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Finanzkrise: Beraten und verkauft

"Bloß kein Risiko" gaben die Langenkämpers bei der Anlage ihres Geldes an. Der Bankberater investierte das Geld trotzdem in hochspekulative Papiere. Jetzt ist ein Großteil weg. Und damit auch die Hoffnung des schwerkranken Karl-Heinz Langenkämper auf eine Therapie in den USA.

Von Massimo Bognanni

Roswitha Langenkämper steht vor der Ausgangstür einer Dresdner Bank-Filiale in Essen - und kommt nicht raus. Sie ist verzweifelt, verwirrt, fühlt sich minderwertig. Und niemand hilft ihr. Vor sich schiebt die 60-Jährige ihren schwer kranken Ehemann im Rollstuhl. Alleine schafft sie es nur mühsam, die Tür zu öffnen und ihren Mann ins Freie zu schieben. Als sie noch gern gesehene Kunden waren, hatten Bankmitarbeiter ihnen selbstverständlich die Tür geöffnet. Doch die Kunden gehen im Bösen. Ein letztes Mal wurden sie von ihrer langjährigen Bank im Stich gelassen. Ein letztes Mal gedemütigt.

Kurz zuvor hat die Rentnerin sämtliche Anlagen verkauft. Um zu retten, was zu retten ist. Denn der Filialleiter hatte ihr Geld ohne ihr Wissen und ohne ihr Wollen in hoch spekulative Geschäfte investiert. In weltweit schürfende Minenfirmen, Währungen, Edelmetalle und Warentermingeschäfte. Wie riskant die Produkte in ihrem Depot waren, die Langenkämpers sagen, sie wussten es nicht. Erst durch die Finanzmarktkrise wurde das Ehepaar misstrauisch, prüfte die Entwicklung ihrer Anlagen. Im Depotauszug fanden sie ein dickes Minus - die Langenkämpers bekamen Panik. Überstürzt verkauften sie alle Anlagen. Von den ursprünglich angelegten 100.000 Euro sind ihnen 56.000 Euro geblieben.

"Schichten sie um. Aber ohne Risiko"

Dabei hatte das Ehepaar immer darauf bestanden, nur sichere Anlagen tätigen zu wollen. "Risokobereitschaft: niedrig. Anlagehorizont: 1-5 Jahre. Empfohlener Aktienanteil: 15 Prozent" steht in ihrem Risikoprofil vom 7. Oktober 2008, das stern.de vorliegt. Doch neben der Rubrik "aktueller Aktienanteil" steht eine ganz andere Zahl: "88,9 Prozent". Ein seriöser Berater hätte einen solch hohen Aktienanteil konservativen Sparern nie empfohlen. Anders der Filialleiter der Dresdner Bank. Regelmäßig rief er an, erklärte: "Es ist wieder Geld frei." Karl-Heinz Langenkämper vertraute dem Banker, er antwortete nur: "Dann schichten Sie um. Aber ohne Risiko."

Gegenüber stern.de schreibt die Dresdner Bank in einer Stellungnahme, die Langenkämpers hätten selbst erkannt, dass eine höhere Rendite nur dann zu erzielen sei, wenn chancenreiche Wertpapiere gekauft würden. Die Kunden hätten sich bewusst für eine Anlage in Aktienfonds und Zertifikate entschieden. Belegen kann die Bank dies jedoch nicht. Es gibt kein Risikoprofil, dass eine neue Anlagementalität des Ehepaars belegt, das Kreditinstitut kann auch kein entsprechendes Gesprächsprotokoll vorlegen.

Keine Therapie in den USA, keine Hochzeitsreise

Das Paar hat nicht nur ihr Geld verloren, sondern auch die Hoffnung. Mit den Ersparnissen wollten sie dem 63 Jahre alten, an multipler Sklerose erkrankten Karl-Heinz Langenkämper eine Behandlung in Amerika ermöglichen. Dort erhoffen sie sich bessere Chancen. Jetzt ist das Geld weg. Auch der Traum von einer gemeinsamen Hochzeitsreise ist geplatzt. So wollten die Rentner ihren 40. Hochzeitstag auf Sylt verbringen. Jetzt halten sie das verbliebene Geld lieber zusammen.

Äußerlich wirkt das Leben in der penibel sauberen Wohnung der Langenkämpers in Bottrop harmonisch. Doch in Roswitha Langenkämper brodeln Wut und Schmerz. "Ich kann nicht mehr essen und nicht mehr schlafen. Was das Schlimmste an der Situation ist, dass mir die Kraft fehlt, die ich für meinen schwer kranken Mann so dringend brauche", sagt sie. Ihrem Ehemann ist die Erschöpfung anzusehen. Er trauert den Jahren hinterher, in denen sie verzichtet haben. Auf den Urlaub. Auf ein anderes Auto. Um zu sparen. Alles umsonst.

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