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Neue Spielregeln: Das Abitur allein ist nicht genug

Immer mehr Hochschulen prüfen in Tests oder Aufnahmegesprächen, ob Bewerber zu ihnen passen. Auch wer kein Top-Abi hat, bekommt eine Chance auf einen Studienplatz.

Die Münchner Zahnmediziner lassen Drähte biegen, die Karlsruher Geschichtswissenschaftler fragen fies, ob denn nicht das Ende der Geschichte längst gekommen sei, und die Heidelberger Juristen wollen wissen, ob eine gerade Linie sympathischer ist als eine gewellte. Alles kein Abi-Stoff - und doch fast genauso wichtig für die Zulassung zum Studium wie das Abschlusszeugnis: Immer mehr Universitäten und Fachhochschulen prüfen Abiturienten mit Tests oder in Aufnahmegesprächen auf Studieneignung und Motivation. "Wir wollen Menschen nicht länger auf den Abi-Schnitt reduzieren", sagt Rosemarie Tracy, Professorin an der Uni Mannheim. "Auch jemand mit einem 1,0-Abi bricht ein Studium ab, wenn es nicht zu ihm passt."

Um die Studenten zu finden, die zu ihnen passen, vergeben die Universitäten und Fachhochschulen in Baden-Württemberg ab dem nächsten Wintersemester 90 Prozent aller Studienplätze in Numerus- clausus (NC)-Fächern selbst. In Bayern proben derzeit drei Universitäten, darunter die TU und die LMU München, die Auswahl von Studenten. Auch in anderen Bundesländern basteln Professoren an neuen Verfahren, zum Beispiel an der FU Berlin, wo momentan rund 80 Prozent der Studienplätze über einen NC vergeben werden. Und ein knappes Viertel der Studienplätze in den ZVS-Fächern Pharmazie, Medizin, Tier- und Zahnmedizin, Betriebswirtschaft, Biologie, Psychologie können momentan von den Hochschulen vergeben werden, ab dem Wintersemester 2004/ 2005 sollen es sogar 50 Prozent sein. Komplett entwertet wird das Abi dadurch nicht. "An staatlichen Hochschulen muss die Abiturnote in der Regel mit mindestens 51 Prozent in die Bewertung eines Bewerbers einfließen", sagt Arndt Bode, Vizepräsident der TU München. Will heißen: Wer ein ganz schlechtes Abi hat, muss sich im Aufnahmeverfahren ziemlich anstrengen, um das Ruder noch herumzureißen.

"Das Gespräch war meine einzige Chance"

Die meisten Hochschulen setzen bei der Auswahl ihrer Studenten auf Aufnahmegespräche. An der Uni Karlsruhe wird von den Geistes- und Sozialwissenschaftlern auch die Einsendung eines Motivationsschreibens, die Empfehlung eines Lehrers und ein Essay zu einem selbst gewählten Thema verlangt. Im Fach Diplom-Anglistik an der Uni Mannheim werden Praktika und Auslandsaufenthalte mit Bonuspunkten belohnt. Anglistikprofessorin Rosemarie Tracy findet die Bewertung von Lebensläufen ziemlich knifflig: "Was ist toller - ein Jahr als Au-pair in England oder ein Schuljahr in Australien?" Tracy gibt zu, dass der Druck auf Abiturienten durch die neuen Verfahren zunimmt: "Sie sollen nicht nur gute Abi-Noten haben, sondern neben der Schule auch noch Praktika machen, ins Ausland gehen, sich sozial engagieren und zwischen den Abi-Prüfungen möglichst brillante Essays für ihre Wunsch-Uni schreiben."

