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Konjunktur: Lettlands Baubranche boomt

Bauzäune, Bagger und Kräne allerorten - in Lettland ist der Bauboom ausgebrochen. Im vergangenen Jahr legte die Branche laut offizieller Statistik um 14 Prozent zu.

Für dieses Jahr werden gar 20 Prozent Wachstum prognostiziert. Möglich wurde der"Turbo-Wiederaufbau" in der ehemaligen Sowjetrepublik vor allem durch vereinfachte Kreditmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt. Doch schon warnen Experten vor einem Überhitzen.

Zentralbank befürchtet Überhitzen

"Kommen und mitnehmen: Kredite für jeden", wirbt etwa Latvijas Krajbanka. Da will auch die Aizkraukles banka nicht nachstehen: "105 Prozent Kredit" verspricht sie. Mit ähnlich aggressiven Slogans arbeiten derzeit die meisten Geldinstitute in dem baltischen Staat, im ersten Quartal wurden so nach Angaben des Bankenverbands 14 Prozent mehr Immobilienkredite vergeben als noch in 2003.

Die Zentralbank in Riga sieht die Entwicklung mit Besorgnis. Man sei in Diskussionen mit den Privatbanken, "damit die Baukredite nicht außer Kontrolle geraten", sagte Zentralbankchef Ilmars Rimsevics unlängst. Die staatliche Bankenaufsicht argumentierte in einem vertraulichen Rundschreiben, dass die Kunden nicht genügend über Risiken wie den Einfluss von Wechselkursen und mögliche Zinssteigerungen informiert würden.

Vor der Spekulationsblase?

"Es könnte schnell die Situation kommen, in der viele nicht mehr in der Lage sind, ihre Schulden zurück zu bezahlen", warnte dann auch die anerkannte Wirtschaftszeitung "Dienas bizness". Westliche Bänker malen in Hintergrundsgesprächen bereits das Bild einer "Spekulationsblase" und verweisen auf das seit Jahren überproportionale Wachstum der lettischen Immobilienpreise.

Dabei steigt bereits das Bruttoinlandsprodukt seit 2000 um mehr als 6 Prozent jährlich. Der im Mai vollzogene EU-Beitritt hatte die Aufschwungstimmung stetig beflügelt. Das Bankensystem in Lettland ist längt international verflechtet. Aus Deutschland etwa konkurrieren die Norddeutsche Landesbank NordLB und die Vereinsbank mit großen einheimischen und vor allem skandinavischen Geldhäusern.

Büroflächen stehen leer

Dem jungen Familienvater Girts Pakalnis ist das alles herzlich egal. "Wenn alles glatt läuft, können wir im Herbst einziehen", freut sich der Bauherr. Auch er gehört zu denen, die der Kreditbranche bei Immobiliendarlehnen Zuwächse von über 20 Prozent im Jahresvergleich beschert hat. Wenn Pakalnis ins Detail geht, ärgert er sich aber über "Schlamperei" bei den Bauarbeiten. Tatsächlich stöhnt bereits manche Konstruktionsfirma über Mangel an Fachkräften, gerade in der sommerlichen Hochsaison. Geschäftskunden monieren regelmäßig Mängel bei der Auftragausführung, bis hin zu falsch berechneter Statik. Daneben stehen massig neugeschaffte Büroflächen leer wegen Mietermangel.

Teodors Tverijons, Vorsitzender des lettischen Bankenverbands, weist alle Befürchtungen zurück: "Wir, die Banken, sehen keine Gefahren. Unsere Wirtschaft ist auf der Überholspur, weil wir von einem sehr niedrigen Niveau aus starten." Die Kreditaufnahme pro Einwohner betrage in Lettland nur den Bruchteil des EU-Durchschnitts. Die Zentralbank in Riga erhöhte den Leitzins zuletzt dennoch um einen halben Prozentpunkt.

Jakob Lemke, dpa / DPA

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