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  • Krebs: Mom, Dad und der Tod

Krebs
Mom, Dad und der Tod

  • von Nora Gantenbrink
  • 03. April 2017
  • 20:41 Uhr
Die Eltern sitzen nebeneinander, währen die Mutter ihre Chemo bekommt
Mom, Dad und der Tod
Laurel und Howie bei der Chemotherapie im Januar 2013, New York. Es ist ihr letztes gemeinsames Jahr.
© Nancy Borowick
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Die Eltern sitzen nebeneinander, währen die Mutter ihre Chemo bekommt
Die Eltern umarmen sich mit blankem Oberkörper
Die Eltern stehen im Swimmingpool mit dem Rücken zur Kamera
Laurel hält sich ihr abgeschnittenes Haar wie Augenbrauen vors Gesicht
Laurel mit einer Plastikfolie auf dem Kopf
Laurel sitz am Fenster mit zwei Silvesterhütchen auf der Brust
Laurel mit blond gelockter Perücke und Mütze
Die Fotografin – und Tochter – Nancy im Oktober 2013 am Tag ihrer Hochzeit. Ihre Eltern führen sie zum Altar, ganz, wie sie es sich gewünscht hatten.
Howie stirbt am 7. Dezember 2013. Rechts im Bild sitzt Laurel neben ihrem Sohn Matthew vor dem Sarg ihres Mannes.
Krebs: Mom, Dad und der Tod
Krebs: Mom, Dad und der Tod
Krebs: Mom, Dad und der Tod
Krebs: Mom, Dad und der Tod
Krebs: Mom, Dad und der Tod
Krebs: Mom, Dad und der Tod
Nach der Beerdigung von Laurel sitzen Freunde und Familie beisammen. Im Judentum trauert die Familie während der Schiwa sieben Tage lang und wird von Freunden und Verwandten zu Hause besucht und gestützt.
Buchcover
Erst erkrankte ihre Mutter an Krebs, dann der Vater. Nancy Borowick erzählt vom Leid, der Liebe und dem, was bleibt. Die Fotografin hat ihre Eltern jahrelang mit der Kamera begleitet und ein Buch über sie veröffentlicht.

ICH werde Ihnen jetzt etwas erzählen, und vielleicht werde ich zwischendurch weinen. Hoffentlich sehen Sie mir das nach.

Mein Name ist Nancy Borowick, ich bin 30 Jahre alt, verheiratet und lebe mit meinem Mann in New York. Er arbeitet als Anwalt, ich als Fotografin. Ich bin das mittlere von drei Kindern. Ich wuchs in Chappaqua auf, einem kleinen Ort im Süden von New York.

Mein Vater Howard und meine Mutter Laurel lernten sich in der Universität kennen. Beide studierten Jura. Sie verliebten sich bei einer Theateraufführung. Howie mochte die schöne Frau mit dem langen, dunklen Haar, und Laurel den Mann mit dem Schnauzer und den lustigen Augen. Ihr erstes Date dauerte sieben Stunden, danach trennte sie erst der Tod. Sie waren 34 Jahre lang verheiratet. Sie haben sich 34 Jahre lang geliebt.

Der Krebs

Meine Mutter litt schon lange an Brustkrebs, aber die Ärzte hatten ihn immer wieder unter Kontrolle bekommen. Als der Krebs erneut ausbrach, fragte ich meine Mutter, ob ich von ihr und dem Kampf gegen den Krebs Fotos machen könne. Ich war noch an der Uni und arbeitete freiberuflich als Fotografin. Mom mochte die Idee. Es gibt schließlich so viele Frauen mit Brustkrebs da draußen, sagte sie.

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Natürlich ging ich damals nicht davon aus, dass sie sterben würde. Womit ich auch nicht gerechnet hatte, war dieser Anruf vor drei Jahren. Mom sagte mir, sie müssten mit mir reden. Wir trafen uns in meinem Lieblingscafé in Manhattan. Sie hatten schlechte Nachrichten. Bei Dad wurde Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert, inoperabel. Auch er müsse bald mit der Chemotherapie beginnen. Plötzlich hatten meine Eltern beide Krebs im weit fortgeschrittenen Stadium. Das Schicksal hatte in unserem Leben Platz genommen, und ich wunderte mich, wie gut meine Eltern damit umgingen. Sie sagten: "Nance, das Leben ist ein Geschenk, du hast keine Garantie dafür, alt zu werden, du hast keinen Anspruch auf Unsterblichkeit. Wann es vorbei ist, liegt nicht in unseren Händen."

