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Nachbarschaftsstreit: Papagei wegen Beleidigung erschossen

Die Tat eines Lehrers aus Unna ist ein besonders bizarres Beispiel. Aber Kämpfe über den Gartenzaun werden immer erbitterter geführt, Konflikte immer seltener schiedlich gelöst.

Der Knallerbsenstrauch von Gerd Trommer brachte die Nation in Wallung. Wochenlang geißelte Nachbarin Regina Zindler vor versammelter TV-Gemeinde, dass Trommers freche Erbsen sich in ihren Maschendrahtzaun gekrallt hatten. Als Entertainer Stefan Raab die sächselnden Einlassungen zum Song mischte, lachte ganz Deutschland über die Nachbarschaftsposse. Der "Moschendroaahtzäunn" ist mittlerweile aus den Charts verschwunden. Der tägliche Irrsinn an der Grundstücksgrenze jedoch geht weiter.

* Ein Lehrer aus Unna beispielsweise erschoss mit seinem Luftgewehr den Papagei der Nachbarn, weil der ihn ständig beleidigt habe.
* Ein 73-Jähriger aus dem Kreis Dithmarschen leuchtete nachts mit einem 500-Watt-Scheinwerfer direkt ins Schlafzimmer der Nachbarn, weil die ihn angeblich geärgert hatten.
* In Köln prügelten Nachbarn mit Schaufeln und Stöcken auf ein Ehepaar ein, weil dessen Kinder bei einer Feier zu laut gewesen seien.
* In Chemnitz schlug eine 95-jährige Frau ihre 77-jährige Nachbarin im Streit um faule Äpfel mit einem Spaten krankenhausreif.

Die Tendenz zum Wand-an-Wand-Krieg

ist ungebrochen, sagt Ludger Baumeister vom Zentralverband der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer. Zunehmend müssten Vermieter Streitigkeiten unter Mietern schlichten. Die Deutschen hätten schlichtweg verlernt, Konflikte auszuhandeln, sagt der Magdeburger Sozialpsychologe Volker Linneweber. Der Nachbar werde als das "personifizierte Attentat auf das Privatleben" empfunden. In Ländern wie Italien, in denen die Menschen oft aufbrausend reagierten, sei der Streit nach einer Schreierei meist schon verpufft. In Deutschland jedoch würde der Ärger nicht selten totgeschwiegen, bis einer der Kontrahenten dann später explodiere.

"Nichtigkeiten blähen sich zu ernsten Auseinandersetzungen auf, und wenn es eskaliert, lassen wir oft den Anwalt für uns streiten", beklagt Linneweber. Dass der Gang vor Gericht den Wahnsinn im Treppenhaus meist noch anheizt, darf als gesichert gelten. "Wie bei der Scheidung einer Altehe kommt man mit Argumenten oft nicht weiter", so der Kölner Richter Dietrich Caliebe.

Versöhnlicher könnte

es in so genannten Güteterminen laufen, in denen ehrenamtliche Schlichter gegen eine Gebühr von etwa 50 Euro außergerichtliche Kompromisse suchen. Bei kleineren Strafrechtsdelikten wie Sachbeschädigung, Beleidigung, leichte Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Verletzung des Briefgeheimnisses sind diese Termine vor Einschaltung eines Gerichtes zwar Pflicht. Und auch in zivilrechtlichen Auseinandersetzungen haben einige Bundesländer bis zu einem Streitwert von 1.500 Euro die Schlichtung vorgeschrieben.

Durch den Umweg bereits eingeleiteter Mahnverfahren oder durch künstlich hoch gesetzte Streitwerte aber landen viele Verfahren direkt vor dem Richter. Als "pure Dummheit der Kontrahenten" bezeichnet dies der Berliner Schlichter Heinz Winkler, im Hauptberuf Rektor einer Hauptschule. Die Vermittler seien in etwa der Hälfte ihrer Fälle erfolgreich und könnten kostspielige Prozesse verhindern. Wenngleich jeder Nachbarschaftsstreit einzeln bewertet werden muss, haben Behörden und Gerichte einige wegweisende Entscheidungen getroffen:

* Grundstücksbebauung und Bepflanzung sind im Bürgerlichen Gesetzbuch und in den Nachbarschaftsgesetzen der Länder geregelt. In NRW zum Beispiel benötigen Rotbuchen oder Linden vier Meter Abstand zum Nachbarn, bei Ziergehölzen wie Flieder, Falschem Jasmin oder Haselnuss ist ein Meter das Minimum; bei zwei Meter hohen Hecken reichen 50 Zentimeter Abstand.
* Rasenmähen ist an Sonn- und Feiertagen verboten. Gartenfeste sind bis 22 Uhr erlaubt, danach muss im Haus weitergefeiert werden.
* Grillen auf dem Balkon kann im Mietvertrag verboten werden. Ist dies nicht der Fall, darf von April bis September einmal monatlich gebrutzelt werden. Die Nachbarn müssen 48 Stunden vorher informiert werden.
* Kleintiere wie Vögel, Fische, Zwergkaninchen oder Meerschweinchen dürfen immer in Wohnungen gehalten werden. Gerichte haben zudem entschieden, dass Papageien nur von 9 bis 12 Uhr sowie zwischen 13 und 19 Uhr im Freien abgestellt werden dürfen. Ein Hahn darf im Wohngebiet erst ab acht Uhr krähen, an Wochenenden oder am Feiertag ab neun Uhr. Hunde dürfen nur zwischen 8 und 13 Uhr sowie zwischen 15 und 19 Uhr bellen, höchstens aber 30 Minuten täglich und nicht länger als zehn Minuten am Stück.

Auch dem Mischlingsrüden "Robby" im Kölner Vorort Hahnwald ist vom Richter aufgegeben worden, täglich höchstens eine halbe Stunde zu bellen. Weil er sich nicht daran hielt, verurteilte das Amtsgericht "Robbys" Herrchen Erik Silvester zu 5.000 Euro Strafe. Nun hat der ehemalige Schlagersänger ("Zucker im Kaffee") Beschwerde gegen die Entscheidung eingelegt. "Die Nachbarn haben sogar schon behauptet, auch ich würde nachts bellen", empört er sich. Seiner Verbitterung hat Silvester in einem hundsgemeinen Protestsong Luft gemacht. Der Refrain von "Robby's Melody": "Ein Hund muss bellen, ein Mensch der spricht, nur Tote, ja, die hört man nicht."

Detlef Schmalenberg / print

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