Jeannette Hensler bekam die Einladung zum Aufnahmegespräch für das Fach Medizin an der Humboldt-Uni Berlin, einen Tag nachdem die Absage der ZVS im Briefkasten lag. Die Brandenburgerin hat einen Abi-Schnitt von 2,7 - eigentlich zu schlecht für einen Medizinstudienplatz. "Das Gespräch war meine einzige Chance", sagt Jeannette. Sie ist zwei Stunden vor ihrem Termin in der Uni. Aus dem Prüfungsraum stürzt ihr ein weinendes Mädchen entgegen. "Das war's", denkt Jeannette, "die nehmen mich auch auseinander." Als sie dann mit drei Professoren und einer Psychologin im Halbkreis sitzt, "ohne Tisch dazwischen, ganz schutzlos", ist ihr Mund so trocken, dass sie kaum sprechen kann. Die Prüfer stellen ihr Fragen zur Geschichte der Hochschule, zu BSE-Symptomen und nach ihrer Meinung zu Reformen in der Gesundheitspolitik. Jeannette antwortet leise und stockend. Als eine Professorin sie fragt, warum sie denn unbedingt Medizin studieren wolle, merkt Jeannette, dass sich der Knoten in der Kehle lockert. Sie spricht von der schweren Krankheit einer Verwandten, ihren Praktika in Krankenhäusern. Und sie erzählt, dass sie Chirurgie und medizinische Forschung besonders interessieren. Zwei Wochen später hat sie ihren Studienplatz.

"Was hat das denn mit Jura zu tun?"

"Eigentlich war das zum Schluss mehr ein Beratungsgespräch als eine Prüfung, auch ich konnte Fragen stellen und wusste besser, was mich im Studium erwartet", meint Jeannette. Sie glaubt, dass man mit solchen Aufnahmeverfahren jene herausfiltern könne, die Medizin "nur aus Prestigegründen oder wegen der Eltern studieren wollen". Arndt Bode von der TU München berichtet, dass im Fach Informatik die Studenten bessere Leistungen erbringen, seltener durch Prüfungen fallen und schneller studieren, seit die Uni ihre Leute selbst auswählt. Die Auswahl selbst findet der Informatiker "erstaunlich unkompliziert": "Wir in der Prüfungskommission hatten anfangs Angst, dass wir uns nicht einigen könnten, welche Bewerber wir gut finden und welche nicht. Aber das war dann überhaupt kein Problem." Er erinnert sich an einen Bewerber, "der hat seinen Zivildienst im Heim für behinderte Kinder noch verlängert, das fand ich toll, den haben wir genommen."

Aber wird ein Gutmensch auch ein guter Informatiker? Gerrick von Hoyningen-Huene, Juraprofessor an der Uni Heidelberg, hält nichts von Aufnahmegesprächen. Schließlich seien Uni-Professoren keine ausgebildeten Psychologen. "Da kommt doch gleich der Sympathie-Effekt - mei, ist der nett!", spottet von Hoyningen-Huene. Doch wie findet man ihn dann, den idealen Studenten? Durch einen Eignungstest, unbestechlich und objektiv, so von Hoyningen-Huene. Die Spitzen-Abiturienten bekommen ihren Jurastudienplatz in Heidelberg immer noch einfach so, aber wer einen schlechteren Notendurchschnitt hat als etwa 1,4 oder 1,5, muss zum Test. Bewerber sollen zum Beispiel Zahlenreihen fortführen oder aus mal mehr, mal weniger regelmäßig geformten Linien, Quadraten, Kreisen die Form heraussuchen, die ihnen "sympathischer" ist. Außerdem werden ihnen lustige Männchen präsentiert - ein Männchen beim Bergsteigen, ein Männchen am Gipfelkreuz. Welche Situation sagt einem mehr zu? Einige Abiturienten sagen nach der Prüfung, sie fühlten sich verarscht - "was hat das denn mit Jura zu tun?".

Schöne neue Uniwelt

Mit solchen Testverfahren will man zum Beispiel herausfinden, ob jemand "Monotonie-anfällig" ist: Wer also durchbrochene Formen sehr viel häufiger "sympathisch" findet als regelmäßige, ist ein flattriger Typ, wenig "regeltreu", der sollte lieber nicht Jura studieren. Ein bisschen verdächtig sind auch die hochintelligenten Bewerber: "Extrem Intelligente sind eigenwillig, nicht führbar. Wir sind ein Massenbetrieb, da können wir mit Spinnern nichts anfangen", sagt Juraprofessor Gerrick von Hoyningen-Huene.