Dad hörte auf zu arbeiten, was schlimm für ihn war, denn er liebte seinen Beruf. Mom hatte schon vor ein paar Jahren aufgehört. Sie fuhren gemeinsam zur Chemotherapie. Diese Behandlung ist ein harter, quälender Prozess, aber Mom und Dad spornten sich gegenseitig an. Sie waren jetzt nicht nur in ihrer Liebe verbunden, sondern auch in ihrem Leid. „Partners in Crime“ nannten sie sich.

Der Krebs wuchs trotz Chemo

Als Mom die Haare in der Chemotherapie ausfielen, bat sie Dad, ihr den Kopf zu rasieren. Natürlich tat er das für sie, Dad tat alles für Mom. "Krebs ist ein Sexist", scherzte Mom, "schau dir deinen Vater an, er sieht ohne Haare aus wie Bruce Willis und nimmt auch noch ab. Mir nimmt der Scheißkerl die Brüste, und ohne Haare sehe ich grässlich aus!" Dann jagte sie meinen Vater durchs Haus, und sie lachten.

Ich verbrachte viel Zeit mit meinen Eltern und nahm immer die Kamera mit. Es klingt seltsam, aber wenn ich mir jetzt die Fotos anschaue, kommt es mir so vor, als habe es mir Halt gegeben, zu fotografieren. Es fühlte sich so an, als könne ich das Unbegreifliche verständlicher machen, indem ich es mit der Kamera festhalte.

Nach ein paar Wochen bekamen Dad und Mom Untersuchungsergebnisse, erst schlug ihre Behandlung gut an, aber danach wuchs der Krebs trotz Chemotherapie weiter. Es sehe für beide nicht gut aus, sagten die Ärzte. Ich erzählte meinem Freund von der Diagnose. Wenig später machte er mir einen Antrag. Eigentlich wollten wir uns mit dem Heiraten noch Zeit lassen, aber er wusste, wie sehr ich mir wünschte, dass meine Eltern meine Hochzeit miterleben würden. Als wir Doktor Barry Boyd fragten, wie lange es noch gehen würde, sagte er: "Heiraten Sie so schnell wie möglich!"

Wir bekamen einen Termin im Oktober. Man sagt ja, dass Krebspatienten für besondere Ereignisse noch mal aufblühen. Und genau so war es. Mom und Dad waren so mit den Vorbereitungen beschäftigt, dass sie ihre Krankheit fast vergaßen. Außerdem hatten sie die Chemo ausgesetzt, weil sie während der Behandlungen so schwach waren, aber für die Hochzeit stark sein wollten. Weil der Weg zum Altar lang war, ging Dad jeden Abend um den Block spazieren, um für die Trauung zu üben.

Unsere Hochzeit war ein Traum

Das Herbstlicht war golden, die Temperaturen mild. Mom und Dad führten mich zum Altar. Ich sagte Ja zu meinem Mann unter einem hundert Jahre alten Baum, und das Leben fühlte sich an diesen Tag nicht zerbrechlich an, sondern ewig.

Mom und Dad tanzten, tranken, lachten bis spät in die Nacht. Aber nach der Hochzeit bekam Dad eine Lungeninfektion, von der er sich nicht mehr erholte. Einmal saß ich an seinem Bett, und er sagte: "Weißt du noch, Nance, wie wir früher, wenn wir mit dem Auto unterwegs waren und die Sonne unterging, immer ausgestiegen sind und gewartet haben, wie die Sonne verschwindet?" Wenn er mal nicht mehr sein sollte, hat er gesagt, soll ich ihn in der untergehenden Sonne suchen.

Im Dezember beerdigten wir Dad in seinem blau-weißen New-York-Giants-Football-Trikot. Das war sein letzter Wille. Auch tot behielt er seinen Humor. Aber ohne Dad war Mom nicht mehr dieselbe. Ein Jahr später folgte sie ihm.

Im Kreis der Familie

Dad war immer der Laute, Mom die Leise. Sie waren die perfekte Symbiose, auch während der Krankheit: Wurde Mom melancholisch, machte Dad Witze. War Dad schwach und müde, deckte Mom ihn zu und kochte Hühnersuppe. Sie haben einander gestützt wie Mikadostäbe. Ohne Dad fiel Mom um.

Dad war im Krankenhaus gestorben, und ich glaube, dass Mom dort gemerkt hatte, dass sie das nicht wollte. Sie sagte, sie wolle in ihrem Ehebett sterben, zu Hause, im Kreis der Familie. Zwischen all den Sachen, die sie liebt, und dem Foto über dem Bett, auf dem sie und Howie sich nackt umarmen.

