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Love from Hell: Warum man manchmal bis ans Ende der Welt reisen muss, um zu erkennen, was wirklich zählt

Henriette Hell ist wieder unterwegs: diesmal im Amazonien. Von Chili-Schnaps, heiligen Bäumen und einer amourösen Erleuchtung am Amazonas.

Von Henriette Hell

Henriette Hell

Henriette Hell hat eine amouröse Erleuchtung am Amazonas

Getty Images

Der Amazonas hat mich wieder. Ich schippere zusammen mit Pedro in einem Einboot den mächtigen Fluss hinunter. Der Motor tuckert. An den Ufern ragt saftiges grünes Dickicht in den Himmel. Die Luft ist schwül, Wolken verhängen die Sonne. In ein paar Stunden wird es wieder gießen wie aus Eimern. Es hat etwas Meditatives, den kleinen Wellen hinterherzublicken, die unser Boot verursacht. Exotische Laute von Vögeln und anderem Getier dringen spitz aus dem Regenwald. Die Flosse eines pinkfarbenen Delfins schießt aus dem Wasser. Ein kurzer Gruß. Ja, genau, ich bin wieder hier! In Iquitos.

Glühend heiße, sagenumwobene, verrückte Dschungelmetropole. Die größte Stadt der Welt, die ausschließlich per Flugzeug oder Boot erreichbar ist. Gut so! Kommt wenigstens nicht jeder Depp hierher. Vielmehr zwielichtige Typen aus aller Welt. Und Leute, die mal abschalten wollen. So wie ich.

Nach anderthalb Stunden Fahrt erreichen wir die Lodge im Urwald, legen an einem kleinen Steg an. Drei windschiefe Hütten schmiegen sich an einen steilen Hang. Eingerahmt von Palmen und allerlei duftigen Sträuchern. Die gesamte Lodge mutet morsch und heruntergekommen an. Durch den ständigen, heftigen Regen und die begrenzten Mittel. Ein paar Hühner laufen durch den Garten. Im Gebüsch liegt eine leere Wodkaflasche. Vor Problemen kann man nicht davonlaufen, denke ich, sie verfolgen einen bis an die entlegensten Orte dieser Erde, bis ins Grab.

Ich bin die rothaarige Weiße

Drei faule Hunde liegen im Schatten des Haupthauses. Es ist zu allen Seiten geöffnet, bloß die Küche und das Esszimmer sind mit Fliegengittern eingezäunt. An den Wänden hängen kunstvoll geschnitzte Holzmasken. Betrieben wird die Lodge von Pedro und seiner Familie. Sie leben im nahen Dorf, nennen mich "la gringa rocha" – die rothaarige Weiße. Gefällt mir. Mein echter Name tut hier nichts zur Sache.

"Lunch", erklärt mir eine kleine, verrunzelte Frau und stellt mir einen Teller hin, auf dem sich ein gelber Ball aus Reis befindet. Im Dschungel kann man sich nicht aussuchen, was auf den Tisch kommt. Das bestimmt "mother nature". Ich stochere zögerlich darin herum, fange an zu essen. Bis ich merke, dass sich darin ein ganzes Küken befindet. Samt Schnabel. Mir wird übel. Ich finde nichts ekliger, als tote Vögel. Jetzt heißt es hungern bis zum Abendessen.

Und nun? Erstmal auspacken. Zwei kurze Hosen, drei Shirts, Unterwäsche, Mückenspray, Sonnencreme, Pflegeprodukte, Bücher. Meine Dusche besteht aus vier rostigen Aluminiumwänden. Ich reiße mir meine verschwitzten Klamotten vom Leib, tänzele eine Weile unter dem winzigen Strahl aus bräunlichem Wasser hin und her und sprühe mich anschließend mit Mückenspray ein.

Die Göttin des Dschungels

In der Hütte nebenan wohnen zwei chilenische Touristen. Sie laden mich zu einem Spaziergang durch den Urwald ein. Ziel ist ein heiliger, 200 Jahre alter Baum, der von den Einheimischen "Göttin des Dschungels" genannt wird. Pedro führt uns. Er ist genauso alt wie ich, 33, aber die gnadenlose peruanische Sonne hat tiefe Furchen in sein Gesicht gebrannt.

Mit einer Machete schnitzt er uns Wanderstöcke, denn es sehr matschig. Ich rutsche mehrmals aus, aber irgendwie bringt es Bock und erinnert mich an meine Kindheit. Früher ist man ständig durch Pfützen gesprungen. Macht man als Erwachsener aber nicht mehr. Man hetzt nur noch gestresst durch Nieselregen, von Bus zu Bahn. Bedacht darauf, nicht sein Make-Up oder die neuen Schuhe zu ruinieren. Mit Kaffee "to go" in der Hand und Zornesfalte auf der Stirn. Dumm genug!

