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Sachsen-Anhalt Vater redet über Rassismus-Skandal an Grundschule: "Meine Tochter hat geweint und nach ihren Freundinnen gefragt"

Aras Badr. Seine Familie ist von der rassistischen Einteilung der Grundschüler:innen in Sachsen-Anhalt betroffen.
Aras Badr. Seine Familie ist von der rassistischen Einteilung der Grundschüler:innen in Sachsen-Anhalt betroffen.
© privat
Bei der Einschulungsfeier seiner Tochter in einer Grundschule in Burg (Jerichower Land) merkte Aras Badr: In die Klasse seiner Tochter sollten nur Kinder mit arabischer Muttersprache gehen. Badr machte den Fall öffentlich und löste damit eine Rassismus-Debatte aus. Mit dem stern hat er über die Hintergründe gesprochen und darüber, was er sich für seine Tochter wünscht.

Herr Badr, am vergangenen Samstag wurde Ihre Tochter eingeschult. Aber anstatt zu feiern, setzten Sie sich danach hin und schrieben auf Facebook einen Post mit der Überschrift "Apartheid Mentalität im deutschen Bildungssystem". Was war passiert?
Aras Badr: Monatelang hat sich meine Tochter auf ihre Einschulung gefreut. Wir haben Arbeitsmaterialien gekauft und ihre Schultüte gefüllt, sie hat im Sommerurlaub für ihre Freundinnen aus dem Kindergarten Muscheln in Gläsern gesammelt, als Geschenk zum ersten Schultag.

Auf dem Weg zur Feier kam uns eine Gruppe von Eltern mit ihren Kindern entgegen. Ich hatte kurz Angst, dass wir zu spät sind. Aber dann haben wir erfahren, dass es wegen der Hygieneauflagen für jede der drei neuen ersten Klassen eine eigene Feier gab.

Als die Kinder aus der Klasse meiner Tochter mit Namen begrüßt wurden, fiel mir auf: Alle hatten einen Migrationshintergrund. Auch der Klassenlehrer – etwas, worüber ich mich erst gefreut hatte. Die Kinder, die uns vor der Feier entgegengekommen waren, waren aber alle weiß. Ich bin zur Schulleiterin gegangen, um sie zu fragen, ob mein Eindruck stimmt: Dass hier eine Trennung nach Herkunft stattgefunden hat. 

Wie hat die Schulleiterin reagiert?
Sie sagte nur: Ja, das ist die Verteilung, so ist unser Vorhaben. Der Klassenlehrer spreche Arabisch und könne den Kindern Deutsch als Zweitsprache beibringen.

Ich war schockiert und sagte ihr, das ist ein Fehler, warum separiert sie die Kinder basierend auf Kriterien wie ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe? So eine Aufteilung hat nichts mit Inklusion oder Integration zu tun, das ist Isolation und kein sinnvolles pädagogisches Konzept.

Besser wäre es, individuell und bei Bedarf zu fördern, etwa in einer Deutschklasse nach dem Unterricht. Ich sagte ihr, wir könnten gemeinsam nach Lösungen suchen. Aber sie hat jede Diskussion und jedes Gespräch abgewehrt und sagte nur, alles sei mit dem Landesschulamt und dem Bildungsministerium abgestimmt.

Wenn die Schulleiterin vor Ort mit mir gesprochen hätte, hätte ich keinen offenen Brief geschrieben. Ich hätte lieber alles intern geklärt. Aber das schien mir nicht möglich.

Wie ging es Ihrer Tochter damit?
Sie war sehr traurig, hat geweint und die ganze Zeit nach ihren Freundinnen aus dem Kindergarten gefragt. Ihre beste Freundin hat ebenfalls einen Migrationshintergrund, aber sie wurde als Deutsch gelesen und in eine der anderen Klassen gesteckt.

Für mich ist aber wichtig zu betonen: Es geht hier nicht um persönliche Befindlichkeiten. Ich weiß, dass nicht alle Kinder mit ihren Freunden in eine Klasse kommen können. Das hier ist nicht unser privates Anliegen, die Ausgrenzung ist ein konzeptionelles Problem. 

Sie arbeiten beim Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, dem Lamsa, und beraten dort Eltern, auch zu Rassismus-Erfahrungen. Wie geht es Ihnen gerade damit, selbst so etwas zu erleben?
Ich habe gemischte Gefühle. Einerseits bin ich traurig, die Situation ist für mich sehr unangenehm. Seit der Einschulung geht es uns allen in der Familie nicht gut.

Meine Tochter musste die Trennung zwischen 'Wir' und 'Sie' schon an ihrem Einschulungstag erleben. Wir versuchen, Zuhause ganz leise über alles zu reden, damit die Kinder nicht alles mitbekommen und Abstand davon kriegen. Aber natürlich spüren sie unsere Anspannung. Das ist schwer.

