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Erfahrungsbericht: Harter Schulweg Deutschland

Kernaufgabe der Kultusministerkonferenz ist die Sicherung vergleichbarer Qualitätsstandards in allen Schulen. Ein Ziel, das die Institution weit verfehlt, wie stern.de-Mitarbeiterin Claudia Fudeus schmerzlich zu spüren bekam.

Als ich in die Grundschule kam, lernten wir mithilfe bunter Klötze und Stöckchen aus Holz die Grundlagen des Rechnens. Dass Klötze und Stöckchen mich meine ganze Schulzeit über begleiten würden, ahnte ich damals noch nicht. Doch die Kombination aus deutschem Schulsystem und der eifersüchtig bewachten Kultushoheit der Bundesländer hält für Schüler, die häufig den Wohnort wechseln, jede Menge Hürden bereit. "Eine wesentliche Aufgabe der Kultusministerkonferenz besteht darin, durch Konsens und Kooperation in ganz Deutschland für die Lernenden, Studierenden, Lehrenden und wissenschaftlich Tätigen das erreichbare Höchstmaß an Mobilität zu sichern."

Dieser Satz aus der Selbstdarstellung der Kultusministerkonferenz (KMK) auf ihrer Website muss jedem, der in mehr als einem deutschen Bundesland zur Schule gegangen ist, wie purer Hohn erscheinen. Oder als Beweis dafür dienen, dass die KMK ihre selbst definierten Hausaufgaben sträflich vernachlässigt.

Nach gerade mal einem halben Jahr Grundschulzeit wechselte ich das erste Mal Schule und Bundesland, als meine Familie von Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen zog. Nun gut, in einem halben Jahr konnte man noch nicht so viel falsch machen. Die bunten Rechenklötze waren zwar nicht mehr gefragt, dafür gab es aber selbst gemachte Handpuppen aus Strümpfen fürs Lesen lernen. Und einen ganzen Stapel niedersächsischer Schulbücher, die im Schrank verstaubten, weil keines davon in Nordrhein-Westfalen verwendbar war. So etwas kann insbesondere finanzschwache Familien mit mehren schulpflichtigen Kindern ganz schön belasten. Andere schulische Versäumnisse waren zunächst einmal eigene Schuld - so schickte meine Mutter mich am evangelischen Reformationstag nicht in die Schule, weil sie vergessen hatte, dass das in Nordrhein-Westfalen gar kein Feiertag ist.

Von der Grundschule ins Gymnasium fand dann in Nordrhein-Westfalen auch mein einziger regulärer Schulwechsel statt. Zwei Jahre mit Fußball spielen im Sportunterricht, Parteiengründungen und Parlamentswahlen im Politikunterricht und einem sowohl lockeren als auch expliziten Sexualkundeunterricht folgten. Dass das nicht Schulalltag im ganzen Bundesgebiet ist, zeigte der nächste Umzug: von Nordrhein-Westfalen nach Bayern. Rückblickend kommt mir gerade dieser Umzug wie eine Tour de France unter den Schulwechseln vor.

Zunächst fing es jedoch - aus Schülersicht - hervorragend an: mit fast drei Monaten Sommerferien. Denn Nordrhein-Westfalen stand ganz am Anfang des Sommerferienkarussells zwischen den Bundesländern, wohingegen Bayern traditionell so spät wie möglich Ferien machte. Vom 23. Juni bis zum 10. September gab es also erst einmal jede Menge freie Zeit. Hätte ich meine neuen Schulbücher schon in den Ferien gesehen, hätte ich jedoch viel Beschäftigung gehabt. Denn mit Unterrichtsbeginn stellte ich fest, dass meine neue Klasse der alten stellenweise um Schuljahre voraus war. Während wir zwei Jahre lang im Musikunterricht nur gesungen hatten, waren hier Musiktheorie, Instrumentenkunde und Notendiktate durchgenommen worden. Und auch in anderen Fächern hinkte ich hinterher, ohne jemals den Unterricht geschwänzt zu haben. Das war insbesondere deshalb störend, weil ständig Tests im Unterricht geschrieben wurden, die sich gewaschen hatten - dafür nannten sie sich allerdings stilvoll "Extemporalen". Drei Monate und stapelweise Hefte hilfsbereiter Mitschüler später hatte ich endlich das Gefühl, ganz normal am Unterricht teilnehmen zu können. An fast allem: Fußball spielen im Sportunterricht - das gab's hier nur für Jungs. Gleiches galt für Hockey. Mädchen hatten dafür die Wahl zwischen Turnen und Gymnastik. Noch mehr verwunderten mich allerdings die Gerüchte, dass an Sexualkunde hier überhaupt nicht zu denken sei und der Direktor diese Seiten persönlich aus den Schulbüchern schneide, bevor die 8. Klasse mit dem Unterricht beginnen könne. Wie viel Wahres da dran war, konnte ich leider nicht mehr überprüfen - zu dem Zeitpunkt waren wir bereits nach Baden-Württemberg gezogen.

Von allen Schulwechseln war das wahrscheinlich der angenehmste - wegen unterschiedlicher Regelungen der Bundesländer zu Klassenfahrten ging mir zwar eine solche verloren, da man im Ländle zu Jahresbeginn fuhr, in Bayern jedoch erst zu Jahresende. Auch ein Jahr Erdkunde blieb irgendwo auf der Strecke, was dazu führt, dass ich bis heute nicht die deutschen Flüsse und Mittelgebirge aufzählen kann - außer die, die ich durch Umzüge kennen gelernt hatte. Doch was sollte einen nach der harten bayrischen Schule noch schrecken können? Meine Lateindeklinationen und Grammatikformen sollten mir noch jahrelang gute Dienste leisten. In einem Punkt ist Baden-Württemberg allerdings noch härter als sein Nachbar: Mathe ist Pflichtfach im Abi, für Bayern hätte mir eine beliebige Naturwissenschaft gereicht.

Was auch Jahre später noch bleibt, ist die Erkenntnis, dass die deutsche Schullandschaft abwechslungsreicher ist, als man denken mag. Hier Politik in Klasse 6, dort Gemeinschaftskunde in Klasse 9. Dort gilt Singen als Unterricht, in anderen Ländern gerade mal als Arbeitsgemeinschaft. Was man in einem Bundesland im Fach "Wirtschaft und Recht" lernt, lernt man in anderen nie. Wenn das der Erfolg eines Verwaltungsapparats ist, der auf einheitliche Standards achtet, wie könnte das Ganze dann bloß ohne ihn aussehen?

Claudia Fudeus

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