Nun springe ich mit meinen Gummistiefeln extratief rein in den Schlamm. Von einer Anhöhe aus können wir bereits den gigantischen Baum sehen. Er ragt erhaben aus dem Urwald empor. Wie in einem Science-Fiction-Film! Zwanzig Minuten später kuscheln wir mit seinen Wurzeln und Ästen. Man will diese Kreatur berühren, ihre Kraft spüren, sich mir ihr verbinden. Pedro regt an, den Baum zu besteigen. Das würde Glück bringen. Also kraxeln wir nacheinander eine dicke Liane hinauf und posieren für eine Foto. Verschwitzt, mit hochroten Köpfen, zerstochen, klebrig, zerzaust. Stadtaffen. 

Woran fehlt es mir?

Was soll ich mir bloß wünschen? Woran fehlt es mir? Ich überlege und überlege.

Auf unserem Rückweg treffen wir einen Dorfbewohner. Er schleppt zwei Säcke mit selbstgemachter Holzkohle, die er auf dem Markt verkaufen will. Holz fällen, verbrennen, zerkleinern, aus dem Dschungel aufs Boot schleppen, nach Iquitos fahren, auf dem Markt verkaufen. Für 15 Soles pro Sack. Ungefähr vier Euro. Er lächelt stolz, als wir seine Ware begutachten. Vor ihm liegt noch ein langer, anstrengender Arbeitstag. Und wir? Wandern hier einfach nur dumm durch die Gegend und sind schon jetzt deutlich fertiger als er. Tja. 

Pedro sagt, dass viele Einheimische so arm sind, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt als etwas zu verkaufen, was ihnen "mother nature" gratis zur Verfügung stellt. Anders haben sie keine Chance ihre Kinder zu ernähren.

Betroffen trotten wir weiter. Alles juckt. Der Schweiß tropft uns von den Schläfen. Wir wollen bloß noch duschen und im Schatten ruhen. Es dämmert allmählich. Zeit, die Taschenlampe um den Kopf zu schnallen. In unseren Hütten gibt es nichtmal Kerzen. Fledermäuse ziehen ihre Runden. In den Dachbalken krabbeln Ratten. Welcome to the jungle!

Es gibt Tee. In Peru gibt es immer und überall gratis Tee. Aus frischen Coca Blättern. Das finde ich gut. So hat man wenigstens etwas zu tun. Und wenn es bloß Nippen ist. Lesen geht auch. In einer Woche "vernichte" ich drei Klassiker. Zuhause würde mir das nie gelingen. Mangelnde Konzentration, ständige Ablenkung.

Pedro fragt beim Abendessen, ob ich an einer Ayahuaska Zeremonie interessiert bin. Viele Backpacker, die nach Iquitos kommen, wollen die heilende Naturdroge ausprobieren oder den meskalinhaltigen Kaktus San Pedro. Angeblich reinigt es den Körper von Giften und verspricht auch spirituelle Reinigung. Die Visionen, die einem im Laufe dieses Trips erscheinen, sollen einen vieles klarer sehen lassen und das Leben auf eine ganz neue Ebene heben. Es verbindet einen mit "mother nature". Wieder überlege und überlege ich.

Ich bin längst am Ziel

Am nächsten Morgen lädt mich Pedro zu einer Bootstour ein. Er möchte mir Belen zeigen, Iquitos’ Armenviertel, welches komplett auf Floßen errichtet wurde. Die Menschen hausen in erbärmlichen, schwimmenden Holzhütten, bewegen sich über morsche Bretter von Haus zu Haus. Alle zwei Jahre müssen sie ihre Heime grundsanieren, weil dann das Holz durchgefault ist. Nur die Kirche wurde aus massivem Beton errichtet. Etwas schief thront sie auf vier schmalen Pfeilern.

Pedro legt vorm "Bomba" an, eine Bar aus weißem Holz, die ebenfalls auf Pfeilern erbaut wurde und in etwa vier Metern Höhe über dem Fluss thront. Mitten im Slum! Hier will Pedro ein Bierchen trinken. Ich balanciere über Pfützen, Modder und Müll zur Treppe, steige sie empor.

Die Musik im "Bomba" ist so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten muss. Das ist sie überall in Peru. Die Leute drehen voll auf, entweder Salsa oder Euro Trash, und sind guter Stimmung. "Be my lover" von La Bouche vernehme ich heute schon zum vierten Mal. Das Bier schmeckt gut bei der Hitze, hat zum Glück nicht ganz so viele Umdrehungen. Dazu gibt‘s "El Diablo", einen brennend scharfen Chili-Schnaps, das Zeug brennt einem die Speiseröhre weg! Das hiesige Herrengedeck. Wir prosten einander zu. Runter damit!

Ich blicke auf die schwimmenden Hütten. Der Schnaps entfaltet seine Wirkung. Die Bässe hämmern. Ich fühle mich frei, ja, fast schon glückselig und denke zurück an den heiligen Baum. Ich spüre seine Kraft. Plötzlich erkenne ich, was wirklich zählt im Leben: meine Liebe. Nur noch zehn Tage, dann sehe ich meinen Freund wieder! Ich bin erfüllt von Dankbarkeit und Glück, dass da jemand ist, der auf mich wartet, den ich zutiefst begehre und liebe.

Der Dschungel hat mein Gehirn durchgeblasen. Ich brauche nicht mehr länger davonzurennen, Stärke demonstrieren, Extremen hinterher jagen. Ich bin längst am Ziel.

Von Henriette Hell

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