Andererseits bin ich froh, dass ich die Situation erlebt habe. Denn wir wissen alle, dass es viele Fälle von Alltagsrassismus gibt. Oft aber fehlen uns die Beweise, die konkreten Geschichten. Es war Glück, dass ich die Kraft hatte, das öffentlich zu machen und dazu ein Netzwerk, das meinen Brief verbreitet hat. Es gibt zu viele Fälle von Rassismus, von denen niemand weiß. Nur wenn wir darüber sprechen, können wir dagegen kämpfen.

Nachdem Sie Ihr Statement öffentlich gemacht haben, hat das Landesschulamt schnell reagiert. Noch am Sonntag hat es die Kinder aus der Klasse Ihrer Tochter auf die anderen beiden Klassen verteilt.
Es ist gut, dass die Klasse aufgelöst wurde und dass das Schulamt so schnell gehandelt hat. Es hat den Fehler bemerkt und korrigiert, das ist ein erster Schritt. Aber jetzt fordere ich eine lückenlose Aufklärung: Wie konnte das überhaupt passieren? Es muss Konsequenzen geben, jemand muss Verantwortung übernehmen. 

Auf Nachfrage des stern entschuldigte sich das Landesschulamt Sachsen-Anhalt, auch stellvertretend für die Schulleitung, die sich selbst nicht zu dem Fall äußert. Der Sprecher sagte, es sei falsch gewesen, die Klassenaufteilung nicht vorher mit den Eltern zu besprechen. Das sei nicht gut gelaufen. Er wies aber entschieden zurück, dass es sich hier um Rassismus handelt.
Die Entschuldigung ist angebracht. Aber sie reicht nicht aus. Die mangelnde Absprache ist ja nicht das grundlegende Problem. Das Problem ist, dass hier Kinder aufgrund ihres Namens, ihres Aussehens und ihrer Herkunft aufgeteilt und in eine eigene Klasse segregiert wurden. Selbstverständlich ist das Rassismus. Anstatt einfach einen schönen Einschulungstag zu haben, haben die Kinder erlebt: Wir sind anders und wir werden anders behandelt und von den anderen getrennt. 

All das sei nur im Sinne der Sprachförderung geschehen, erklärte das Landesschulamt. Die Kinder könnten von ihrem Klassenlehrer in einer gemeinsamen Klasse besser gefördert werden.
Ich frage mich immer noch täglich: War doch einfach alles gut gemeint? Dann suche ich nach Anhaltspunkten, weshalb es aus pädagogischer Sicht sinnvoll sein könnte, die Kinder mit arabischem Migrationshintergrund in einer Klasse zu bündeln. Ich suche und suche, aber ich finde einfach keinen logischen Grund. Denn: Es sprechen nicht einmal alle Kinder aus der gebildeten Klasse Arabisch!

Wir zum Beispiel stammen zwar aus Syrien, sind aber Kurden. Wir sprechen also Kurdisch. Meine Tochter lebt in Deutschland, seit sie sechs Monate alt ist. Sie ging hier in den Kindergarten. Natürlich spricht sie fließend Deutsch. Ich finde es so peinlich, diese Dinge vor mir hertragen und ständig betonen müssen.

Kinder mit Förderbedarf zu fördern, ist eine gute Sache. Aber dafür muss man zuerst den Bedarf ermitteln und darf nicht pauschal davon ausgehen, dass alle Kinder mit arabischem Hintergrund kein Deutsch sprechen. Und selbst wenn die Annahmen der Schulleitung wahr gewesen wären: Wie hätten die Kinder ihr Deutsch verbessern sollen, wenn sie alle miteinander Arabisch sprechen? 

Was wünschen Sie sich und Ihrer Tochter jetzt?
Ich will einfach, dass meine Tochter normal zur Schule gehen kann. Ohne Selektion. Ich hätte ihr eine schöne Einschulungsfeier gewünscht. Das sollte ein friedlicher, besonderer Tag werden. Doch stattdessen haben wir uns plötzlich in einem Konflikt befunden.

Ich möchte, dass meine Tochter frei leben und lernen kann, ohne zusätzliche, unnötige Auseinandersetzungen wie dieser. Ich wünsche mir außerdem einen Dialog mit allen Eltern und Lehrern, um eine Vergiftung des Schulklimas zu vermeiden. Es ist mir sehr wichtig, dass wir jetzt gemeinsam arbeiten, damit alle Kinder ein geschütztes Umfeld haben. Das ist meine oberste Priorität.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das im Laufe des Lebens Ihrer Tochter verbessern wird?
Wenn ich keine Hoffnung hätte, hätte ich meinen Beitrag nicht geschrieben. Ich glaube an die Demokratie und den Rechtsstaat in diesem Land, an Toleranz und an Vielfalt. Ich glaube an die Vernunft der Menschen und daran, dass wir eine bessere Zukunft vor uns haben. Wenn wir keine Hoffnung haben, geht es nicht.


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