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Bildung im Angebot: Kaffeeröster verkauft Studienplätze

Nach Kaffee, Handys und Designerklamotten bietet Tchibo nun auch einen Fernstudiengang zum Schnäppchenpreis an. Gewerkschaftler warnen vor dem Ausverkauf der Bildung, andere sehen darin erst den Anfang einer unaufhaltbaren Marktentwicklung.

Von Tonio Postel

Als Brigitte Hörnke kürzlich ihren elektronischen Postkasten durchstöberte, widmete sie sich besonders lange einer Nachricht aus ihrem Spam-Mail-Ordner, in welchen gewöhnlich unerwünschte Werbebotschaften hineinflattern. Die Nachricht kam von Tchibo und war hochinteressant für die 48-jährige Industriekauffrau aus Hamburg. Denn das Angebot des viertgrößten Kaffee-Produzenten weltweit pries weder Bohnen noch einen besonders erschwinglichen Morgenrock an, es ging vielmehr darum, den Kunden einen BWL-Fernstudiengang an der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH) schmackhaft zu machen. Wer sich noch bis zum 31.12. über Tchibo dort einschreibe, heißt es da, könne insgesamt fast 3400 Euro sparen.

"Das Studium ist viel günstiger als bei anderen Anbietern; für alle, die das machen wollen, perfekt", sagt die künftige Studentin Brigitte Hörnke, die das dreijährige Studium neben ihrem eigentlichen Job in einem Schweißtechnik-Betrieb absolvieren wird. Zwei Mal hat sie in der Vergangenheit bereits ein Studium abgebrochen, aber jetzt passe alles: "Geld und Familienplanung." Deshalb zögerte sie nach der Lektüre des angeforderten Informationsmaterials auch nicht lange mit ihrem Zuschlag - und wird damit am 1. Juni 2008 beginnen.

Nachhilfestunden für Schüler im Angebot

Dass Tchibo nicht nur Kaffee verkauft sondern längst auch Mobiltelefone, Versicherungen oder Reisen feilbietet, ist bekannt. Und selbst der Ausflug in die Welt der Bildung ist nicht ganz neu: Bereits im Frühjahr wurden Nachhilfestunden für Schüler angeboten, die offenbar so gut ankamen, dass man nun einen ganzen Studiengang ins Sortiment hievte.

"Wir wollten auf die Marke Tchibo aufmerksam machen und unsere Kunden überraschen", sagt Tchibo-Sprecherin Janna Dreher über die ungewöhnliche Aktion. PFH-Präsident Bernt Sierke verweist auf einen gesellschaftlichen Auftrag, den die Uni auf diesem Wege erfülle: "Wir wollen in Deutschland doch mehr Akademiker und so ein lebenslanges Lernen unterstützen." Durch die Platzierung im Tchibo-Sortiment konfrontiere man eine breite Öffentlichkeit mit dem Thema Bildung und verschaffe ihnen dadurch die Chance, einen akademischen Abschluss nachzuholen. "Tchibo hilft ihnen beim Erklimmen der Karriere-Leiter", lautet die Eigenwerbung. "Wer in die Management-Ebene aufsteigen möchte, für den ist ein betriebswirtschaftlicher Abschluss unumgänglich."

Hochschule soll "positiv am Markt bleiben"

Doch aus reiner Uneigennützigkeit handelt die ohne öffentliche Gelder wirtschaftende Uni nicht. Präsident Sierke formuliert es so: "Ich bin Hochschulmanager, auch Unternehmer und dafür verantwortlich, dass wir positiv im Markt bleiben." Über diesen Effekt können sich wohl beide Seiten freuen, denn die Nachfrage ist riesig: Bereits in der ersten Woche des Angebots registrierte die Fachhochschule über 3500 Informations-Anfragen, bislang studieren an der PFH 370 Fern- und 300 Präsenzstudenten. Die lernwilligen Massen wolle die Uni ab Februar 2008 in "Lehrzentren" für Fernstudenten in ganz Deutschland unterbringen, sagt Sierke. Er legt dabei Wert auf die Feststellung, dass Tchibo lediglich die Plattform für den Studiengang anbiete und das Studium nur an der Göttinger Fachhochschule stattfinde.

Friede, Freude, Eierkuchen also? Nicht alle freuen sich über die voranschreitende Privatisierung der Bildung - und dass man diese jetzt auch bei Tchibo kaufen kann. Manche fürchten, Bildung verkomme auf diesem Weg zur Ware. Zum Beispiel Klaus Bullan, Vorsitzender des Hamburger Regionalverbandes der Bildungsgewerkschaft GEW. Er sieht in den Tchibo-Filialen nicht das richtige Umfeld für Bildungsangebote: "Es ist einfach nicht glaubwürdig, dass man sich zwischen Handtüchern für ein Studium entscheidet." Es sei fatal, dass die Studienbedingungen an staatlichen Unis immer schlechter würden, man dort Studiengebühren zahlen müsse und es immer weniger Lehrer gebe. "Da kann man verstehen, dass die Studenten auf private Unis gehen", sagt Bullan. Bildung dürfe aber nicht vom Geld abhängen, so der Gewerkschaftler. Gegen das Argument des PFH-Präsidenten Sierke, gute Bildung habe eben seinen Preis, wendet Bullan ein, dass der Steuerzahler bereits seinen Teil beitrage. "Zusätzliche Bildungskosten sind ungeheuerlich", sagt GEW-Mann Bullan. "Das gilt für Kitas, Schulen und Unis."

Wird Bildung zur Ware?

Birgit Gebhard, die für das Trendbüro in Hamburg Entwicklungen und gesellschaftlichen Wandel verfolgt, prognostiziert eine Zweiklassen-Gesellschaft. Denn die Bundesregierung forciere bewusst die Privatisierung der Bildung: "Bildung wird zum Angebot des Marktes und wie Ware verkauft:" Hochschulen verstünden sich zunehmend als Unternehmen, die sich auf dem Markt behaupten müssten und ihren Bildungsauftrag den wirtschaftlichen Überlegungen anpassen müssten. "Der Exzellenz-Kampf der Unis ist ein Beispiel dafür", sagt Gebhardt.

Die Kooperation zwischen Tchibo und der Fachhochschule überrascht sie keinesfalls, denn andere Unternehmen haben die Erweiterung ihrer Marke schon vorher vorangetrieben: C&A und Rossmann verkauften Kredite, die "Bild"-Zeitung handelt mit Handyverträgen, das sei eine "normale Marktentwicklung". Auch in Nürnberg und Würzburg gilt dieses Gesetz: die Uni in Nürnberg nannte ihren Hörsaal nach dem Wunsch einer Bank und der Zahlung von 13.000 Euro "EasyCredit-Hörsaal", die Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt einen ihrer Räume nach dem Erhalt einer fünfstelligen Summe "Aldi-Süd-Raum". Birgit Gebhardt ist überzeugt: "Wer die Nähe zum Kunden hergestellt hat, kann ihnen alles verkaufen."

Im Fall von Tchibo lässt sich diese Nähe offenbar besonders gut bei einer Tasse Kaffee oder abends beim durchstöbern der elektronischen Post anbahnen.

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