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Love From Hell: Kannst du jemanden lieben, den du noch nie getroffen hast?

Monatelanges, hingebungsvolles Whatsappen, gehauchte Schwüre und große Versprechungen am Telefon. Zukunftspläne. Reicht das aus, um sich ernsthaft zu verlieben?

Kann man sich in jemanden verlieben, den man noch nie persönlich getroffen hat?

Kann man sich in jemanden verlieben, den man noch nie persönlich getroffen hat?

Erinnert ihr euch noch an die trashigen 90er-Jahre-Talkshows? Dort zählten Geschichten wie die folgende zu den Klassikern: Ein Gast berichtet, er habe eine Frau übers Internet kennengelernt. Seit Monaten würde man täglich telefonieren. Es sei alles "total intensiv". Man wittere mindestens eine Seelenverwandtschaft und sehr wahrscheinlich die "große Liebe". Bloß getroffen habe man sich bisher noch nie, weil man so weit voneinander entfernt wohnt. In der Talkshow folgte dann die lang ersehnte Zusammenführung, die entweder in ungestümen Zungenküssen oder der großen Ernüchterung gipfelte. Etwa, wenn einer von beiden bei seinen Fotos geschummelt hatte.

Zurück ins Jahr 2019. Online-Dating ist heute Alltag. Die meisten Leute chatten nur ganz kurz miteinander, um ein Date in ihrer unmittelbaren Umgebung zu vereinbaren. Es bleibt keine Zeit, um sich vorab zu verlieben.

Einer Freundin, nennen wir sie Isa, ist genau das trotzdem passiert. Sie lebt in Berlin und hat drei Monate lang über eine Dating-App mit einem Typen aus Barcelona geschrieben. Das Ganze wurde richtig intensiv: Täglich telefonierten sie mehrmals miteinander, zum Einschlafen gab’s Facetime (und Cybersex), den ganzen Tag über hagelte es liebevolle Nachrichten. Von "Guten Morgen, meine Schöne!" bis hin zu "Wie läuft dein Tag?"

Die beiden haben "Beziehung" gespielt. Aber wie echt können Gefühle für jemanden sein, den man noch nie gerochen, geschmeckt, gespürt hat? Sich in den Charakter eines Menschen zu verlieben, das klingt erstmal romantisch. Aber reicht das tatsächlich?

Isas gesamter Freundeskreis, mich eingeschlossen, war skeptisch. Spätestens, als sie über Weihnachten nicht wie sonst zu ihren Eltern fuhr - sondern einen Flug nach Barcelona buchte.

"Du steigerst dich da in etwas rein", habe ich Isa gewarnt. "Du kennst diesen Mann doch gar nicht. Was, wenn er schlecht küsst? Oder unangenehm riecht? Oder einen perversen Fetisch hat?" Meine Freundin lachte und sagte, dass sie genau dieselben Ängste habe, aber gleichzeitig würde sie so eine enge Verbindung zu ihm fühlen. "Vielleicht ist er der Richtige", sagte sie zu mir. "Er will mit mir im Frühjahr nach Italien fahren. Seine Familie hat dort ein Haus. Dort können wir später wohnen und unsere Kinder großziehen, sagt er." Meine Freundin kicherte. Ich war platt. Offenbar hatten die beiden ihre gemeinsame Zukunft bereits bis ins kleinste Detail geplant. Mutig! Und auch ein bisschen irre.

"Sag ihm, er soll seinen Perso abfotografieren und mir schicken. Dann hab ich wenigstens seine Daten. Für den Fall, dass er sich als irrer Psychopath entpuppt, dich ermordet und zerstückelt“, gab ich ihr noch mit auf den Weg.

Barcelona ist auch nicht gerade um die Ecke

Am 25. Dezember war es dann soweit. Isa landete in Barcelona und hielt mich per WhatsApp auf dem Laufenden: "Er ist zehn Zentimeter kleiner, als er gesagt hat. Aber egal. Sonst ist alles cool. Geküsst haben wir uns aber noch nicht. Gehen jetzt erstmal Bier trinken." In den kommenden Tagen wurde dann offenbar reichlich gevögelt und Sightseeing gemacht. Ihr endgültiges Fazit teilte Isa mir aber erst nach ihrer Rückkehr mit. Sie musste das Treffen wohl erstmal sacken lassen.

"Ich bin froh, dass ich wieder zu Hause bin", sagte sie zu mir. "Es war echt schön und lustig mit ihm. Aber, fuck, er hatte so wahnsinnig lange Fußnägel! Und tiefgründige Gespräche haben wir auch nicht geführt. Außerdem macht er so komische Geräusche beim Sex. Und er riecht tatsächlich Ein bisschen komisch. Ich glaub, ich brech den Kontakt ab. Die ganze Sache ist Zeitverschwendung. Und machen wir uns nichts vor - Barcelona ist auch nicht gerade um die Ecke.“

Es war also genau das eingetreten, was alle erwartet hatten. Isas Luftschloss war in sich zusammengefallen. ER sah das allerdings nicht so! Noch lange erhielt Isa sehnsüchtige Anrufe von ihrem Spanier. Aber sie ließ ihn am ausgestreckten Arm verhungern.

Mittlerweile ist Isa in einer Beziehung mit einem Arbeitskollegen. Über ihre Cyber-Liebe sagt sie heute: "Ich war damals einsam und habe mich nach Nähe gesehnt. Ich wollte einen Mann, der mich liebt, mit dem ich eine Familie gründen kann. Deshalb habe ich all meine Träume auf diesen Online-Flirt projiziert, ihn als Mann idealisiert und mich total in diese Geschichte hineingesteigert. Weil es damals alles war, was ich hatte. Sein wahres Ich konnte dagegen nur verlieren.“

Gut. Kann natürlich auch klappen, so ein Geschichte. Ist aber dann, fürchte ich, reine Glückssache.

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