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Callcenter: Mein Leben als Telefon-Terroristin

Telefonwerbung ist grausam - nicht nur für den Angerufenen. Lügen, Beschimpfungen und ein Hungerlohn sind in Callcentern an der Tagesordnung. Wozu Studenten und Hausfrauen für ein paar Euro bereit sind, hat unsere Mitarbeiterin Mareike Rehberg hautnah erlebt. Sie kann gut verstehen, dass das Gesetz gegen unerwünschte Anrufe verschärft werden soll.

"Kommunikative Allround-Talente im Outbound-Bereich gesucht" – so lautete die Anzeige, die mir einen Einblick in die Abgründe der deutschen Dienstleistungsgesellschaft gewähren sollte. Ich hatte mir Callcenter immer so vorgestellt: große Büroräume, Menschen in Businesskleidung, einschmeichelnde Stimmen. Mein neuer Arbeitsplatz dagegen war ein muffiges Kabuff in Berlin. Zusammen geschobene Tische, staubige Plastikpflanzen und überall Weinflaschen, Plastikgläser und Rotweingelee. Das waren Geschenke für die Menschen, denen wir unsere Vertreter auf den Hals hetzten. Anzugträger, die mit Koffern voll Wein durch ganz Deutschland zogen, um ahnungslosen Witwen überteuerte Flaschen anzudrehen. Schon am ersten Arbeitstag sollte ich mich verpflichten, nicht über meine Arbeitsbedingungen zu sprechen, das sei gegen das Gesetz.

Ich habe Leute in Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen belogen, alte Frauen zu ihrem Gewinn beglückwünscht und schmerzhafte Beschimpfungen über mich ergehen lassen - alles für fünf Euro in der Stunde. Alle 50 Minuten mussten wir eine unbezahlte Zwangspause von zehn Minuten einlegen, um unsere Stimme zu regenerieren. Meine Kolleginnen gingen vor die Tür – eine rauchen. Gabi (alle Namen geändert), eine verbrauchte Hausfrau mit Vogelnest auf dem Kopf, war unsere Brigadeleiterin, hatte einen Stein im Brett beim Chef, einem korpulenten Typen von Ende 30 mit Schmiere in den Haaren. Sabine, eine 20-jährige Mutter aus Marzahn, lispelte, musste aber irgendwie das Geld für die Windeln aufbringen. Nadine, 16 und ohne Abschluss, ging vor und nach der Arbeit ins Fitnesscenter. Ab und zu kamen zwei der Vertreter vorbei: Ein stark schwitzender Brandenburger und ein blondes Mannsweib mit einer whiskygeölten Stimme.

Für acht Stunden Arbeit am Tag kam ich auf 33 Euro. War ein naiver Arbeitsloser oder ein 18-jähriger Azubi auf meine Masche angesprungen, erhielt ich eine Prämie von zwei Euro. Wir hatten Listen von Festnetzanschlüssen aus ganz Deutschland, woher weiß ich nicht, vermutlich irgendwo gekauft oder aus dem Telefonbuch kopiert. Fest steht nur, dass das Gewinnspiel, an dem die Angerufenen angeblich teilgenommen haben, niemals stattfand. Unsere Aufgabe bestand darin, den Weinvertretern Termine zu verschaffen.

"Einen wunderschönen guten Tag, ich rufe an, weil Sie im vergangenen Herbst an unserem Gewinnspiel über Weine aus deutschen Landen teilgenommen haben. Sie wurden jetzt als Gewinner ermittelt und wir würden Ihnen gerne Ihr Geschenk überbringen." Diesen Spruch konnte ich bald auswendig. Entweder konnte sich der Angerufene abstruserweise tatsächlich an das Gewinnspiel erinnern – dann hatte ich meistens leichtes Spiel. Anderenfalls verwies ich auf Familienmitglieder. Wer genau teilgenommen hatte, gehe nicht aus meinen Unterlagen hervor, so meine Ausrede.

Besonders begehrt waren alte Menschen, vor allem Frauen. Hatte man die Telefonliste eines Dorfes in der mecklenburgischen Provinz ergattert, wurde der Tag erfolgreich. In ein Fettnäpfchen trat ich allerdings regelmäßig: Wenn ich auf den Ehemann verwies, der vor elf Monaten um unseren Gewinn spielte, begegneten mir viele meiner Opfer mit Empörung: "Mein Mann ist seit 15 Jahren tot." Tja, Pech gehabt. Meine Frechheit kannte aber Grenzen, die von meinen Kollegen mit Freude durchbrochen wurden: Profit aus geistig verwirrten oder offenkundig an Alzheimer erkrankten Menschen zu ziehen, war mir zuwider. In dem Fall führte ich einen netten Plausch, brach dann aber das Gespräch so schnell wie möglich ab. Gabi und Nadine waren das dagegen die liebsten Gesprächspartner - auf der Jagd nach der Zwei-Euro-Prämie wird man schnell gierig.

Ich habe mein Callcenter-Experiment nach einer knappen Woche abgebrochen, Putzen und Babysitten erschienen mir weniger teuflisch. Den Arbeitsvertrag, den ich in zweifacher Ausfertigung unterschrieben hatte, bekam ich übrigens nie gegengezeichnet zurück.

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