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Debattierclubs: Wenn Studenten plötzlich über "Gelb" reden sollen

Debattierclubs sind relativ neu in Deutschland. Vor etwa drei Jahren spross die Debattierlust an den Unis - mittlerweile gibt es rund 35 Clubs, die fast alle aus Studenteninitiative entstanden sind.

"Gelb" ruft die Studentin dem jungen Mann zu, der sich durch die Stuhlreihen der etwa 30 Zuhörer in Richtung Rednerpult zwängt. Ein schadenfrohes Raunen geht durch die Gruppe, und der Redner holt tief Luft, räuspert sich. "Gelb, meine Damen und Herren", beginnt er, "Gelb, das ist so eine Zwischenfarbe. Auf der Ampel steht sie zwischen Rot und Grün, man weiß nie ob man jetzt fahren darf oder nicht." Zumindest den ersten Satz seiner zwei Minuten Stegreifrede hat der Politikstudent gefunden und damit das Schlimmste hinter sich. Er ist Mitglied im Debattierclub München und trifft sich hier einmal pro Woche zur Redeschlacht.

Debattierclubs sind relativ neu in Deutschland. Die Tradition kommt aus England, dort entstand sie im ersten Parlament Europas. In Deutschland wurden vor etwa drei Jahren die ersten Clubs gegründet, in Tübingen, München, Berlin und Münster spross die Debattierlust an den Unis. Inzwischen gibt es rund 35 Clubs. Fast alle sind aus Studenteninitiativen entstanden.

Teilnehmer können nicht beeinflussen, ob sie Pro oder Contra reden

In München werden nach dem Aufwärmen neun Redner per Los gezogen, jeweils drei kommen in eine Gruppe. Die Teilnehmer können nicht beeinflussen, ob sie Pro oder Contra reden, oder ob sie einen freien Standpunkt wählen dürfen.

Jetzt lautet das Thema: "Einem Ärzteteam ist die Transplantation eines ganzen Gesichts gelungen. Sollen wir diese Technik zulassen?" 15 Minuten können sich die Parteien mit einigen Zeitungsartikeln vorbereiten. Dann beginnt das Duell.

"Wir brauchen diese Technik, um Entstellten zu helfen, meine Damen und Herren. Wir brauchen sie, um die Aussätzigen von heute wieder in unsere Mitte zurückzuholen." Im Schlagabtausch von jeweils dreieinhalb Minuten ringen die Redner um die Meinung des Publikums. Zuschauer stellen Zwischenfragen, einzelne rufen: "Hört, hört!"

"Diese Position ist nicht nur völlig gesichtslos, nein, sie ist auch völlig gewissenlos. Sie öffnet dem Missbrauch Tür und Tor!", argumentiert der Kontrahent.

Spenden und Sponsoren unterstützen den Münchner Club

Thomas Hamm ist seit 2001 dabei, Vorstand und Gründungsmitglied des Münchner Clubs, für deutsche Verhältnisse also ein alter Hase. "Am Anfang hatten es die Debattierclubs schwer an deutschen Unis und Schulen", erinnert er sich. Obwohl viel darüber diskutiert wurde, wie die Universitäten im internationalen Vergleich wieder besser dastehen könnten und welche Konsequenzen aus der Pisa-Studie zu ziehen seien, wurden die Debattierfans vielerorts abgetan. Als der Berliner Club den Schulen der Umgebung anbot, Redeschlachten vorzuführen, um die Schüler dafür zu begeistern, lehnten die Schulleiter ab. Das sei ihnen zu propaganda-orientiert, hieß es.

An der Münchner Uni war es ähnlich. Anfangs wollte man den Studenten noch nicht einmal einen Raum zur Verfügung stellen. Dann, als die Münchner letztes Jahr das Finale der deutschen Meisterschaft ausrichteten, und Clubs aus dem ganzen Land anreisten, verlangte die Uni für den Audimax eine saftige Miete. Doch sie brachten das Geld auf - über Spenden und Sponsoren.

"Debattieren ist die Grundlage der Demokratie"

Inzwischen haben sich die jungen Redebegeisterten etabliert. Besonders aus der Wirtschaft bekommen sie Unterstützung, aber auch von den Kultusministerien. Es gibt einen bundesweiten Debattierwettbewerb unter mehr als 300 Schulen, der mit 4,5 Millionen Euro Stiftungsgeldern verschiedener Unternehmen finanziert wird und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stattfindet.

"Debattieren ist die Grundlage der Demokratie", sagt Mareike Claus von der federführenden Hertie-Stiftung. Darüber hinaus fördert es die Sachkenntnis und das Ausdrucksvermögen. Auch international sind die Deutschen jetzt dabei. Ende April fahren deutsche Teams zur Europameisterschaft nach Durham in Irland. Angesichts der eloquenten Konkurrenz aus Oxford und Cambridge gesteht der Münchner Stefan Marx: "Na ja, man kann noch viel von denen lernen."

Christian Bader, AP

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