Der genormte Student, der sein Studium zack, zack durchzieht, ohne nach rechts und links zu schauen - schöne neue Uni-Welt. Zum Glück gibt es Fakultäten, die auch "Spinner" aufnehmen. "Wir brauchen hier beide, den verschrobenen Wissenschaftler und den Praktiker", sagt Arndt Bode, Informatikprofessor von der TU München. Die Fachhochschulen suchen dagegen eher Praktiker. "Unsere Leute arbeiten später beispielsweise im internationalen Marketing, das müssen Macher mit überzeugendem Auftreten sein. Wer beim Auswahlgespräch schon ganz zweifelnd und schüchtern zur Tür reinkommt, hat schlechte Chancen", sagt Georg Obieglo, Rektor der Fachhochschule Reutlingen.

Hochschulen sind nicht gleich - das zeigt auch das Hochschulranking. Die einen bieten bessere Bedingungen für Praktiker, die anderen sind das Paradies für Forscher. Fächer wie Betriebswirtschaft kann man an der einen Hochschule mit mathematischem, an der anderen mit sozialwissenschaftlichem oder Sprachen-Schwerpunkt studieren. Darum läuft auch jedes Aufnahmeverfahren anders ab.

Blender und Schaumschläger sollten aufpassen

Bei Siegfried Engl, Studienberater an der FU Berlin, rufen regelmäßig "panische Abiturienten" an, die wissen wollen, wie man sich denn am besten auf ein Aufnahmegespräch vorbereitet. "Mit Selbsterforschung", rät Engl. Der Abiturient soll für sich also die Fragen beantworten, die die Prüfer ihm mit ziemlicher Sicherheit auch stellen werden: Warum will ich genau dieses Fach an dieser Uni studieren? Weshalb halte ich mich für besonders geeignet? Was will ich später beruflich machen? Außerdem sollte sich jeder über Inhalt und Verlauf des Wunschstudiums und die spätere Berufspraxis informieren: Ein Psychologiestudent sollte zum Beispiel wissen, dass auch Statistik-Kurse ein wichtiger Bestandteil des Studiums sind.

Blender und Schaumschläger sollten aufpassen. So weiß Markus Baumanns, Geschäftsführer der privaten Bucerius Law School, dass "viele angehende Juristen erst mal in den Bewerbungsbogen schreiben, ihr Lieblingsbuch sei Bernhard Schlinks Roman 'Der Vorleser' - aber über den Inhalt kann man dann nur mit wenigen reden." Oft werden auch aktuelle politische Fragen im Aufnahmegespräch diskutiert. So musste ein Zahnmedizinbewerber an der Uni München mit den Professoren über die Stellung der USA in der heutigen Welt debattieren. Nur ein Stückchen Draht mit der Zange zum Quadrat biegen reicht einfach nicht.

Buchtipps

- Erfolg im Auswahlgespräch. Der unentbehrliche Ratgeber zur Vorbereitung auf Auswahlgespräche an allen deutschen Hochschulen von der Arbeitsgruppe Studienberatung der FU Berlin, 160 S., 15 Euro inklusive Versand.
- Auswahlgespräche mit Studienbewerbern. Handreichung für die Hochschulen von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA) (Hg): Eigentlich ein Leitfaden für Professoren - wer ihn gelesen hat, weiß besser, was ihn erwartet.
- Studieren heute. Erwartungen der einzelnen Studienfächer an ihre Studienanfänger von Werner Heldmann (Hg.), Bock Verlag, 427 S., 5 Euro. Ideal zur Vorbereitung auf ein Auswahlgespräch oder ein Bewerbungsschreiben: Dieser Studienführer beschreibt, was Professoren in verschiedenen Fächern von ihren Studenten erwarten. Es werden auch Empfehlungen für die Fächerwahl in der Schule gegeben.
- Testtraining 2000plus. Einstellungs- und Eignungstests erfolgreich bestehen von Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader, Eichborn, 508 S., 21,90 Euro.
- Einstellungstests von Henning Hustedt und Reinhard Hilke, Falken, 160 S., 9,95 Euro.

Nikola Sellmair / print

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.