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Henriette Hell: Warum ich Silvester alleine verbrachte - und trotzdem gebohrt wurde

Es ist gesellschaftlich offenbar nicht akzeptiert, dass man den Silvesterabend mutterseelenallein auf dem Sofa vorm Fernseher verbringt. Dabei ist das eigentlich ziemlich geil - findet Henriette Hell

Henriette Hell Silvester

Silvester alleine? Muss auch mal sein! (Symbolbild)

In diesem Jahr hat es sich ergeben, dass ich am 29. und am 30. Dezember auf zwei ganz wilden Veranstaltungen war und praktisch durchgefeiert habe. An Silvester fühlte ich mich dementsprechend mies. Es stand völlig außer Frage, dass ich zu nichts anderem in der Lage sein würde, als mit fettigem Essen auf dem Sofa zu vegetieren. Alle Einladungen zu steilen, glamourösen oder gemütlichen Silvesterpartys sagte ich ab. "Sorry, Leute, bleibe heute daheim. Muss meinen Kater kurieren. Guten Rutsch!"

Nun sollte man meinen, dass damit die Sache erledigt gewesen wäre. Aber nichts da! Zuerst rief mich meine beste Freundin Kaja an: "Henriette, geht's dir gut? Bist du depressiv, oder was? Wieso kommst du heute nicht zur WG-Party???!!!"

Ich erklärte es ihr. Aber sie verstand nur Bahnhof bzw. Ausrede. "Gibt's zu. Du hast irgendeinen heißen Typen bei dir am Start und ihr vögelt zusammen ins Neue Jahr bis es kracht."

"Quatsch."

"Doch, gibt's zu."

"Nein, ich will einfach nur früh ins Bett."

"Luder."

Guten Lutsch von Mama

Ich ließ sie dann einfach in dem Glauben. So konnte ich das Telefonat wenigstens kurz halten und mich mit einer Tafel Schokolade in die Badewanne legen. Gerade, als ich mit einem wohligen Seufzer im Schaum versunken war, klingelte mein Handy erneut. Mama!

Meine Eltern feierten mit Freunden auf der Hamburger Reeperbahn. "Süße! Sehen wir uns später noch? Kurz anstoßen! Du bist doch sicherlich auch irgendwo in der Nähe unterwegs?!"

"Nee, Mama, ich bleibe heute zu Hause. Brauche mal Ruhe."

"Erzähl mir doch nichts! Wer ist bei dir? Du bist doch nicht wirklich allein! Wie heißt er???"

"Chop Suey."

"Oh, exotisch, ein Chinese! Na, meinetwegen. Der wünscht dir dann einen guten Lutsch. Hihihihi!"

"Genau, Mama. Euch auch einen guten Lutsch."

Alleine und trotzdem dumm angemacht

Gegen 23 Uhr war mir dann noch nach einem kleinen Snack. Also zog ich mir schnell meine Gummistiefel an und schleppte mich zum "REWE to go" in der Aral Tankstelle, schräg gegenüber. Es war der reinste Walk of Shame! Überall um mich herum dröhnte Partymusik aus den Wohnungen. Auf Balkonen standen Leute mit Wunderkerzen und Sektgläsern in der Hand. Vereinzelte Raketen explodierten bereits am Himmel. Ein eigenartiges Gefühl, sich alldem zu entziehen. Aber, hey, mein Hangover ließ nun mal nichts anderes zu.

Lethargisch, blass und müde schlich ich durch die Regale und suchte mir das aus, worauf ich intuitiv am meisten Bock hatte: eine Tiefkühlpizza, Chips und einen Apfel. Dafür erntete ich mitleidige Blicke von den anderen Kunden (oder bildete ich mir das bloß ein?!), die sich fröhlich mit Sekt, Bier oder Rum und Cola eindeckten.

"Ey, Süße, warum guckst denn du so traurig?", grölte mir ein bärtiger Mittdreißiger mit Partyhut ins Ohr. "Komm mit uns – hier nebenan steigt gerade einen Wahnsinnsfete. Wir holen gerade Nachschub!"

"Ja, nee, danke, alles cool."

"Komm schon – so ganz allein an Silvester – das geht doch nicht!"

"Ähm, zu Hause, da wartet mein Freund auf mich – wir teilen die Pizza. Und den Apfel." Das zog.

Nachts wird gebohrt

Eilig bezahlte ich meine Artikel und lief zurück in meine Wohnung. Endlich Ruhe! Die Pizza schmeckte gut. Im Fernsehen liefen lustige Shows mit Schlagerstars. Ich trank Tee und trug eine Feuchtigkeitsmaske auf. Morgen würde ich topfit und alle ANDEREN total verkatert sein. Außerdem konnte ich endlich mal ohne schlechtes Gewissen die Bohrmaschine benutzen und mitten in der Nacht ein paar Regale anbringen. Cool. Gerade, als ich zufrieden mein Werk bewunderte, klingelte schon wieder das Handy. Mein Kumpel Torben, der um die Ecke eine Party schmiss. "Henriette, wo bleibst du denn? Gleich ist der Raclettekäse alle. Und der Pfeffi auch. Komm jetzt ran hier!"

"Ich hatte dir doch abgesagt, Torben. Ich bleib heute daheim. Einfach mal früh ins Bett und so."

"Wir kommen dich jetzt holen! Arne kann noch fahren. Sind in zehn Minuten vor deiner Haustür."

"NEIN, TORBEN! ICH WILL NICHT! Ich lass euch nicht rein. Ich lieg schon im Bett."

"Ach, daher weht der Wind. Ein neuer Lover? Heiß, Henriette, echt heiß. Na, dann noch viel Spaß euch Turteltauben." Ja, äh, danke.

Allmählich fing ich an zu gähnen und beschloss, mich nun wirklich ins Bett zu legen. Gerade, als ich meine Decke bis zu den Ohren gezogen hatte und mich über diese herrliche Ruhe und Gemütlichkeit freute, klingelte das verfluchte Handy schon wieder. Mama. "Ist auch wirklich alles in Ordnung mit dir, meine Liebling?! Pass auf, wir zählen jetzt gemeinsam runter: Zehn, neun, acht, sieben, sechs … Frohes Neeeeeuuuuuuuuueeeeeeees!!!!!!"

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