Vor ihrem Tod war es meiner Mom noch wichtig, die Geschichten unserer Familie weiterzugeben. Wir saßen oft bei ihr auf dem Bett und redeten. Sie erzählte uns Anekdoten aus unserer Kindheit. Wann wir Radfahren gelernt hatten, wie wir als Babys aussahen, was unsere ersten Wörter waren. Dinge, die man nur eine Mutter fragen kann – oder einen Vater. Mom wünschte sich, dass wir ihr alle Fragen stellen, bevor sie nicht mehr da ist. Ich fragte sie: "Mom, hast du Dad in all den Jahren immer geliebt?" Und sie sagte: "Ja, Nance, ich habe ihn immer geliebt, in guten und in schlechten Zeiten, in Gesundheit und in Krankheit. Bis dass der Tod uns geschieden hat und darüber hinaus. Er war die Liebe meines Lebens."

Gute und schlechte Tage

Als wir beide so beerdigt hatten, wie sie es sich gewünscht hatten, begannen wir, unser Elternhaus auszuräumen. Überall fanden meine Geschwister und ich Liebesbriefe, die sie sich geschrieben hatten, und kleine gelbe Klebezettel. Früher, als wir noch zu Hause lebten, hatte Mom immer Botschaften geschrieben. Manchmal klebte ein "I love you" für Howie am Spiegel. Manchmal für uns ein "Hab einen guten Tag!".

Diesen Dezember ist Mom ein Jahr tot, Dad schon zwei. Ich trage die Kette mit dem Davidstern meines Vaters seit seinem Tod um den Hals. Ich denke daran, wie sie auf meiner Hochzeit getanzt haben, wie glücklich sie waren. Dann versuche ich, mir zu sagen: Ich hatte 28 großartige Jahre mit meinem Vater, 29 großartige Jahre mit meiner Mutter. Viele Menschen haben dieses Glück nicht.

Seitdem ich die Fotos meiner Eltern in den USA veröffentlicht habe, bekomme ich viele Briefe. Im August kam sogar einer von Bill Clinton. Er schrieb mir, meine Bilder hätten ihn zutiefst bewegt. Menschen erzählen mir, wie auch sie jemanden an den Krebs verloren haben. Dass die Bilder meiner Eltern so etwas bewirken, berührt mich. Und es tröstet mich auch. Ich fühle mich weniger allein.

Vor einigen Wochen habe ich für meine Arbeit einen Fotografie-Preis erhalten. Ich griff nach meinem Handy und wollte Mom anrufen, um es ihr zu sagen. Ich hielt dann kurz inne, aber bevor ich anfing zu heulen, wählte ich die Nummer meiner Schwester.

Letztens habe ich wieder einen gelben Klebezettel von meiner Mutter gefunden. Er lag zwischen einem Stapel Briefe. Auf dem Klebezettel steht: "Wenn du mich suchst, mein Kind, dann sieh zu den Sternen!"

Erst jetzt verstehe ich, dass mir meine Eltern mein ganzes Leben lang Botschaften mitgegeben haben. Und dass mich das zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Ein Mensch, der seine Mutter in den Sternen findet und seinen Vater in der untergehenden Sonne.

Es gibt gute und schlechte Tage. Ich vermisse die Tanzschritte meines Vaters, die er immer aus Quatsch gemacht hat. Ich vermisse das Grunzen meiner Mutter, wenn sie lacht. Ich vermisse ihre Ratschläge, ihre Umarmungen, ihre Wärme. Was mich tröstet, ist, dass Mom und Dad versöhnt waren. Beide haben mir am Ende ihres Lebens gesagt, dass sie dankbar sind. Sie haben ein Leben gelebt, das sie mochten. Sie hatten uns Geld hinterlassen, die Beerdigungen geregelt. Sie hatten uns gesagt, dass sie uns lieben und immer lieben werden, und uns darum gebeten, dass wir als Geschwister in Zukunft einander festhalten sollen. Sie wollten, dass wir weiterleben, dass wir ihre Liebe weitertragen. Meine Schwester hat gerade ein Baby bekommen, es ist ein Junge. Mom und Dad sind Großeltern geworden.

Vom 6. April bis 31. Mai 2017 sind die Fotografien unter dem Titel "NANCY BOROWICK – A LIFE IN DEATH" in Berlin zu sehen. Nähere Infos unter f³ – freiraum für fotografie.

Protokoll: Nora Gantenbrink
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