Kommentar Wer hat an dem Preis gedreht...


Im Sommer braucht man weniger Licht, dafür muss der Eisschrank brummen. Denn jeder braucht Strom - auch wenn der Preis hoch ist: In Europa ist unserer der drittteuerste. Doch neue Helden kämpfen für die Rechte der Verbraucher.
Von Elke Schulze

Obwohl deutscher Strom einer der teuersten in Europa ist, erhöhen die meisten Stromlieferanten regelmäßig ihre Preise. Und der Kunde sieht dem Treiben entnervt zu. Aber jetzt macht sich ein mächtiger Fürsprecher für die Belange der gebeutelten Stromkunden stark: Alois Rhiel, Wirtschaftsminister in Hessen, scheut die Auseinandersetzung mit den Preistreibern der Strombranche nicht länger.

Kassieren ohne Gegenleistung

Solange es noch keinen echten Wettbewerb gibt, stoppt er mit Preiskontrollen die weitere Ausbeutung der Stromkunden. Doch Rhiel hat nicht nur heldenhaft weitere Preiserhöhungen verhindert - jetzt will er den großen Konzernen noch vorschreiben, dass sie ihre Durchleitungsgebühren künftig um zehn Prozent absenken müssen. Diese Durchleitungsgebühren sind die Mietzahlungen aller rund 850 Stromanbieter in Deutschland dafür, dass sie ihren Strom durch die Netze zur Steckdose des Verbrauchers schicken dürfen. Diese Netze gehören zu rund 90 Prozent den vier Energieriesen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe.

Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach: Die Stromkonzerne kümmern sich um deren Pflege und Wartung. Dafür bezahlen diejenigen, die die Netze benutzen. Das ist wie mit der Wohnungsmiete und im Prinzip in Ordnung. Nicht in Ordnung ist, dass die großen Versorger die Gebühren in den vergangen fünf Jahren um durchschnittlich 37 Prozent erhöht haben. Sozusagen Mietwucher betrieben haben. Preistreiberei, der keine Luxussanierung folgte. Im Gegenteil: In den vergangen zehn Jahren sanken die Investitionen von Eon und Co in die Instandhaltung der Netze kontinuierlich ab. Wie bei einem Altbau mit Staffelmietvertrag. Ein einträgliches Geschäft.

Kassieren ohne Gegenleistung

Notwendig, ereifern sich die großen vier. Sie müssen schließlich viel Geld beiseite legen, um neue Kraftwerke zu bauen. Der Kraftwerkspark in Deutschland ist alt, dafür sprudeln aus den abgeschriebenen Stromerzeugeungsmaschinen reichlich Gewinne. Je länger dieser Zustand anhält, desto höher fallen die Gewinne aus. Seit Jahren steigen sie kontinuierlich. RWE machte im vergangenen Jahr 4,8 Milliarden Euro Gewinn, Eon vermeldete einen neuen Rekordüberschuss von über sieben Milliarden Euro. Selbst CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos fühlte sich jüngst bemüßigt, zugesagte Investitionen von 20 Milliarden Euro in neue Kraftwerke bei den Unternehmen anzumahnen und warnte sie vor weiteren Preiserhöhungen.

Zum Glück haben wir den tapferen Alois, der trotz Klagen von RWE- und Eon-Töchtern bedingungslos für eine strenge Preiskontrolle seiner 37 hessischen Kleinanbieter kämpft. Ja, das ist der Stoff aus dem die Helden sind: Breitschultrig stellt er sich vor uns arme Stromkunden.

Bundesnetzagentur unter Zugzwang

Alle Stromnetzbetreiber, die mehr als 100.000 Kunden haben, unterliegen nämlich der Kontrolle der Bundesnetzagentur und dessen Chefkontrolleur Matthias Kurth. Der ist nun in Zugzwang. Damit nach acht Jahren Liberalisierung endlich echter Wettkampf in den Markt kommt, sollte er sich den Forderungen des hessischen Ministers schleunigst anschließen und konkrete Preissenkungen verlangen.

Der Wermutstropfen: Der Stromkunde profitiert nur wenig. Auf die Endpreise wirken sich geringere Netzentgelte nur mittelbar aus. Denn diese Netzmieten bezahlt er nur mit 30 bis 40 Prozent. Der Großteil für die Beleuchtung des Heims geht für Steuern und natürlich auch für die Kosten der Stromerzeugung drauf.

Mächtige Waffe: Anbieterwechsel

Trotzdem hält er die mächtigste Waffe gegen weitere Preiserhöhungen griffbereit: Kündigen und zu einem neuen Anbieter zu wechseln. Leider erscheint weit über 90 Prozent der Stromkunden dieser Einsatz zu hoch: Dabei muss man sich nur einen neuen Stromversorger suchen. Der erledigt dann alles weitere. Die günstigsten Anbieter vor Ort suchen Vergleichsrechner im Internet in wenigen Minuten heraus. So hat man Geld gespart und wird zu einem - wenn auch kleinen - Helden im Kampf gegen die monopolistischen Energieriesen.

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