sondern um die generelle Einstellung zur Partnerschaft!

    Und was mich tatsächlich provoziert ist nicht unbedingt euer schräges Weltbild, sondern eure schiefe Diskussionskultur!

    So, das war mein letzter Beitrag zu dem Thema, denn eine Weiterführung der Diskussion macht leider absolut keinen Sinn, ihr versucht ja noch nicht einmal den gegenteiligen Standpunkt zu verstehen, daher beenden wir das jetzt!
  • Corwin
    Corwin
    Jetzt habe ich doch zu früh gelobt und die Träger der moralischen Keule sind wieder auf den Platz getreten. Verpackt mit dem Wörtchen Vertrauen versuchen sie, Gefühle einklagbar zu machen.
    Und das "ich gebe dir nicht, was du brauchst, aber hole es ja nicht woanders" wird in wohlgeformte Worte gekleidet. Dadurch wird es aber nicht richtiger.
    Der Ansatz: "ich will dich, solange du so bist, wie ich es haben will" scheitert immer irgendwann, weil niemand perfekt ist.
    Der andere nicht und man selbst auch nicht. Nur mit dieser Erkenntnis und Gelassenheit kann etwas von Bestand gelingen.

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